Foto: JAGRIT PARAJULI/PIXABAY.COM
Studentin am Laptop bei einem Video-Meeting

Unser Fazit zum Digitalsemester

Die Werkblatt-Redaktion blickt zurück auf ein etwas anderes Semester.

05.08.2020

Evdokia Prassa, Foto: Jana Judisch

Amongst the unprecedented shifts in pretty much all facets of everyday life amid the coronavirus outbreak, transitioning to the digital semester stands out as the greatest adjustment Berlin universities had to accommodate. The virtual classroom, previously limited to long-distance study programmes, ensured compliance to epidemiological safety measures whilst clearly demonstrating that the traditional model of class attendance is not always necessary for fruitful class discussions and uninterrupted learning.

For those of us focusing on our theses or dissertations (i.e. those who did not have to attend any seminars), it is safe to assume that the digital semester experience was not as intense as for second-semester Bachelor’s students, for instance — except for the clearly felt limited access to bibliography due to closed libraries during the quarantine. It is hard to imagine that such an urgent transition under these extraordinary circumstances would not be accompanied by practical impediments, be that software issues, human error, or administrative lags — speaking for myself, I was one of the students who missed out on the time frame to validate their new semester card at the university before the quarantine took effect and effectively closed campuses down. I’m fairly certain that my experience was not uncommon (as a matter of fact, most of my closest friends found themselves in the same situation as me), and it would not come as a surprise if more bureaucratic incidents like this arose during this time; however, given the times, this is understandable, as long as issues are efficiently dealt with and resolved fairly for those affected.

At the end of the day, academia has shown that it can be administratively flexible when required. Therefore, my key takeaway from the digital semester is that a systematization of an academic model wherein both digital and physical class attendance can be an option in the future (that is, after the pandemic is over) will only benefit both students and staff — as long as it based on the values of fairness, accessibility, diversity, and inclusivity (as opposed to efficiency, fiscal or otherwise). Considering that the university should constantly strive towards facilitating access to people with disabilities and students from marginalised backgrounds, a flexible academic model is long overdue.

Viktoria Eckert, Foto: privat

Als Anfang April die Mail des FU-Präsidiums in meinem Postfach aufpoppte und das Sommersemester coronabedingt zum „Kreativsemester“ ausgerufen wurde, empfand ich eine gehörige Portion Skepsis. Wieviel Kreativität ist in einer solch außergewöhnlichen Situation nötig und überhaupt möglich? Ganz abgesehen von der Digitalisierung der Lehrformate, was in der Vergangenheit eher als ein Unterfangen der Unmöglichkeit anmutete.

Und wie gelingt mir unter diesen Umständen die Organisation meiner Studienassistenz, welche normalerweise in Lehrveranstaltungen neben mir sitzt und individuelle Mitschriften zu den besprochenen Inhalten anfertigt? Fragen über Fragen.

Mit ein wenig Abstand und den Erfahrungen vergangener Wochen und Monate, fällt mein Resümee nun erstaunlich gut aus: Die Umsetzung der Lehrveranstaltungen durch die Dozierenden erfolgte ohne größere Probleme und auch das Zusammenspiel mit meiner Studienassistenz war frei von irgendwelchen Störungen, dank den schier endlosen Kommunikationsmöglichkeiten des Internets – und somit letztlich auch dank der Digitalisierung!

Dieser Tatsache zum Trotz fände ich eine Rückkehr zum Präsenzbetrieb wünschens- und erstrebenswert. Schließlich fehlt dann irgendwie doch die Fahrt zum Campus ins beschauliche Dahlem, der unmittelbare Kontakt zu Kommiliton*innen und Dozierenden – ein gewichtiger Teil des Studierendenlebens, den selbst die Digitalisierung nicht leisten kann.

