Initiative #NichtNurOnline – „Das Studium ist für viele von uns ein Lebensmittelpunkt“

Paula ist Studentin an der HU und Teil der Initiative #NichtNurOnline. Sie engagiert sich schwerpunktmäßig in den Bereichen Aktionen und Social Media und erzählt uns heute von der Initiative.

03.06.2021

Wer seid ihr und wie kam es zu eurer Gründung?

Für mich fing es damit an, dass wir in der Fachschaftsinitiative Philosophie an der HU viele Erfahrungsberichte von Studierenden erhielten und feststellten, dass es vielen aktuell nicht gut geht. Kurz darauf haben wir uns über die verschiedenen Unis hinweg vernetzt, da wir alle das Gefühl hatten, mit unseren Anliegen im öffentlichen Diskurs kaum vorzukommen. Wir haben uns in den Semesterferien Anfang des Jahres gegründet. Jetzt sind wir eine vernetzte Initiative aus verschiedenen Berliner Hochschulen und Unis und werden auch von verschiedenen Dozierenden und Professor*innen unterstützt.

Was sind eure Kernforderungen?

Ganz aktuell ist unsere Forderung, dass wir für das nächste Wintersemester klare Perspektiven brauchen und dass es kein viertes Digital-Semester werden darf. Das Wintersemester wird jetzt schon geplant und zum Beispiel an der HU sind an vielen Instituten über 80 Prozent der Lehrveranstaltungen immer noch in Digitalformaten geplant. Wir haben dafür kein Verständnis, denn die Impfprognosen für den Herbst sehen im Moment gut aus und es gibt schon jetzt Testmöglichkeiten an den Unis, die nur noch ausgebaut werden müssen. Mit Impfungen und Tests können wir, unserer Ansicht nach, wieder mehr Präsenz im Herbst zuzulassen. Wir hätten uns auch schon für das Sommersemester kreativere Konzepte gewünscht. Gerade jetzt, wo es wärmer ist, sind Konzepte draußen denkbar, sodass zumindest in kleinen Gruppen Präsenzveranstaltungen möglich sind.

Was sind eure zentralen Kritikpunkte an der Online-Lehre?

Was wir problematisch sehen, ist zum einen der Aspekt, dass die Qualität der Lehre in unseren Augen gesunken ist. Die Vermittlung von Inhalten ist je nach Fachrichtung und Thema erschwert. Vor allem in den Geisteswissenschaften fehlen die Diskussionen und der Austausch enorm. Der zweite große Punkt ist der soziale Aspekt, der im Moment sehr unter den Tisch fällt. Das kurze Gespräch auf dem Flur nach dem Seminar oder in der Mensa fällt eben weg. Gleiches gilt für die Kennenlernangebote für Erstis und Vernetzungsmöglichkeiten für den Berufseinstieg für ältere Semester. Der dritte Aspekt ist die Auswirkung auf die Psyche, die wir durch die Online-Lehre zu spüren bekommen. Vielen Studierenden fehlt die Alltagsstruktur, sie haben mit Motivationsverlust zu kämpfen und zum Teil auch mit Einsamkeit. Eine AOK-Studie, die Anfang des Jahres herauskam, zeigt, dass 56 Prozent der Studierenden angeben, psychisch stark von den aktuellen Corona-Maßnahmen belastet zu sein. Diese Zahl ist höher als bei beinahe allen anderen befragten Gruppen. Die Hälfte der 18- bis 24-Jährigen zeigt Symptome einer Depression. – Diese Zahl zeigt, wie es momentan um die psychische Gesundheit vieler Studierender steht. 

Welche Aktionsformen nutzt ihr, um auf euch aufmerksam zu machen und zu zeigen, dass es anders geht?

Wir haben zum Semesterstart des Sommersemesters eine coronakonforme Fahrraddemo durchgeführt, von der TU zur HU. Außerdem laufen ganz aktuell unsere Outdoor-Seminare. Diese zeigen, dass es im Moment auch anders ginge, wenn der Wille dazu da wäre. Wir können uns draußen mit Maske, Abstand usw. sicher begegnen und sicher Lehre praktizieren.

Das Thema der Hochschulöffnunug wird kontrovers diskutiert. Kritische Stimmen entgegnen, dass es unsolidarisch sei, die Unis zu öffnen, da es auch Studierende aus Risikogruppen gibt und noch nicht viele geimpft sind. Wie steht ihr dazu?

Erst einmal möchte ich das Missverständnis aus der Welt räumen, dass wir jetzt sofort vollständige Öffnungen fordern. Das haben wir nie und wollen wir auch jetzt nicht fordern. Ich möchte damit auch den Vorwurf von uns weisen, dass wir unsolidarisch sind. Ich glaube, dass wir Studierende als gesellschaftliche Gruppe sehr große Einschränkungen auf uns genommen haben. Das Studium ist für viele von uns ein Lebensmittelpunkt und ein Lebensabschnitt. Ich glaube es ist legitim, dass wir unsere Interessen jetzt artikulieren und dafür einstehen, dass Perspektiven geschaffen werden.

Wenn wir über das Wintersemester sprechen, reden wir ja von Oktober. Und im Oktober sieht die Lage beim Impfen ja auch schon anders aus. Wir müssen aber jetzt schon überlegen, wie könnte es dann aussehen. Sonst heißt es wieder von Seiten der Hochschulleitung, dass nicht so spontan umgestellt werden könne. In diese Situation dürfen wir erst gar nicht erst kommen.