Video: Was tun gegen Stress?

Warum sind Studierende heute gestresster als früher? Und was lässt sich dagegen tun? Wir haben mit einem Psychotherapeuten gesprochen.

11.03.2021

von Wendy Sexton


Jeder vierte Studierende in Deutschland fühlt sich einer Studie zufolge stark gestresst. Was denken Sie, woran könnte das liegen?

Es gibt natürlich mehrere Gründe. Zum einen geht mit dem Studium auch ein neuer Lebensabschnitt einher, viele ziehen zum ersten Mal von Zuhause aus. Dann gibt es einen Prüfungsdruck, ganz stark, oft stärker als in der Schule und was vielleicht spezifisch für Deutschland ist, in den Semestern wird oft wenig gefordert, das heißt, das Lernen ist einem selbst überlassen. Die Studierenden müssen selber entscheiden, "wann mache ich was, wo und wann?". Dadurch entsteht ein ständiges „ich könnte, sollte, müsste noch irgendetwas tun“. Es gibt aber keine konkreten Anweisungen und ich kann mir vorstellen, dass das viel Stress macht, das ist eine dauernde Belastung.

Warum sind Studierende heute gestresster als früher?

Viele führen das auf die Bologna-Reform zurück, dass alle Noten ständig zählen, dass die Semester durchgetaktet sind. Es gibt einen festen Stundenplan, man kann nicht mehr frei studieren, was man will und wann man es will. Das heißt, der Prüfungsstress und der Leistungsdruck beginnen ab dem ersten Semester, nicht erst zum Staatsexamen oder zum Diplom. Das ist das eine. Das andere ist, dass in Deutschland die Gymnasialzeit verkürzt wurde, Zivildienst gibt es nicht mehr. Es gibt keine Alternative, die so ansprechend ist im Moment, dass junge Menschen nach dem Abitur erst einmal etwas anderes machen. Das heißt, die Studierenden sind heute tendenziell jünger als früher. Das führt zu einem Spannungsfeld zwischen auf der einen Seite noch Abhängigkeit, die vielleicht stärker ist als früher von den Eltern, finanziell oder auch psychisch. Und auf der anderen Seite müssen sie aber früher auf eigenen Beinen stehen. Sie müssen früher selbstständig lernen können, müssen früher Verantwortung für die Zukunft übernehmen, sich Gedanken machen, was sie später mal arbeiten wollen. Dieses Spannungsfeld führt zu mehr Druck, zu mehr Stress als früher. Und dann ganz aktuell natürlich die Pandemie, die für ganz viele Studierende sehr belastend ist.

Welche Faktoren führen am stärksten zu Leistungsdruck? Und wie kann man Leistungsdruck lindern?

Also es gibt auf jeden Fall persönliche Faktoren. So etwas wie den Hang zum Perfektionismus, vielleicht auch, dass man in der Familie oder in der Schulklasse immer der Beste war oder die Beste war und dass man das aufrechterhalten muss. Dann kommt man an die Uni, auf einmal ist ein ganz anderer Pool an Leuten da, auf einmal haben alle irgendwie einen Top-NC und dann ist der Leistungsdruck natürlich ganz stark. Das ist das eine. Das andere ist natürlich auch strukturell gegeben von der Uni. Dass ein unheimlicher Druck aufgebaut wird für die Prüfungen, sie sind alle am Ende des Semesters, da muss auf einmal performt werden. Dann mit den Bologna-Reformen zählt jede Note auf einmal, jede Prüfung hat auch einen Wert für den Abschluss. Und dann gibt es heute so ein Phänomen, dass so ein gewisser Druck zur Perfektion irgendwie da ist. Es ist alles schneller. In Bewerbungsgesprächen heutzutage, wird zumindest so gemunkelt, ist es wichtig in Regelstudienzeit studiert zu haben.  Gleichzeitig ist es wichtig, sich persönlich entwickelt zu haben, Auslandssemester gemacht zu haben, hier ein Praktikum, dort ein Praktikum, irgendwie ganz mobil zu sein, gleichzeitig sozial zu sein, in Gruppen zu funktionieren, aufgeschlossen zu sein, witzig zu sein. Und das alles zusammen führt auf jeden Fall stark zu Leistungsdruck.

