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Drei Studierende stehen an einer Kreuzung und schauen suchend in verschiedene Richtungen.

Wie viel, weshalb, und vor allem, für wen? – Ein Gespräch zum Thema Fonds

Im Zuge der Corona-Krise sind viele Nothilfen entstanden, die Studierende mit finanziellen Zuschüssen in schwierigen Situationen unterstützen sollen.

22.06.2020

von Mandy Krause

Frank Thinnes, Leiter der Abteilung Studentisches Leben im studierendenWERK BERLIN, gibt wertvolle Hintergrundinformationen rund um das Thema Fonds.

Herr Thinnes, was konkret zählt unter den Begriff Notlage und was hat das mit Corona zu tun?

Das studierendenWERK verfügte schon vor Corona über einen Notfonds. Dieser wird jedes Jahr gefüllt für Studierende in Notlagen. Für die Bestimmung einer solchen Notlage gelten für uns die Kriterien unvorhersehbar, akut, unverschuldet und vorübergehend. Die Richtlinien legt der Verwaltungsrat des studierendenWERKs fest. Wer unverschuldet in eine akute Notlage gerät, soll nicht deshalb das Studium riskieren müssen. Die Summe wird jedes Mal individuell bemessen, wobei es sich um ein sehr aufwendiges Verfahren handelt. Auch nicht jedes Studierendenwerk bietet einen Notfonds an. Durch die Corona-Krise sind auf einen Schlag sehr viele Studierende in eine akute prekäre Lage geraten. Vieles verschlimmerte sich, vor allem genau während der Semesterferien, in denen Studierende häufig zu 100 Prozent arbeiten gehen, um sich ihr Studium zu finanzieren. Und genau dann sind auf einmal ihre Jobs weggefallen.

Die aktuellen Fonds sollen Studierende in Not auffangen. Wer hat die Initiative für die verschiedenen Fonds ergriffen?

Bereits im März setzte sich das studierendenWERK das Ziel, den Notfonds auf diese neuen Bedingungen hin anzupassen. Das war sehr hart, denn das übliche Antragsverfahren verlief analog. Der Verwaltungsrat hat den neuen Bedingungen zur Online-Antragstellung in Rekordzeit zugestimmt, sodass wir Anfang April mit dem angepassten Notfonds online gehen konnten.

Nach dem gleichen Schema sind auch die anderen Fonds gegründet worden. Der Technikfonds ging aus einer politischen Initiative hervor, deren erste Idee es war, technische Geräte bereitzustellen. Doch aufgrund der Kontaktsperren gestaltete sich eine Übergabe von Hilfsmittel als zu kompliziert, weshalb auch hier die Lösung war, schlicht Geld auszuzahlen.  

SoliFUnds dagegen ist eine besondere solidarische Geste der Freien Universität, die auf die Initiative und Spenden hauptsächlich von Professor*innen aber auch anderen Mitarbeiter*innen zurückgeht.  

Für den Technikfonds sind 2.729 Anträge eingegangen und bearbeitet worden. Davon wurden 640 Anträge bewilligt, und wiederrum 285 Anträge haben zu einer Auszahlung geführt. Woher rühren diese extremen Spannen?

Der häufigste Ablehnungsgrund war tatsächlich ein zu hoher Kontostand. Ein Studium allein reicht nicht als Bewilligungsgrund, es muss eine Bedürftigkeit vorliegen. Darüber hinaus führten unvollständige oder von den Anforderungen abweichende Dokumente zur Ablehnung, und fehlende Spendenmittel zu einer verzögerten Auszahlung.

Wieso gilt eine Bemessungsgrenze von 500 Euro? Welche Richtlinien wirken im Hintergrund mit?

Die Ausschüttung der Fonds richtet sich an wirklich bedürftige Studierende, die keine eigenen Mittel zur Verfügung haben. Wir haben uns lange damit beschäftigt, welche Bemessungsgrenze, und vor allem wie wir diese ansetzen sollen. Nach dem SGB II beträgt der Regelbedarf für die grundlegende Deckung des Lebensunterhaltes aktuell 436 Euro. Wir liegen sogar noch ein bisschen darüber und für Studierende mit Kind gilt eine noch höhere Bemessungsgrenze. Die Logik dahinter ist, dass Studierende nicht den Teil des Geldes anrühren sollen, der zur Deckung ihres Lebensunterhaltes verfügbar bleiben muss. Mietausgaben sind zu individuell, um sie berücksichtigen zu können. Außerdem gilt während der Corona-Krise ein besonderer Kündigungsschutz im Falle eines Zahlungsverzugs.  

