Foto: wal_172619 / pixabay.com
Berliner Tram bei Nacht

Gegengelesen: Der Mensch in der Stadt und die Stadt im Menschen

Eine Rezension zur Literaturanthologie „In der Weserstraße sonnt sich ein Haus“

14.06.2021

von Mandy Krause

Es ist alleinig der Titel, der beim ersten Blick auf das Buch zu verstehen gibt, dass es sich nicht um einen BAföG-Ratgeber für Studierende handelt. Treu in den Farben des studierendenWERKs bringt die gleichnamige Institution „In der Weserstraße sonnt sich ein Haus“ heraus – eine Anthologie mit Texten studentischer Autor*innen. Insgesamt vier Kapitel vereinen das literarische Können von insgesamt 26 Studierenden, die am Ende in Kapitel 5 kurz vorgestellt werden. Entdeckt und gesammelt wurden die Beiträge in den verschiedenen literarischen Projekten des studierendenWERKs Berlin, seien es die Stadtschreiberinnen der letzten (und ersten) drei Jahre, die Finalist*innen der selbigen Ausschreibung, aber auch die Projekte Lies los! oder TextTransit.

Mit dieser Anthologie schafft das studierendenWERK BERLIN ein Abbild dessen, wofür es sich auszeichnet: künstlerisch und literarisch aktiven Studierenden eine Plattform zu geben, eine Bühne für ihre Texte. Deutsche und internationale Autor*innen bekommen ein Publikum für ihre Stimme. Diese Offenheit hört bei der Textsorte nicht auf. Wir erfahren, wie eine junge Generation Studierender ihre Umgebung in Berlin wahrnimmt, in Geschichten, Essays, Gedichten, Monologen oder auch Dialogen, ganz im berlinerischen Sinne bei Begegnungen auf der Straße oder auf WG-Partys. All das trifft sich nun in der 2020 erschienenen, von Isabella Zappe illustrierten Anthologie.

Wie die Liebe zu einer Stadt Menschen nicht nur verbinden, sondern auch trennen kann, lesen wir in „Ein Brief aus Buenos Aires“ (Christina Focken). Santiago, der als Argentinier in Deutschland aufwächst, um später als Jung-Erwachsener das zu erleben, was er nur aus Erzählungen kennt, lernt in Buenos Aires Anne kennen und lieben. Doch Anne, eine junge deutsche Geschäftsreisende, so sehr sie auch Santiago zurück liebt, kann Buenos Aires einfach nichts abgewinnen, genauso wenig wie dem argentinische Kultgetränk Fernet Cola, das die beiden bei ihrem ersten Treffen trinken. „Meinst du nicht, dass du dich in uns beide verlieben kannst?“ fragt Santiago. Es ist ein Verhandeln um Liebe zu einem Menschen und Liebe zur eigenen Heimat, die verzweifelte Suche nach einem Kompromiss.

Es ist genau das, was diese Anthologie ausmacht. Der Mensch in der Stadt und die Stadt im Menschen. Von kurios-mehrsprachigen Begegnungen auf dem Fahrradweg (Charlotte Wührer, Aus der Gerüchteküche), über (auf)zählbare Dinge im Besitz einer jungen Studierenden, die ihre Persönlichkeit reliefartig durchschimmern lassen (Dana Vowinckel, In Zahlen), zu der erheiternden Banalität einer U-Bahnfahrt mit der U2 (Jasmin Veeh-Chaudhry, U2). Als Leser*in schafft man es leicht, sich in den Texten wiederentdecken.

Ich gehöre zur Fraktion studentische Leserschaft und kann dieses Buch nur empfehlen. Es ist ein Gefühl der lang verwehrt gebliebenen Verbundenheit mit anderen Studierenden, die diese Texte in mir hervorrufen. Verbundenheit mit den Gedanken anderer Studierender, die trotz alle dem, dass ich sie nicht in einem kleinen Quadrat auf dem Bildschirm sehen kann, viel stärker ist, ganz ohne Internetverbindung. Wer sich also demnächst in einem der unzähligen Berliner Parks zur Freude der baldigen „Post-Pandemie“ ausbreitet, der sollte das Buch einpacken und sich mal mit dreiminütigen, mal mit fünf- oder zehnminütigen Geschichten in die Gedanken der anderen entführen lassen.

 

 

Literaturanthologie "In der Weserstraße sonnt sich ein Haus"<br>

Ein kostenloses Exemplar bekommt ihr über kultur@stw.berlin.

#Kultur & Freizeit