Bild: Daniela Kummle / stW BERLIN
Gendersternchen

Gendern – ein alter Hut?

Während das Thema geschlechtergerechte Sprache in politischen Debatten immer wieder für Zündstoff sorgt, ist das sogenannte Gendern an den Universitäten schon lange Alltag.

01.07.2021

Wir haben Studierende gefragt, wie sie zum Thema Gendern stehen.

Polina, 24 Jahre alt, Master Kunst- und Bildgeschichte, Humboldt-Universität zu Berlin

„Bei uns am Institut wird sowohl in Hausarbeiten als auch während der Veranstaltungen gegendert. Eine Professorin verzichtete sogar auf die Herr/Frau-Ansprache in ihrem Seminar und nennt die Studierenden mit Vor- und Nachnamen.
Ich selbst benutze die gendergerechte Sprache auch im täglichen Leben, weil ich mich daran gewöhnt habe. Ich persönlich sehe keinen großen Unterschied zwischen Lehrer und Lehrerin, aber mich stört es nicht, beides zu benutzen. Dagegen wird in meinem Heimatland Russland nur in feministischen Kreisen gegendert. Allgemein  eher nicht."

Tobi, 25 Jahre alt, Master Soziokulturelle Studien, Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)

„Ich finde Gendern wichtig und mache es auch quasi überall. Dabei sind für mich eher nebensächlich die Effekte der Sprache selbst, das ist für mich kein sehr starkes Argument. Aber ich sehe das als eine Art Platzhalter für Ideologiekämpfe. Weil es so viel Backlash dagegen gibt, ist es gerade wichtig es zu tun. Man kann sich darin nicht mehr wirklich neutral positionieren, es ist gesellschaftlich ein Platzhalter geworden für Konservatismus vs. Emanzipation. Außerdem wird durch Gendern die Sprache einfach differenzierter, ich kann mich spezifischer ausdrücken in manchen Situationen.“

Roman, 27 Jahre alt, Bachelor Druck- und Medientechnick, Beuth Hochschule für Technik

„Ich gendere aus Überzeugung. Auch außerhalb der Uni. Für eine gerechtere Zukunft braucht es eine Sprache, in der alle mitgedacht werden, gerade Menschen außerhalb des altgedienten Modells Mann/Frau.
Klar, anfangs ist es ungewohnt und in bestimmten Kontexten kann es unangenehm sein oder sogar für Anfeindungen sorgen. Mutig ist, wer es trotzdem macht.“

Julia, 23 Jahre alt, Bachelor Deutsche Literatur, Humboldt-Universität zu Berlin

„Am Germanistischen Institut begegne ich selten Dozierenden, die nicht gendern. Dagegen scheinen viele Studis sich noch nicht damit beschäftigt zu haben, was mich immer überrascht und nervt. Immerhin beschäftigt sich das Studium Deutsche Literatur und Linguistik aber auch Literatur mit Sprache direkt.
Ich versuche immer gendergerecht zu sprechen. Für mich gibt es keinen Grund, das nicht zu tun. Ich möchte so inklusiv wie möglich reden, auch weil ich als Frau natürlich selbst davon betroffen bin. Schriftlich benutze ich meistens den * oder versuche, möglichst neutral zu formulieren. Die Sprache ist einer ständigen Veränderung unterworfen. Es gibt hunderte Register und Dialekte, die die Sprache genauso beeinflussen. Es ist eine Frage von Unterdrückung und Machtpositionierung, wenn Menschen (besonders männliche) sich nicht dazu bereit erklären, gendergerecht zu sprechen. Es zeugt außerdem von mangelndem Einfühlungsvermögen und fehlender Selbstreflexionskompetenz."

Alexander, 25 Jahre, IT-Systems Engineering am Hasso-Plattner-Institut der Universität Potsdam

„Maximal jede fünfte Stelle in der IT-Branche wird von einer Frau besetzt, wodurch die Branche momentan ganz klar männerdominiert ist – aber der Frauenanteil steigt in letzter Zeit und bei uns (am HPI) gibt es spezielle Förderprogramme für Frauen. Wir haben auch eine Gleichstellungsbeauftragte am Institut.
Aber inwieweit bei uns gegendert wird, kann ich ehrlich gesagt gar nicht so genau sagen – meist werden wir nur mit "Sie" angesprochen. Und da man in der IT ja hauptsächlich mit Englisch zu tun hat, spielt Gendern in meinem Studienalltag keine große Rolle. Bei Stellenausschreibungen auf Deutsch oder anderen Informationen, welche wir regelmäßig über den Mailverteiler zugeschickt bekommen, wird selbstverständlich immer gegendert, also mit *. Ich persönlich finde Gendern ebenfalls wichtig und versuche, im Alltag auf eine diskriminierungsfreie Sprache zu achten."

Larissa, 28 Jahre, Soziale Arbeit, Alice Salomon Hochschule Berlin

„Ich finde Gendern wichtig, weil unsere Sprache auf diese Weise alle Menschen einschließt – auch abseits der auf Binarität beruhenden Geschlechterkonstruktion von ‚männlich‘ und ‚weiblich‘. Es sollten einfach alle Menschen in der Gesellschaft angesprochen werden, um eine möglichst offene und inklusive Atmosphäre zu schaffen. Sensibilität ist in diesem Zusammenhang essentiell!
Ich selbst versuche seit ein paar Jahren, aktiv einen Fokus darauf in meinem Alltag zu legen, sowohl sprachlich als auch schriftlich. Das gelingt mir unterschiedlich gut und ist stark davon abhängig, ob mein jeweiliges Umfeld ebenfalls gendert oder nicht. Aus meiner Sicht ist der Prozess des Genderns absolut notwendig und sinnvoll, Sprache konstruiert ja auch die Realität und hat somit unmittelbaren Einfluss auf die Gesellschaft – auch an meiner Hochschule wird beim Verfassen von Haus- oder Abschlussarbeiten großer Wert auf die Anwendung einer möglichst inklusiven Sprache gelegt."

#Campus Stories  #Diversity