Marc Bräutigam, Foto: privat

April – Start der Digitalsemesters. Der Präsident meiner Uni verspricht im Newsletter, den ich nun zum ersten Mal lese, ein „ganz besonderes Semester voller Chancen“. Mit dem ersten Teil soll er Recht behalten. Meine mäßige Erwartungshaltung, die jeder Vorstellungskraft gegenüber erfolgreicher digitaler Lehre entbehrt, lässt den Semesterstart passabel verlaufen. Eine Präsentation teilen und anschließend im Gruppengespräch kommentieren, das funktioniert ja! Auch die logistischen Umstände des Digitalsemesters sagen mir anfangs zu. Eigentlich ist alles wie gewohnt – Augen halb geöffnet, eine Hand am Kugelschreiber, die andere umklammert fest die Kaffeetasse in der Hoffnung, der Inhalt möge Wunder vollbringen. Doch jetzt fällt es zusätzlich nicht einmal auf, wenn ich mich direkt nach dem Aufstehen im Halbschlaf leicht verspätet der Sitzung anschließe. Weitere Highlights zum Semesterstart sind neben ungewollt öffentlichen Telefongesprächen bei angeschaltetem Mikrofon („Ich kann grad‘ nicht reden, bin in so ‘nem langweiligen Seminar“), Kommiliton*innen in ungewohnten Lernumgebungen, etwa oberkörperfrei mit Bier im Garten oder mit verwundert dreinblickenden Babys auf dem Schoß. Ich stelle fest, dass das Digitalsemester zweifelsohne die Multitasking-Skills von Studierenden auf ein neues Level bringt.

Juni – Bestandsaufnahme zur Semestermitte. Nachdem die Anfangsschwierigkeiten noch durch Bier und Babys schöngeredet werden konnten, hat mittlerweile Resignation Einzug gehalten. Zwar haben einige Lehrende mithilfe durchdachter Online-Konzepte Wege gefunden, den Studierenden ein gutes Lernumfeld zu bieten und auch an unangenehme digitale Gruppentreffen mit unbekannten Webcam-Gesichtern habe ich mich nun gewöhnt. Dennoch ist meine Motivation aufgrund des Fehlens jeglicher Diskussionskultur in den Video-Meetings inzwischen tiefer gesunken als der verborgene Schatz am Meeresgrund, dessen Entdeckung ich mir noch immer als Alternative zu meinem geisteswissenschaftlichen Studium herbeisehne. Das wirre Diskutieren praxisferner Sachverhalte eingebettet in eine lebhafte Gesprächsdynamik war schon immer ein essenzieller Bestandteil meines Studiums, der sich jetzt nur sehr begrenzt entfalten kann.

August – Ende des Digitalsemesters. Das Fazit fällt bescheiden aus; wenn dieses Semester eines der Chancen sein sollte, dann eines der verpassten. Ich bin mir nicht sicher, ob es am Charakter der Online-Lehre per se, an der fehlenden Motivation der Studierenden oder an der mangelhaften Umsetzung auf Seiten der Dozierenden liegt – fest steht, dass dieses Halbjahr nicht meinen Ansprüchen an das zweite Mastersemester gerecht wurde. Kürzlich kam die Nachricht, dass auch das kommende Semester größtenteils digital gestaltet werden soll. Mit der Erfahrung eines dürftigen, aber eben ungewohnten und daher verbesserungsfähigen Semesters im Rücken bleibt für alle Seiten die Hoffnung, es im zweiten Anlauf besser zu machen.

Mandy Krause, Foto: Jana Judisch

Zuhause sterben ja bekanntlich die meisten Menschen. Wohin also in dieser fortwährenden viralen Machtergreifung?

Draußen nicht mehr sicher. Drinnen noch nie sicher gewesen. Ganz schön gefährlich auf dieser Welt. Und dann noch dieser psychische Druck. Alle leiden unter dem fehlenden sozialen Kontakt. Das Wiedersehen anderen findet nur noch in kleinen, aneinandergereihten Kästchen statt. So unpersönlich und distanziert. Dabei konnte man doch in noch nie so viele Wohnzimmer auf einmal schauen. Mal schauen, wie es denn die Kommiliton*innen so zu Hause haben. Die Profs setzen sich mit ihrer Webcam ja am liebsten vor ihr Bücherregal.

In Russland, da war ich, als Corona kam, heißt es nicht Corona-Semester oder Digital-Semester. Dort heißt es „Semester im Online-Regime“. Das Wort Regime bedeutet auch Herrschaftsform. Corona beherrscht uns alle. Wir spuren einfach nur noch. Ganz am Anfang die erste Zoom-Sitzung, ich weiß es noch genau. Da war man aufgeregt. So kamerascheu. Jetzt ist man geübt. Kamerablick, Lichteinwirkung, alles sitzt. Fast schon hemmungslos geht man gefolgt von der Kamera durch die Wohnung, dorthin, wo das Internet weniger hakt. Wer beherrscht hier also wen? Aber nun noch ein Semester von der eigenen Bude aus studieren? Noch ein Semester diese Zweiteilung aus oben schick und unten Jogginghose? Laut aufschreien will man da. Aber hört ja eh keiner. Ja, „Sie haben ja auch Ihr Mikro nicht angeschaltet.“

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