Foto: SANDRA NEUMANN
Studierende sitzen um einen großen Tisch und unterhalten sich.

Studentische Selbstverwaltung – Engagement fürs Miteinander

Als ich vor knapp fünf Jahren ins Wohnheim am Spandauer Damm gezogen bin, machte ich mir im Vorfeld so meine Gedanken: Wie knüpfe ich schnell Kontakt zu anderen Studierenden und was ist das überhaupt, dieses berühmt-berüchtigte Studentenleben?

03.08.2020

von Viktoria Eckert

All diese Fragen und Unsicherheiten lösten sich in Luft auf, als ich nach kurzer Zeit erstmals den Weg in unseren Gemeinschaftsraum bzw. Partykeller namens „Endstation“ fand und an der Vollversammlung der Studentischen Selbstverwaltung (SV) teilnahm.
Im Laufe der Jahre bekam ich einen umfassenden Einblick in die zahlreichen Aufgabenfelder einer SV, weshalb ich euch dieses Organ und dessen Bedeutung fürs studentische Zusammenleben im Wohnheim nun einmal vorstellen möchte – Spoiler: die Organisation von Partys steht dabei nicht im Fokus.

In den 32 Wohnheimen des studierendenWERKs BERLIN existieren derzeit 24 Selbstverwaltungen, deren Anfänge teilweise Jahrzehnte zurückliegen. So hängen im Bierkeller der SV Siegmunds Hof beispielsweise Veranstaltungsplakate aus den 1960er Jahren, wohingegen die Gründung der Selbstverwaltung Spandauer Damm quasi zeitgleich zur Errichtung des gleichnamigen Wohnheims erfolgte. Ein Blick in erste Satzungspapiere offenbart das Jahr 1995.

Solch eine Satzung enthält z. B. formale Vorgaben zur Gründung, Funktionsweise und Finanzierung. Den Grundstein für die Existenz einer SV bildet eine Abstimmung der Mieter*innen über deren Notwendigkeit. Im Anschluss wird eine zuvor erstellte Satzung zur Diskussion gestellt und ein Vorstand gewählt. Nach erfolgreichem Abschluss dieses Prozederes können die Vorstandsmitglieder ihr ehrenamtliches Engagement aufnehmen. Im Hinblick auf die Gestaltung des Miteinanders stehen die Selbstverwaltungen in engem Austausch mit der jeweiligen Wohnheimverwaltung und erhalten u. a. monatliche Zuschüsse zur Instandhaltung der Gemeinschaftsräume oder Einmalzahlungen für die Planung und Umsetzung von Semesterpartys. Zusätzliche Finanzierungsmöglichkeiten für eine SV bietet z. B. die eigenständige Bewirtschaftung gemeinschaftlicher Waschräume, was im Wohnheim am Spandauer Damm seit vielen Jahren erfolgreich praktiziert wird und den dortigen Bewohner*innen in Form von günstigen Waschtarifen zu Gute kommt. Im Gegenzug steht die Selbstverwaltung natürlich in der Verantwortung, den Laden sprichwörtlich am Laufen zu halten und die Kosten notwendiger Reparaturen und Wartungsmaßnahmen zu übernehmen. Den Überblick über die Finanzen hat im SV-Vorstand die Position des Kassenwarts, welche zu den unverzichtbaren Ämtern des Organs zählt. Unabdingbar ist zudem ein Vorstandsvorsitz innerhalb der SV, welcher den Verein vor Gericht vertritt. Je nach Wohnheimgröße und Aufgabenspektrum ist die Etablierung weiterer Ämter möglich – so z. B. die Benennung von Sprecher*innen für einzelne Wohnhäuser oder Beisitzenden, welche die Protokollierung jeder Sitzung übernehmen. Diese Zusammenkünfte bieten Raum und Zeit zum Austausch über aktuelle Themen und die Planung von Veranstaltungen, aber auch ein niedrigschwelliges Angebot für alle Mieter*innen zur Lösung von Problemen und der Realisierung eigener Ideen im Sinne der Gemeinschaft.

Dieses Gemeinschaftsleben wurde durch die Ausbreitung des Coronavirus nahezu auf Eis gelegt, während des Lockdowns waren alle derart genutzten Räumlichkeiten geschlossen und jegliche Versammlungen untersagt. Parallel zur Digitalisierung von Lehrveranstaltungen an den Universitäten fanden in dieser Zeit auch die SV-Sitzungen in digitaler Form und ein Austausch der Bewohner*innen über Messenger-Dienste statt.

Im Zuge der Lockerungsmaßnahmen vergangener Wochen nehmen nun auch die Selbstverwaltungen wieder ihre gewohnte Arbeit auf und öffnen Schritt für Schritt die Gemeinschaftsräume – selbstverständlich unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln. Die Durchführung von Veranstaltungen wird in nächster Zeit besonders viel Kreativität seitens der SV-Mitglieder erfordern, ganz abgesehen vom hohen Maß an Verantwortung.

Eingangs habe ich erwähnt, dass es im Moment 24 Selbstverwaltungen in den Wohnheimen des studierendenWERKs gibt. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sich zwei davon im Auflösungsprozess befinden. Grund ist in diesem Zusammenhang oft ein Nachwuchsproblem oder keine rechtzeitige Regelung der Nachfolge durch alte SV-Mitglieder. Eine gut funktionierende Selbstverwaltung ist also keinesfalls eine Selbstverständlichkeit und lässt sich nicht auf die Arbeit des Vorstands reduzieren, sondern benötigt zur Erfüllung ihrer Aufgaben möglichst viel Unterstützung aus der Wohnheimgemeinschaft. Unter diesen Voraussetzungen ist die SV ein großartiger Anlaufpunkt für Studierende, um in Berlin und im berühmt-berüchtigten Studentenleben Fuß zu fassen!

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