Foto: FELIX NOAK
Menschen von unterschiedlicher Herkunft, Alter und Geschlecht unterhalten sich in der Mensa.

Stereotype? Nein, danke!

Stereotype und Vorurteile prägen oftmals unser zwischenmenschliches Miteinander. Interkulturelle Trainings vermitteln Kompetenzen, um diesen Mustern entgegenzuwirken. Das Werkblatt hat eine solche Veranstaltung besucht.

05.03.2021

von Viktoria Eckert

Der Abend ist von Anfang an durch große Herzlichkeit geprägt. Nathalie Nicol vom Büro Kultur & Internationales im studierendenWERK BERLIN spricht einleitende Worte über sich und die Veranstaltung, etabliert in Rücksprache mit den Teilnehmer*innen des Workshops Leitlinien für eine angenehme Atmosphäre und schafft somit den Rahmen für die Auseinandersetzung mit einem durchaus sensiblen Thema: interkulturelle Vorurteile bzw. Stereotype. Im Anschluss erfolgt eine kurze Vorstellungsrunde unter den zwölf Teilnehmenden; manche teilen bereits zu diesem frühen Zeitpunkt sehr persönliche Erfahrungen hinsichtlich der Konfrontation mit Stereotypen und machen die Thematik so für alle greifbar.

Wichtiges Theoriekonstrukt für die Arbeit im interkulturellen Bereich ist übrigens das sogenannte Eisberg-Modell, welches (Un-)Sichtbarkeiten verschiedener Faktoren beschreibt und ins Bewusstsein ruft. Nachdem Eindrücke und Meinungen in der Gruppe ausgetauscht wurden, geht’s in die zentrale Übung dieses Workshops: „Euro Rail à la carte“, eine gedankliche Zugfahrt durch Europa mit ganz unterschiedlichen Menschen  – und der hypothetischen Frage, mit wem man die Reisezeit am liebsten verbringen würde und mit wem eher nicht. In Kleingruppen findet dahingehend ein angeregter Austausch statt, die Entscheidung fällt oftmals alles andere als leicht und wird dann innerhalb des Plenums zusammengetragen.

Selbstverständlich zielte diese Aktivität auf die Konfrontation und individuelle Reflexion existierender Stereotype ab, vom käseliebenden Franzosen bis zum dickbäuchigen Schweizer Banker. Auf den ersten Blick fast humorvolle Zuschreibungen, aber insbesondere Betroffene sehen das im Zweifel anders und verspüren mit der Reduktion auf Äußerlichkeiten ein großes Gefühl von Unwohlsein. Nathalie Nicol führt dazu weiter aus, dass Vorurteile nicht nur in Bezug auf Interkulturalität bestehen, sondern z. B. auch mit Blick auf Alter, Geschlecht und sexuelle Orientierung.

Der Input zu Stereotypen hält auch noch allerhand Wissenswertes bereit: Es ist nämlich so, dass Stereotypisierungen gewisse Vorteile haben: Sie reduzieren die ohnehin schon viel zu komplexe Umwelt, geben dem Individuum somit ein Gefühl von Sicherheit bzw. Stabilität und Zugehörigkeit. Der Kognitionsprozess selbst ist also vollkommen menschlich – nichtsdestotrotz oft die Quelle für Herabwürdigung und diskriminierendes Verhalten. Diese Tatsache wurde mir im Laufe des Workshops wiederholt eindrücklich vor Augen geführt. Aus diesem Grund ist es wirklich von großer Bedeutung, sich regelmäßig mit den „Bildern in unseren Köpfen“ – wie es der US-amerikanische Journalist und Publizist Walter Lippmann einst treffend formulierte – auseinanderzusetzen und diese von Zeit zu Zeit zu hinterfragen. Und speziell in Berlin, was sich in Öffentlichkeitskampagnen stets als weltoffen und international präsentiert, sollten interkulturelle Stereotype keine Chance haben – die Teilnahme an einem interkulturellen Training ist ein erster wichtiger Schritt.

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