Foto: Mascha Malburg

Poesie und Ohrensessel

Alle zwei Wochen verwandelt sich das Kaminzimmer der Coffeebar c.t. in einen Vorlesesalon.

28.11.2019

von Mascha Malburg

Die Plattform „Lies los!“ bietet Berliner Studierenden die Möglichkeit, ihre eigenen Texte zu lesen und sich mit anderen Schreibenden auszutauschen. Ich habe einen Abend lang zugehört.

„Das wird jetzt furchtbar kitschig“, warnt Hannes. Der junge Student zuppelt den Ärmel seines Sweatshirts zurecht, rutscht an die äußerste Kante des weißen Ohrensessels und liest los. Konzentriert horchen die Menschen im Kaminzimmer seinen Worten über dieses eine Mädchen, das einen so umhaut, dass man es einfach mit einer Naturgewalt vergleichen muss.

Alle zwei Wochen kommen hier im Hinterzimmer der Coffeebar c.t. an der Mensa HU Süd Studierende zu „Lies los!“ zusammen. Sie knabbern an Brezeln, lesen ihre eigenen Texte und hören sich gegenseitig zu. Theresa Brehm, Literaturwissenschaftlerin, Kulturmanagerin beim studierendenWERK und selbst Autorin, macht sich derweil Notizen. Jedem der sechs Vorlesenden an diesem Abend stellt sie ihre Fragen.  „Woher kommen diese Naturbilder, so mitten in der Stadt?“, fragt sie Hannes. „Ich habe mir gedacht, so ein riesiger Gletscher, der kommt schon ganz gut an diese Gefühle ran“, grinst er.

Auch die Zuhörer*innen, die es sich in den umstehenden Sesseln mit angezogenen Beinen gemütlich gemacht haben, dürfen Fragen stellen. „Woher kommen deine Ideen?“, will Magdalena wissen, die selbst zwei Gedichte mitgebracht hat. „Lies los!“ bietet ihr nicht nur eine Bühne, sondern auch den Austausch mit anderen Schreibenden. Magdalena studiert Literaturwissenschaft im ersten Semester, sie kommt aus der Nähe von Weimar und trägt ein knielanges schwarzes Kleid. Sie liest von einem mit Tinte beschriebenen Papier, betont gekonnt jede Silbe, lässt ihre Hände das Gesagte in der Luft unterstreichen. Magdalena ist so, wie man sich einen Stammgast bei einem Vorleseabend vorstellt. Aber neben ihr sitzt Jan im Blaumann. Jan studiert Maschinenbau, hat seine strubbeligen Haarspitzen blond gefärbt und liest eine Mail an eine Freundin, in der er erklärt, warum Menschen nicht wie reelle Zahlen sind. Eigentlich ist es eine Liebeserklärung, aber das verrät er nur hier. Jan hat nie gute Noten in Deutsch geschrieben, aber sein Text bringt die Menschen in den Sesseln zum Lächeln. „Und hat es mit deiner Freundin dann geklappt?“, fragt ein Mädchen ihn später.

„Wir haben hier einen offenen, aber sehr geschützten Raum geschaffen“, sagt Theresa Brehm, die „Lies los!“ Ende 2017 initiiert hat. Seitdem kommen Studierende, die ihre ersten Schreibversuche lesen und solche, die schon Bücher veröffentlicht haben. „Viele Studierende suchen nach Orten, wo sie einfach einmal etwas Eigenes vorlesen dürfen“, sagt Brehm. Die Schwelle dafür sei wesentlich niedriger als bei anderen Veranstaltungen, wie einem Poetry Slam: „Bei uns darf jeder lesen, was er will ­­– auch Unfertiges oder einen Auszug aus dem Tagebuch. Wir benutzen kein Mikro oder Podest, was es einfacher macht, loszulesen. Und während bei Lesebühnen auch gebuht oder scharf kritisiert wird, diskutieren wir die Texte auf sehr respektvolle Art und Weise.“ So unterschiedlich die Texte sind, ihre literarischen Gegenstände ähneln sich: „Die Stadt Berlin, das Erwachsenwerden, das Studium, das sind Dauerthemen.“, sagt Brehm. Seit 2018 schreibt sie darüber hinaus den Wettbewerb zum*zur Stadtschreiber*in aus, der*die dann ein Jahr lang vergütet berlinbezogene Texte aus studentischer Perspektive schreibt. Auch an diesem Abend schwingt die große Stadt in jedem zweiten Text mit. So auch bei Friedrich, dessen Protagonist zwei erfrorene Tauben am Lustgarten beobachtet. Und während er liest, wie das verwaschene Rosa der umstehenden Gebäude in den Boden fließt, stehen die Menschen im Kaminzimmer plötzlich neben ihm, neben der lauten Straße und trauen sich nicht, die toten Tauben mit der Schuhspitze zu berühren.

 

„Lies los!“ findet alle zwei Wochen im Kaminzimmer der Coffeebar c.t. (HU Hauptgebäude) statt. Der nächste Termin ist der 03.12.19, 19 Uhr. Wer seine*ihre Texte vorlesen möchte, kann sich über die Webseite anmelden. Im Sommer zieht „Lies los!“ in die Skyline Mensa an der TU.  Der Eintritt ist frei.

Theresa Brehm (links) im Gespräch mit der amtierenden Stadtschreiberin Josephine Bätz, Foto: Mascha Malburg

Das Kaminzimmer der Coffeebar c.t. bietet genau die richtige Atmosphäre für einen Leseabend. Foto: Luise Wagener

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