Foto: COSIMA KOPP
Außenansicht Tiny Houses

Living Tiny

Minimalismus ist schon lange nicht mehr nur Marie Kondo. Tiny Houses sollen nun das Wohnen der Zukunft sein. Doch wie ist es, in einem Tiny House zu wohnen? Ich habe das Experiment gemacht.

07.07.2020

von Cosima Kopp

Als ich in der kleinen Schlafkoje aufwache, sind es bereits 30 Grad. Das Tuch vor dem Fenster neben mir bewegt sich leicht mit der Brise. In einem Haus, das einem Bauwagen gleicht, ist die Hitze nur durch konstantes Lüften auszuhalten. Von meiner Schlafstätte aus kann ich durch die kleinen Küchenfenster grüne Bäume und einen strahlend blauen Himmel sehen. Die Stille lässt mich komplett vergessen, dass ich mich gerade mitten in Berlin befinde.

Als ich am Vortag das Gelände betrat, wirkten die Tiny Houses ganz verloren. Umgeben von den riesigen Hallen der ehemaligen Fabrik steht mein Zuhause auf Zeit, daneben das mobile Büro des Architekten Van Bo Le-Mentzel. Der „Tiny Temple" sieht von außen aus wie das Brandenburger Tor in weiß. In den Flächen zwischen den griechischen Säulen befinden sich Türen. Sechs Zimmer verteilen sich hier auf lediglich acht Quadratmetern. Um zur Wohnfläche im zweiten Stock zu gelangen, muss eine Leiter erklommen werden. Ich fühle mich wie ein Kind auf Entdeckungsreise.

Selber Bauen

Van Bo Le-Mentzel, der Architekt des Tiny Tempels, ging mit seinen Kreationen schon immer einen unkonventionellen Weg. Bekannt wurde er vor allem durch seine „Hartz-IV-Möbel”, die man einfach zuhause nachbauen konnte. Die Baupläne stellt Van Bo nämlich online kostenlos zur Verfügung. Mittlerweile schafft er voll bewohnbare Häuser im Kleinformat. Der Kerngedanke bleibt jedoch der Gleiche: Selber Bauen als Selbstermächtigungsstrategie gegen den Konsum.

Die Einrichtung im Tiny Tempel ist minimalistisch gehalten. Im Erdgeschoss befindet sich der sozial-Kiosk, ein frei zugängliches Bücherregal und eine Komposttoilette. Der sozial-Kiosk bietet die Möglichkeit zum Verkauf von Getränken. Die Räumlichkeiten sollen einen sozialen Ort schaffen und es dem*der Bewohner*in der darüber liegenden Wohnung ermöglichen, sich in der Gesellschaft zu verankern.

Die darüberliegende Wohnung ist mit dem Nötigsten ausgestattet: eine Küchenzeile mit Spüle und Gaskocher, ein Sofa, ein Tisch, ein Bett und zwei kleine Schränke. Die Spiegelwand und strategisch gesetzte Fenster lassen den Raum größer wirken. Doch wie ich in meinem Experiment merke, spielt sich das Leben in einem Tiny House hauptsächlich draußen ab. Zum Frühstück sitze ich an dem Tisch auf meiner „Terrasse” und lese Zeitung. Auch meine Klausurvorbereitung findet hier statt, doch einen kleinen Nachteil gibt es: kein WLAN. Dies ist dem derzeitigen Standort des Tiny Temples geschuldet. Wie ich merke, ist ein verfügbarer Internetzugang ein wichtiger Bestandteil in meinem Alltag. Ich fahre daher an mehreren Tagen meines Experiments zu diversen Cafés, um von dort aus zu arbeiten.

Am Abend besuchen mich ein paar Freund*innen, denen ich stolz eine Hausführung gebe, als wäre es mein eigenes. Bei mehr als fünf Personen wird es jedoch schon etwas eng; ein Tiny House ist definitiv kein Ort für große Partys. Doch an einem schönen Sommerabend ist es draußen eh viel schöner. Ansonsten komme ich gut auf der kleinen Wohnfläche zurecht. Lediglich beim Kochen fehlt mir mindestens eine weitere Flamme. Daher beschränkt sich für die Dauer meines Aufenthaltes mein Speiseplan auf Nudeln in allen erdenklichen Varianten.

Unreal Estate

Eigenen Grund und Boden, Englisch „real estate”, zu besitzen, ist der Traum von vielen. Van Bo Le-Mentzel findet, dass wir unser Wohnkonzept hinterfragen müssen. „Wenn das der wahre Status ist, dann möchte ich den unwahren Status bauen”, dachte er sich und baute kurzerhand sein erstes Tiny House, das er passend „Unreal Estate House” nannte.

Und Van Bo scheint mit dem Wunsch nach unkonventionellem Wohnraum nicht alleine zu sein. In den sozialen Medien sieht man immer häufiger Beiträge über das Bauen von Tiny-Häusern und das Wohnen in ihnen. Was mich dabei an den Häusern am meisten begeistert, ist der Individualismus. Denn das Tiny House ist perfekt auf die Bedürfnisse der Bewohner*innen angepasst. Der derzeitige Trend lässt die Frage aufkommen, ob nicht auch bald Tiny Houses kommerzialisiert werden. Van Bo ist sich sicher: „Schon jetzt kann man bei Tischlereibetrieben Tiny-Häuser bestellen. Es ist nur eine Frage der Zeit, ab wann man auch billig Tiny Houses kaufen kann, die so hergestellt sind wie der VW Käfer damals.”

Die Tiny Houses aus dem Katalog könnten also das Konzept der Zukunft sein. Derzeit kostet der Bau eines Tiny-Hauses noch weit über 15.000 Euro. Durch Vermietung der Wohnfläche könnte der minimalistische Lebensstil einer breiteren Masse zur Verfügung stehen, so beispielsweise Van Bos „Tiny100". Der Name des Hauses weist auf die durchschnittlichen Kosten pro Monat hin. Insbesondere für Studierende könnte dies eine kostengünstige Alternative bieten. Nach meinem Aufenthalt im Tiny Temple bin ich von der Idee begeistert und könnte mir definitiv vorstellen, selbst in Zukunft ein Tiny House zu bewohnen.

Foto: COSIMA KOPP

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