Ich selbst habe einen Antrag für Unterstützung aus dem Technikfonds gestellt, habe dafür nicht mehr als eine halbe Stunde gebraucht und den Prozess als bürokratisch „schlank“ empfunden. Welche Nachweise und Angaben sind dennoch unumgänglich?

Es lag auch im Interesse des studierendenWERKs, die Antragstellung einfach zu halten. Bestimmte Erklärungen sind dennoch unumgänglich. Studiert die Person an einer von uns betreuten Hochschulen? Wie sind die Einkommensverhältnisse? Ist der Antrag stimmig? Dafür müssen wir nun mal einen Blick darauf werfen, wie der Kontostand der letzten Monate aussieht. Anträge, die nicht plausibel sind und bei denen wir von einem Betrug ausgehen, werden abgelehnt. Das ist jedoch nicht die Mehrheit. Wir verzichten zudem auf einen Nachweis darüber, ob das Geld für die beantragte Leistung ausgegeben wurde.

Nice to know: Für welche Technik wurde denn am häufigsten Geld beantragt?

Für Endgeräte, wie beispielsweise Laptops.

Seit dem 16. Juni gibt es nun zudem die sogenannte Überbrückungshilfe. Worin unterscheidet sie sich von den anderen Fonds?

Die Überbrückungshilfe ist ins Leben gerufen worden vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, das DSW [Deutsches Studentenwerk, Dachverband der Studierenden- und Studentenwerke, Anm. d. Red.] organisiert die zentrale Umsetzung. Zuerst wollte man den Studierenden über KFW-Kredite helfen. Doch es wurden zusätzlich 100 Mio. Euro bereitgestellt, die nun in die Überbrückungshilfe fließen. Ab dem 25. Juni werden die Anträge der Berliner Studierenden vom studierendenWERK BERLIN bearbeitet. Innerhalb von weniger als 24 Stunden sind bereits über 1.600 korrekte Anträge eingegangen. Die Bemessungsgrenze von 500 Euro ist hier allerdings absolut nicht verhandelbar. Wer mehr hat, kann den Antrag gar nicht erst absenden.

Das studierendenWERK Berlin bearbeitet demnach alle Anträge, egal für welchen Fonds?

Genau. Mitarbeiter*innen der Sozialberatung wenden sich in dieser Zeit von ihren Hauptaufgaben ab, um die Anträge zügig zu bearbeiten. Das war auch innerhalb des studierendenWERKs keine leichte Sache. Die Umstellung auf Homeoffice, Kontaktsperren, das Einarbeiten in einen neuen Kontext sowie das Neupriorisieren der gesamten Aufgaben forderte uns stark heraus. Auch für die zukünftige Arbeit nehmen wir aus dieser Zeit sehr viele wertvolle Kenntnisse mit.

Eine FAQ-Seite und eine Vergleichstabelle stehen den Studierenden zur Erleichterung der Antragstellung zur Verfügung. Welche Bitte haben Sie dennoch an die Studierenden und zukünftige Antragsteller*innen?

Unsere Mitarbeiter*innen haben sehr viel Verständnis für die Lebens- und Notlagen eines*einer jeden Einzelnen. Und es ist auch für Studierende wirklich frustrierend, wenn man jetzt gezwungen ist, eigene Ersparnisse zu nutzen. Aber die Fonds richten sich an die Bedürftigsten der Bedürftigen. Deshalb plädiere ich für mehr Verständnis dafür, was es wirklich heißt, in akuter Notlage zu sein. Sinn und Zweck dieser Nothilfe ist eine akute Linderung, keine andauernde finanzielle Hilfe. Deshalb machen wir die Bemessungskriterien transparent.

 

Foto: FELIX NOAK

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