Foto: Felix Noak
Studentin im Rollstuhl und Studienassistent am InfoPoint

Was ist eine Studienassistenz?

Werkblatt-Autorin Mascha über eine interessante und vielfältige Tätigkeit ...

03.02.2020

von Mascha Malburg

Studienassistenzen unterstützen Studierende mit einer chronischen Erkrankung oder Behinderung in ihrem Unialltag. Sie holen ein Buch von der obersten Regalreihe, lesen Texte vor, die zu klein gedruckt sind, oder geben Kommiliton*innen mit einer psychischen Erkrankung den Mut, sich in die Gruppenarbeit zu wagen.

„Eigentlich eine total angenehme Arbeit“, findet Isabel, die seit einigen Semestern als Studienassistentin arbeitet. Sie hatte vorher noch nie von diesem Job gehört, als sie ihr Kommilitone Julian im dritten Semester ansprach. Julian studiert wie Isabel Medizin – und hat eine Sehbeeinträchtigung. Während die anderen Studierenden über die Menge des Lernstoffs stöhnten, hatte Julian noch mit ganz anderen Dingen zu kämpfen: Viele Schilder konnte er nicht lesen, bei den Prüfungen stand dunkelgrüne Millimeterschrift auf hellgrünem Papier. Als dann das Präparieren dazu kam, ging es einfach nicht mehr allein: „An einer Leiche gibt es dann doch zu viele visuelle Details“, lacht er.

Studierende wie Julian, die eine studienerschwerende Beeinträchtigung haben, können bei der Beratungsstelle Barrierefrei Studieren im studierendenWERK BERLIN Integrationshilfen beantragen. Das kann eine Vorlesesoftware sein, ein*e Gebärdensprachdolmetscher*in oder eine Büchergeldpauschale, weil man zum Beispiel Texte größer ausdrucken muss. Viele brauchen aber auch einfach während ihres Unialltags einen Menschen, der sie begleitet und unterstützt. Dann können sie einen Antrag auf Studienassistenz bei der Beratung Barrierefrei Studieren stellen. Gemeinsam wird dann geschaut, wie viele Stunden in der Woche benötigt werden.

Ist der Antrag genehmigt, steht die große Suche nach einer passenden Person an: Prinzipiell kann jede*r Studierende und jede*r Absolvent*in einer Berliner Hochschule Studienassistent*in werden – ohne Ausbildung oder Vorkenntnisse. Doch nur Wenige wissen von dieser Jobmöglichkeit und melden sich eigenständig bei der Beratung Barrierefrei Studieren des studierendenWERKs BERLIN. In der Regel finden Studierende mit Beeinträchtigungen ihre Assistenz, indem sie selbst bei ihren Mitstudierenden nachfragen. „Das war für mich sehr, sehr schwer“, erzählt Itai*, der im Rollstuhl sitzt. „Wir sind ja eigentlich alle Studenten, also auf einer Ebene. Aber wenn man dann jemanden fragt, ob er einem für Geld helfen würde, dann ist da sofort so eine Stufe.“ Gabriel* nickt. Auch er musste sich überwinden, Kommiliton*innen anzusprechen. „Meine Beeinträchtigung sieht man nicht. Es war ziemlich unangenehm, jemandem erstmal die eigene Krankheit zu erklären, um dann eine Absage zu erhalten“, erzählt er. Besser fänden es die zwei, wenn sich Studierende, die sich für einen Job als Studienassistenz interessieren, eigenständig beim studierendenWERK BERLIN oder bei der*m Behindertenbeauftragten der Uni melden würden und so vermittelt werden könnten. Auch hätten sie es schön gefunden, wenn Mitstudierende respektvoll nachgefragt hätten. „Das ist auf jeden Fall besser als zu starren!“, ergänzt Julian.

Er ist froh, seit vielen Semestern auf Isabel zählen zu können. Als Julian sie damals gefragt hat, hat sie gleich zugestimmt. Seitdem besuchen sie viele Kurse gemeinsam. Im Labor hält Isabel die Pipette, im Seminar flüstert sie ihm in den hinteren Reihen zu, was vorne dransteht. Das hat ihr auch schon mal Ärger eingebracht. „Ich musste mich dann rechtfertigen, warum ich denn im Unterricht tuschle“, erzählt Isabel. „Da habe ich erst bemerkt, wie blöd das ist, wenn man jedem neuen Dozenten erstmal die Beeinträchtigung erklären muss.“ Auch sonst ist Isabel durch ihre Arbeit für das Thema sensibilisiert worden. „Das geht schon auf dem Weg zur Uni los. Wenn Leute mit ihren Fahrrädern den Zebrastreifen nicht achten, kann das für Menschen mit Sehschwäche echt gefährlich werden.“ Julian und Isabel sind mittlerweile gute Freund*innen geworden. Bald werden sie im gleichen Krankenhaus das praktische Jahr beginnen. „Ich habe mit dem Schwerbehindertenausweis gewisse Vorteile, zum Beispiel, dass ich mir eine gut gelegene Klinik aussuchen darf. Und meine Studienassistentin darf dann natürlich auch mit!“, grinst Julian. „Wir helfen uns eben gegenseitig“, sagt Isabel und grinst zurück.

 

Habt ihr Lust bekommen, als Studienassistenz zu arbeiten oder braucht mehr Infos? Dann schreibt eine Mail an die Beratung Barrierefrei Studieren (bbs.fmp@stw.berlin) des studierendenWERKs BERLIN!

 

 *Name geändert.

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