Was man dagegen machen kann? Dass man versucht, ein Stück weit davon weg zu kommen, sich zu vergleichen. Dass man darauf schaut, was passt gerade für einen selbst. Wohin geht die eigene Entwicklung und was passt wann ins Leben rein? Ganz wichtig sind auch Auszeiten. Tatsächlich ist es so, später ist es jedem egal im Bewerbungsgespräch, ob man jetzt ein Semester mehr oder weniger studiert hat. Und wenn man das eine Semester braucht, um vielleicht tatsächlich ein Praktikum im Ausland zu machen, aber vielleicht auch einfach um sich ein Stück weit mehr zu finden, um in einer Stadt anzukommen, dann sollte man das auf jeden Fall machen. Was ganz wichtig auch im Studium ist, die eigenen Hobbys nicht zu vernachlässigen. Heutzutage sind die Studierenden ja oft jünger und da ist das auch eine Selbstfindungsphase. Zwischen 18 und 25, 30 da passiert ganz viel im Leben und dem sollte man auch Raum geben.

Wie kommt Prüfungsangst zustande? Und was kann man dagegen tun?

Prüfungsangst ist eine Angst, wie der Name schon sagt. Und eine Angst per se hat einen Wert, eine Funktion. So auch bei der Prüfungsangst. Es ist schon okay, dass man Angst vor einer Prüfung hat, dass man da nervös ist, dass man gestresst ist und bis zu einem gewissen Punkt ist das auch hilfreich. Tatsächlich, wenn man nervös ist, wenn man ängstlich ist, dann funktioniert man schneller, funktioniert man besser. Evolutionstheoretisch leicht zu begründen, wenn man Angst hat, dann kann man schneller vor irgendetwas wegrennen oder kann besser kämpfen oder so. Und so ähnlich ist das auch bei Prüfungen, dass das System einfach hochfährt, dass man besser arbeiten kann. Es gibt nur einen Punkt, wo das dysfunktional wird, wo das nicht mehr produktiv ist, dieser Stress oder diese Angst und man dann vielleicht nicht mehr so gut arbeiten kann, nicht mehr so gut die Prüfung ablegen kann.

Ja, wie kommt es nun dazu? Prüfungsangst wird in der Psychologie und in der Psychotherapie in Verbindung mit sozialer Phobie gesehen. Das heißt, Prüfungsangst hat ganz viel damit zu tun, dass man sich mit anderen vergleicht. Das heißt, die Angst ist eigentlich nicht, die Prüfung zu versemmeln oder den Stoff nicht zu beherrschen, sondern, dass das andere sehen können, dass das andere merken, dass man vor anderen schlecht dasteht. Ich denke, dass man dann ein Stück weit daran arbeiten muss, dass man das loswird. Dass man sich vor einer Prüfung vielleicht in den Kopf ruft: Das ist für alle gerade ein Stress, keiner geht gerne in eine Prüfung. Jeder ist nervös davor und da vielleicht auch in sich rein hört und fragt: Ist es mir gerade wichtig, wie die anderen die Prüfung schreiben? Oder ist es mir wichtig, was die anderen für eine Note da rauskriegen? Und wenn man sich das vor Augen hält, kann man da vielleicht etwas besser dran arbeiten. Klar, und was anderes ist natürlich, dass man sich entsprechend vorbereitet. Zum einen rechtzeitig zu lernen und sich vorzubereiten und gleichzeitig, dass man sich vorher was gönnt, sich auf die eigenen Stärken beruft, sich positive Erinnerungen ins Gedächtnis ruf.

Worauf kommt es beim eigenen Zeitmanagement an, um Stress zu verhindern?

Beim Zeitmanagement ist ganz oft die Schwierigkeit, das als Zeitmanagement zu behandeln und nicht als Arbeitsmanagement. Das heißt, wenn man schon Zeitmanagement macht, was auf jeden Fall eine Stütze sein kann, dann muss man die ganze Zeit einbeziehen. Das heißt, man muss auch darauf achten, dass man gut schläft und genug schläft, dass man genug und gut isst und auch, dass man Freizeit einplant. Der größte Fehler ist, wenn man Zeitmanagement nur so versteht, dass man möglichst viel lernt, möglichst viel arbeitet, möglichst viel Stoff reinpackt und das ist dann gutes Zeitmanagement. Das ist tatsächlich eben schlechtes Zeitmanagement. Damit kommt man nicht weit. Das heißt, das wichtigste ist, dass es machbar ist und es eine gute Balance gibt. Wenn man das schon plant und strukturiert, dass man eben alles Mögliche einbezieht wie Freizeit und Erholung.

Glauben Sie, dass die Anonymität in besonders großen Studiengängen bei der Entstehung von Stress eine Rolle spielen könnte?

Ja, ich kann mir schon vorstellen, dass es in großen Studiengängen schwieriger ist, ein soziales Netzwerk aufzubauen, das einen stützt, das einem was gibt, das einen auffängt, wenn es mal schwierig ist. Das zum einen und zum anderen ist soziale Isolation selbst ein Stressfaktor.

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