Foto: Sascha Maikowski

Von einem ganz besonderen ersten Mal

Das Leben ist voller erster Male. Vor allem aber in Metropolen scheinen sich Dinge, die man noch nie zuvor getan hat, regelecht zu ballen.

von Mandy Krause

Egal ob langjährige Wahlberliner, Erst-vor-Kurzem-Zugezogene oder Einheimische, sie alle leben in einer der aktuell populärsten Städte der Welt und können sich vor reizvollem Unbekanntem kaum retten.

Es war Samstagabend und ich hatte eine Verabredung. Nichts Ungewöhnliches. An dem Tag war ich allerdings nervös. Und nein, es geht im Folgenden nicht um ein Tinder-Date.

„Mach‘ Dir keine Sorgen. Wir werden uns allmählich steigern. So gewöhnst Du Dich an die Umstände. Das, was Du am Ende zu sehen bekommst, ist ein unvergessliches Geschenk.“ – Diese Worte lockten mich zu einem neuen, ersten Mal: der Besuch des Gasometers in Berlin Schöneberg.

Nur wenige Schritte führen vom S-Bahnhof Schöneberg hin zum EUREF-Campus. Dort bieten mehr als fünf Hektar Fläche einen Standort für Unternehmen und Wissenschaft, die sich die Themen Energie, Nachhaltigkeit und Klima auf die Fahne geschrieben haben. Zwischen diesen modernen Gebäuden sah ich einen Zylinder aus Stahl funkeln. Er ragte deutlich höher über die anderen Gebäude hinaus. Sein Gerüst schimmerte in der Abendsonne. Ich erreichte das Areal, vorbei am Pförtner, über einen kurzen Fußgängerüberweg stand ich auf einmal am Fuße meiner bevorstehenden Herausforderung.

Steffanie wartete bereits auf mich. Sie war zu dieser Stunde Back-Up. Besucher*innen, die die Höhe unterschätzen und die Besteigung frühzeitig abbrechen, holt sie wieder nach unten. Hier unten am Boden waren wir die einzigen. Ich schaute hinauf und sah drei leuchtende Punkte. Das waren Besucher in Neonwesten, die es bereits auf den sechsten von sieben zu erklimmenden Ringen geschafft hatten. Wie ungewöhnlich, dachte ich. Berlin als eine Stadt ohne Skyline behält es sich vor, eine der wenigen Erhebungen als Geheimtipp wirken zu lassen.

Wenige Augenblicke später steckte auch ich in einer der leuchtenden Warnwesten. Es war ein warmer Frühlingsabend, und ich ließ den Mantel zunächst weg. „Unterschätze den Wind in der Höhe nicht!“ – Mantel und Weste bildeten meine einzige Ausrüstung. Ob ich es auch schaffen würde, ein leuchtender Punkt am oberen Ende dieses Stahlzylinders zu sein? Werde ich es über die 420 Stufen auf den obersten Ring schaffen?

Wir stiegen die ersten Treppen schnell hinauf. Noch wagte ich einen Blick nach unten. Alles in Ordnung, sagte ich zu mir. Die Häuser um uns herum ragten höher als wir. Wir gingen weiter und ich hielt mich mit beiden Händen am Geländer fest. Steffanie erzählt währenddessen von der Geschichte des Gasometers. Als wir den dritten Ring erreichen, schaue ich nicht mehr nach unten. Nun stehen wir Auge in Auge mit den Gebäuden, die uns umgeben. Das Geländer reicht uns bis zur Hüfte. Ansonsten umgibt uns nichts als Luft und die Sicht auf Berlin.

Wir verließen den Treppenaufgang erstmalig auf der Höhe des fünften Rings und bewegten uns Schritt für Schritt auf dessen schmalen Pfad fort. Mir fehlte plötzlich die Sicherheit der Stufen, auf die mich während des Aufstiegs so stark konzentrierte.

Der Wind peitschte uns um die Ohren, fortlaufend strichen wir uns die Haare aus dem Gesicht. Ich versuchte, Steffanies ausgestrecktem Finger zu folgen, der auf die Wahrzeichen Berlins deutete. Vom Teufelsberg, über den Funkturm, hin zum Potsdamer Platz und Humboldthain, über die Wohnhäuser Marlene Dittrichs und David Bowies bis zum Tiergarten umgibt uns ein 360°-Panorama der Stadt Berlin. Steffanie strahlte, während sie erzählte, und lehnte dabei entspannt am Geländer. Ich bewunderte ihre Freude und Leichtigkeit, mit der sie sich in dieser Höhe bewegte.  

Nur noch wenige Stufen trennten uns von der höchsten Ebene: Ring 7. Ich nahm noch einmal allen Mut zusammen und traute meinen Augen nicht, als wir oben ankamen. Wir streckten die Arme aus: keine weitere Stufe vor uns, kein weiterer Stahlträger über uns. Berlins Himmel war sichtbar geteilt in einen Streifen roter Abendsonne und blauer Nacht. Ich konnte beobachten, wie vereinzelt die Lichter angingen. Ich versuchte den Blick, den mir diese Höhe schafft, bewusst wahrzunehmen und abzuspeichern, alles aufzusaugen. Steffanie lehnte wieder gelassen am Geländer und lachte. Berlin, denke ich mir hier oben, raubt mir nicht zum ersten Mal die Nerven. Doch dieses Mal stehe ich drüber!

 

PS: Mehr Berlin-Tipps unserer Redaktion findet ihr hier. – Auch für Menschen mit Höhenangst geeignet!

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Sascha Maikowski

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Foto: Stefanie Gruner

Foto: Sascha Maikowski


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