Foto: JANA JUDISCH
Stadtschreiberin liest

Was Großstadtprosa ausmacht...

Berlin hat eine neue studentische Stadtschreiberin

04.02.2020

Von Mascha Malburg

Dana Vowinckel beißt noch schnell in ihre Brezel, dann ist sie bereit für das Interview. „Ich war vor der Lesung so aufgeregt, dass ich nichts essen konnte“, gesteht sie. Jetzt, da die Anspannung abgefallen ist, strahlt sie über das ganze Gesicht. Dana studiert Germanistische Linguistik und Französisch an der Humboldt Universität und hat gerade ihre Auftaktlesung als Stadtschreiberin 2020 gemeistert.

Bereits zum dritten Mal vergibt das studierendenWERK dieses Amt, das es den Gewinner*innen ermöglicht, ein Jahr lang ihre studentische Perspektive auf die Stadt literarisch einzufangen. Die dabei entstehenden Texte werden über einen studentischen Arbeitsvertrag vergütet und erscheinen auf dem Blog berlin stories (www.stw.berlin/berlinstories), auf den Bildschirmen in den Mensen und 2021 in einer Literaturanthologie des studierendenWERKs BERLIN.

Dana verfasst literarische Texte, seit sie schreiben kann. Und doch ist heute das erste Mal, dass sie öffentlich vorliest. „Ich habe das sonst eher zur Belustigung meiner Freunde gemacht“, erzählt sie. In der Schule schrieb sie Witzgeschichten über die Lehrer, später kamen absurde Alltagsbeobachtungen hinzu. Dana schreibt, weil es ihr Spaß macht, Prosa zum Einschlafen, Lyrik in der U-Bahn. Dass sie jetzt von einer unabhängigen Jury zur Stadtschreiberin gewählt wurde, kann sie kaum glauben. „Als die Mail kam, habe ich erstmal gedacht, die haben mich verwechselt“, lacht sie.

Dabei sind Danas Texte genau das, was moderne Großstadtprosa ausmacht. Zynisch beschreibt sie eine bourgeoise Hausparty im hip gewordenen Kreuzberg, dem Bezirk, in dem sie aufgewachsen ist. Danas Beobachtungen sind glasklar und tabulos, die Zuhörer im Saal grinsen und lachen und nicken. Als Dana den schmierigen Gastgeber beschreibt, hat wohl jeder ein Bild vor Augen.

Die veränderte Stadt, in der sie dennoch „jede Straße kennt und sich nicht verliert, auch wenn man mal innerlich verloren ist“, bildet den Hintergrund für viele ihrer Texte. Die Erinnerungen an eine Jugend in Shishabars, die es nicht mehr gibt, an das Berliner Bett, nach dem sie immer Heimweh verspürte, mischen sich leise und melancholisch unter ihren Zynismus. Dana schreibt von einem Käsebrot, Tampons und schimmelnden Smoothies, aber eigentlich schreibt sie auch von der Liebe, vom Frausein und dem Erwachsenwerden in Berlin.

Auch die Stadtschreiberin des letzten Jahres, Josephine Bätz, liest an diesem Abend noch ein letztes Mal ihre prägnante und assoziative Lyrik und präsentiert gleichzeitig ihr Abschlussprojekt, die Ausstellung „the city opens the windows (its eyes)“ (zu sehen bis zum 31.03.2020 im KUNSTRAUM Hardenbergstraße (Veggie Mensa 2.0, Mo-Fr. 11-15:30 Uhr). Die Fotos zeigen das nächtliche Berlin im Winter, eine ausgestorbene Stadt: stehengebliebene Rolltreppen, einen verkommenen Park, auf dem das Laub friert, Lichter, die niemand angeschaltet zu haben scheint.

Die Texte dieses Abends erzählen von der Metropole und ihren Häusern, deren Bewohner*innen und ihren Gedanken. Sie lieben Berlin, sie verfluchen es und vermissen jetzt schon, wie die Stadt heute noch ist. Manchmal bildet sie nur den grauen Hintergrund der Szenerie, manchmal kläfft sie einen zwischen zwei Wörtern an, wie ein Köter, der gerade aus dem Regen in den vollen Bus gesprungen ist.

Vor über hundert Jahren entdeckten Brecht, Kästner und Kaléko Berlin als literarischen Gegenstand. Doch die Autorinnen dieses Abends beweisen: Die Stadt, die „dazu verdammt ist, immerfort zu werden und niemals zu sein“[1], ist noch lange nicht auserzählt.


[1] Karl Scheffler, 1910

Dana Vowinckel (Stadtschreiberin 2020)

Josephine Bätz (Stadtschreiberin 2020)

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