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Religiöses Fasten: Lernen, die Seele zu kontrollieren

Aktuell beleuchten wir das Thema Fasten in all seinen Facetten. Taher aus Syrien hat uns erzählt, was Fasten für ihn bedeutet.

23.04.2019

von Mandy Krause

Taher* (30) kommt aus Syriens Hauptstadt Damaskus. In Karlsruhe studiert er den Masterstudiengang Elektrotechnik. Seit neun Jahren lebt er inzwischen in Deutschland. Seine Religion ist der Islam. Für Werkblatt erzählt er uns mehr über den Fastenmonat Ramadan.

Was bedeutet Fasten für dich?

Ich bin über meine Eltern zum Fasten gekommen. Ich war ungefähr 14 Jahre alt, als ich begonnen habe, es Ihnen nachzumachen. Meine Eltern waren nicht sehr streng. Sie wollten, dass ich im Ramadan vor allem an heißen Tagen ab und zu etwas trank. Seit dem 15. Lebensjahr faste ich nun kontinuierlich, egal welche Jahreszeit es ist. Als Erwachsener faste ich jedoch viel bewusster. Ramadan ist eine Herausforderung. Und man lernt, seine Seele zu kontrollieren.

Was genau heißt es für dich, die „Seele zu kontrollieren“?

Ich meine damit die Erziehung der Seele. Wir lernen und üben den Verzicht, um unsere tagtäglichen Bedürfnisse zu kontrollieren. Wir lernen, etwas durchzuhalten und durchzusetzen.

Wie sieht ein gewöhnlicher Tag bei dir im Ramadan aus?

Wie jeder andere Tag eigentlich auch, außer, dass ich eben tagsüber nichts esse und trinke. In Syrien ist es in der Regel sehr heiß. Ich bin aber auch dort wie gewöhnlich aufgestanden und zur Arbeit gegangen. Ich fühle mich gleichermaßen leistungsfähig – auch wenn ich hier in Deutschland faste.

Gibt es Tricks, die du anwendest, um deine Leistungsfähigkeit trotz des Verzichts aufrecht zu erhalten?

Nein, es gibt kaum Tricks. Im Fastenmonat möchte ich besonders meiner Religion folgen und Stärke zeigen, nicht „mogeln“. Dennoch achte ich bei Eintritt der Dunkelheit darauf, sehr viel zu trinken, auch noch einmal vor dem Zubettgehen. Ich greife dann auch gern mehr zu Süßigkeiten, denn sie geben mir Energie. Es hilft mir zudem, bereits zwei Wochen vor Beginn des Ramadans kontinuierlich den Konsum zu reduzieren. Ich möchte das Fasten nicht schlagartig beginnen.

Verzichtest Du auch noch auf mehr als Essen und Trinken?

Kaffee ist für mich tabu, wenn Ramadan ist. Im Sommer verbringe ich zudem so wenig wie möglich Zeit in der Sonne und achte auf meinen Energiehaushalt. Das heißt auch, dass ich seltener das Rad nehme und weniger Sport treibe oder zumindest nicht mit voller Kraft trainiere. Selbst reden kostet Energie. Also schränke ich auch das ein.

Du lebst bereits seit neun Jahren in Deutschland. Was wissen die Menschen in Deutschland deiner Meinung nach (noch) nicht über Ramadan?

Mir ist aufgefallen, dass viele nicht wissen, wie unterschiedlich Menschen fasten. Deutsche verzichten in ihrer Fastenzeit auf das, wovon sie meinen abhängig zu sein glauben. Das ändert nicht unbedingt deren Alltag. Im Ramadan wird mit dem Verzicht auf Essen und Trinken der komplette Tagesablauf geändert. Aber das hat einen sehr schönen Effekt. Außerhalb des Ramadans essen die Mitglieder einer Familie häufig zu unterschiedlichen Tageszeiten, denn jeder hat seinen Rhythmus. Im Ramadan kommen Freunde und Familie stets zur gleichen Tageszeit zusammen und genießen das Essen und Trinken in Gesellschaft. Deshalb ist das für mich damals in Syrien eine ganz besondere Zeit im Jahr gewesen, so wie jetzt in Deutschland.

Du hast eingangs erwähnt, dass du als Erwachsener bewusster fastest. Was heißt das konkret?

Im Ramadan konzentriere ich mich auf mein Innerstes. Es ist das übergeordnete Ziel, sich nicht von seinen Sehnsüchten leiten zu lassen. In der Fastenzeit wird mir bewusst, welche Bedürfnisse ich habe und wie ich diese kontrolliere – nicht die Bedürfnisse mich. Ich kümmere mich im Ramadan mehr um mein Inneres als um mein Äußeres. Und von dieser Kraft zehre ich noch das restliche Jahr über.

 

*Name geändert. Der Name ist der Redaktion bekannt.

 

Am 23. Mai 2019 lädt das studierendenWERK BERLIN zu einem gemeinsamen Fastenbrechen in der Mensa Hardenbergstraße ein.

 

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