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Netzwerken – ein Job, den jede*r lernen kann

„Du hast ja gar kein Netzwerk!“ – Ninas Lächeln wirkte beim Blick auf mein Xing-Profil schlagartig entrissen.

11.04.2019

von Mandy Krause

 

Beruflich ist Nina Recruiterin. Portale wie Xing und LinkedIn sind ihr täglich Brot. Als mir vor kurzem ein Jobwechsel bevorstand, erinnerte ich mich dunkel an mein Profil auf Xing und bat Nina um eine fachliche Einschätzung. Mein Account gehörte geweckt, befand er sich doch seit geraumer Zeit im Schlummermodus. Ein bisschen Pep und frische Daten könnten sicherlich nicht schaden. Ninas Reaktion machte es kurzerhand jedoch ziemlich eindeutig, dass eine regelrechte Tiefschlafphase mein Profil beschattete. Wir ergänzten Fähigkeiten und Interessen, aktualisierten die Angaben zur letzten Tätigkeit und änderten mein Bild. „Nun ist deine Visitenkarte schick.“

Meine Visitenkarte? Das letzte Mal, dass ich Visitenkarten besaß, war bei einer Bildungsreise in Japan. Dort ist die Visitenkarte nicht nur ein Must-have; diese auszutauschen gehört zum guten Ton. Wer eine bekommt, ehrt sie durch einen aufmerksamen Blick und steckt sie keinesfalls zu hastig, sondern behutsam zur eigenen Sammlung. Das Gegenüber bekommt auch eine. Der Kontakt ist hergestellt. Aber ist er auch nachhaltig?

Das Unternehmen Xing beschreibt sich selbst als soziales Netzwerk für berufliche Kontakte und existiert seit 2003. Netzwerkenist also nicht erst seit gestern in aller Munde der Berufswelt; und Beziehungen schaden bekanntlich dem, der keine hat. Doch ab wann wird ein Kontakt zu einem Bestandteil eines Netzwerks? Und wie baue ich mir ein Netzwerk auf? Um das herauszufinden nahm ich am Workshop „Netzwerken – der Schlüssel zum Erfolg“, veranstaltet vom studierendenWERK BERLIN, teil.

„Das Netzwerken ist wahrhaftig ein Job für sich“, erzählte uns der Trainer Manuel Stöbel. Stille. Noch ein Job? „Kein Sorge“, warf Manuel Stöbel beim Anblick unserer entgeisterten Gesichter ein, „Sie sind darin bereits geübt. Sie managen Ihre Beziehungen tagtäglich über die sozialen Medien, in denen Sie sich aufhalten.“ Ab und zu ein „Gefällt mir“ oder einen kurzen Kommentar zu setzen, zählt also schon zum Beziehungsmanagement, dem Kern des Netzwerkens. Doch die Vorgehensweise beim Managen der Kontakte sei immer noch eine sehr individuelle Entscheidung. Die „Schleppnetz-Variante“ – das oberflächliche Sammeln von Kontakten – sei zwar auch eine Methode, aber eben fragwürdig, so der Trainer. Die Beziehungsebene käme dabei zu kurz. Ich fühlte mich sofort an Japan erinnert. Damals kam ich mit einem Vorrat an Visitenkarten, sorgsam in einem Etui einsortiert, zurück, ohne mich je an die Menschen erinnern gekonnt zu haben.

Welcher ist also der geschicktere Weg? Zuerst kommt es darauf an, Wunschkontakte zu identifizieren. Aus studentischer Perspektive bedeutet das, sich zu überlegen, wo die berufliche Reise einmal hinführen soll und wer mir für diese Reise behilflich sein könnte. Eine Firma, bei der ein Praktikum das Studienprofil sinnvoll ergänzt? Oder eine Dozentin, zu der ein guter Draht besteht und die über weitere Kontakte verfügt? All das sind Wege. Identifizierte Wunschkontakte bleiben allerdings nutzlos, solange wir nicht mit ihnen kommunizieren.

Deshalb gehen wir im Workshop direkt zum nächsten Punkt über, der Beziehungsaufnahme. „Reflektieren Sie zu allererst Ihr bestehendes Netzwerk“, gibt uns Manuel Stöbel vor, „bei welchen Menschen wollen Sie im Gedächtnis bleiben? Bei wem möchten Sie Energie und Zeit investieren?“. Um die Kontakte aufrechtzuerhalten, gibt es eine Palette an Möglichkeiten, angefangen bei WhatsApp-Gruppen, über E-Mails hin zu klassischen Offlinevarianten wie der Weihnachtskarte oder der persönlichen Gratulation zum Geburtstag. Alles sei eine Frage des Typs, bestätigt uns der Trainer, als die Meldung aus dem Publikum kam, wie unangenehm es doch werden könne, nach langer Zeit jemanden „anzuhauen“.

Es kommt jedoch nicht nur auf den eigenen Typ an, sondern auch auf den meines Gegenübers. Für einen erfolgreichen Small Talk ist es demnach wichtig, die Person schnell und richtig einschätzen zu können. Stöbel geht dabei auf die Temperamentenlehre der Antike ein. Während Choleriker gern das Thema bestimmen, zeigen Melancholiker mehr Gesprächsbereitschaft bei ernsteren Themen und Zuspruch. Small Talk wird schnell zu einem Spiel, je nachdem auf welches Temperament wir treffen. Ein paar allgemeingültige Grundregeln gelten aber immer: Provokationen und auch Themen wie Politik, Religion oder persönliche Probleme lassen den Small Talk schnell zum Killer-Talk werden. Die Ansprache sollte deshalb über ein oberflächliches und unemotionales Thema erfolgen. Das Wetter, das Buffet oder die Anfahrt seien geeignete Anfänge.

Introvertierte schrecken bei dem Gedanken, für das berufliche Netzwerk permanent kurze, oberflächliche Gespräche führen zu müssen, vermutlich zurück. Für Manuel Stöbel stellt das keinen Grund zur Sorge da: „Wenn Sie sich ungern unter lauter Unbekannten auf einem Event tummeln, dann wählen Sie eben den schriftlichen Kontakt und schauen mehr in Ihrem Bekanntenkreis nach. Bleiben Sie einfach authentisch.“ Auch Erstakademiker*innen, also Studierende, deren Eltern keinen Hochschulabschluss nachweisen, haben häufiger Schwierigkeiten im Aufbau eines vermeintlich oberflächlichen Beziehungsgeflechts. Sie wollen lieber durch Leistung an ihr Ziel kommen. „Netzwerken steht kurzum auch für den ‚Vertrieb‘ der eigenen Leistung“, argumentiert Stöbel an dieser Stelle. „Es ist nie falsch, durch die eigene Leistung zu überzeugen. Nur müssen Sie Ihre Leistung auch verkaufen können.“

In Sachen Netzwerken geht Qualität also ganz klar vor Quantität. Von der „Schleppnetz-Variante“ verspreche ich mir hingegen wenig. Portale zum beruflichen Netzwerken geben uns die Möglichkeit, unsere Kontakte bewusst auszuwählen und unser Portfolio an Leistungen unproblematisch zu präsentieren. Sie werden zu unserer digitalen Visitenkarte. Die Arbeit ist damit sicherlich noch nicht getan, ein erster Schritt in Richtung Aufbau eines Netzwerks jedoch schon. Mein Profil ist jetzt jedenfalls hellwach.

 

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