Foto: Daniela Kummle
Alicja Patanowska

Emerging Lines

Im Kunstraum Potsdamer Straße fand Ende April die zweite Ausstellung der Reihe Emerging Lines statt. Zu sehen gab es Kunstwerke von jungen Künstler*innen aus Paris, Berlin, Wroclaw und Riga.

29.05.2019

von Cosima Kopp

Ein tiefer Bass prallt von den grauen Betonwänden. Gestalten wandern in der Dunkelheit umher. Doch in dem ehemaligen Parkhaus in einem Hinterhof an der Potsdamer Straße findet kein geheimer Rave statt, sondern die Vernissage der Ausstellung „Emerging Lines“. Nach der ersten Ausstellung am Anfang des Jahres in Paris haben sich nun in Berlin acht Künstler*innen zusammengetan und eine einzigartige Ausstellung präsentiert. Die Künstler*innen stammen aus Paris, Berlin, Wroclaw (Breslau) und Riga. Mit dabei waren Jonas Büssecker, Jingjing Du, Sandra Strele, Laura Vela, Charles Cadic, Joon Yoo, Pawel Basnik und Alicja Patanowska. Die nächsten Ausstellungen der Reihe werden im Oktober 2019 in Wroclaw und im Februar 2020 in Riga stattfinden.

Ein Thema, welches sich durch die ganze Ausstellung zieht, scheinen Spiegelungen zu sein. Mal sind sie physisch wie in einer Wasserinstallation anwesend, mal wird der*dem Betrachtenden metaphorisch der Spiegel vorgehalten. Alicja Patanowska (Foto oben) zeigte Porzellan in drei verschiedenen Stadien – flüssig, pulverisiert und in fester Form als Geschirr. Durch platzierte tote Mäuse und Spatzen zeigt sie den Einfluss unseres Konsumverhaltens auf die Natur.

Wie sich die Natur vom Menschen verlassene Orte wieder zurückholt, zeigt Sandra Strele in ihrer Installation. In einem Wald in Lettland fand sie eine verlassene Kirche und brachte die umliegende Natur hinein. In ihrer Installation zeigt Sandra das Video dieses Prozesses. Die Videoleinwand ist umgeben von Ästen aus dem lettischen Wald und mit großflächigen Gemälden, die diese Komposition spiegeln. Die ehemalige Tiefgarage scheint hierfür der perfekte Ort, da auch sie ihre einstige Funktion verloren hat und durch Sandras Installation die Natur sich den Raum zurückholt.

Charles Cadic aus Paris präsentierte einen Kurzfilm, den er an einem weiten Strand filmte. Darin zu sehen ist eine Box, die anfangs wie ein Kinosaal wirkt. Der Spiegel kommt darin physisch vor und schließt die vermeintliche Leinwand. „Man kann sein ganzes Leben in einer Minute sehen und am Ende ist man im Dunkeln”, sagt er. Sein Konzept basiert auf dem Begriff des hors-champ, der in der Filmwissenschaft die nicht sichtbare Welt außerhalb der abgebildeten meint. Am Ende löst er somit das Konzept Film fast vollständig auf. Er vergleicht es mit dem Überlappen der Erinnerungen, die einen förmlich blenden, wenn man sie versucht, auf einmal aufzurufen.

Eine neue Perspektive auf die Stadt gibt die Installation von Jingjing Du. Die Berliner Architekturstudentin transformierte 84 Styroporplatten im Maßstab von 1:100 zu den Hochhäusern und Straßen rund um den Potsdamer Platz. Kopfüber an der Decke hängend spiegeln sie sich in dem darunter liegenden Wasserbecken. Fast zu schweben scheint auch Joon Yoo in ihrer Live-Performance. Mit geschlossenen Augen führt sie ein dünner Faden, welchen sie auf ihrem Kopf platziert, durch das Parkhaus.

„Ich möchte nicht wissenschaftlich sein. Meine Kunst ist persönlich und über meine Suche nach meiner eigenen Identität und wie diese sich formt”, sagt Laura Vela über ihre Kunst. Die gebürtige Lettin zeigt sowohl Videoinstallation, als auch Skulpturen und Gemälde. Sie möchte sich nicht einschränken und mag es, zu experimentieren, meint sie. Ihre Kunst trägt eine tiefe Melancholie und Gedankenverlorenheit in sich, die sich auf die Betrachtenden überträgt. Dass Menschen ihre eigene Geschichte in ihren Bildern sehen, ist das Einzige von Bedeutung, sagt Laura.

Eine ganz besondere Maltechnik hat Pawel Basnik entwickelt. Für seine apokalyptischen Gemälde malt der Pole zuerst einen Untergrund mit Acrylfarbe, darauf kommt dann die detaillierte Malerei in Ölfarben. Sobald das Bild fertiggestellt ist, überzieht er dieses mit einer Schicht aus schwarzer Acrylfarbe, welche er fast vollständig abkratzt. Die Bilder bekommen dadurch einen rustikalen Look, der im Kontrast steht zu den abgebildeten Technologien der Zukunft.

Zum Nachdenken angeregt werden die Besucher*innen auch von Jonas Büsseckers Installationen. Die scheinbar endlosen Konstruktionen aus Draht, Seilen, Metallrahmen, Tüchern und Betonklötzen sind wie ein Labyrinth, welches man von jeder Seite betrachten muss, um es zu verstehen. Er bezeichnet es selbst als „eine Verkomplizierung von eigentlich etwas Einfachem, die aber gleichzeitig auch nachvollziehbar ist.” Die verschiedenen Materialien halten sich gegenseitig, drücken und ziehen aneinander. Er möchte diese Spannungen nicht nur darstellen, sondern direkt zeigen und konfrontiert damit die*den Betrachter*in. „Ich war immer wieder mit Momenten konfrontiert, in denen man in ein Spannungsfeld rutscht, von dem, was man fühlt und was im Außen passiert. Ob in gesellschaftlichen Momenten, auf politischer Ebene oder in zwischenmenschlichen Beziehungen“, sagt er. Die Kunst sei hierbei wie ein Ventil. „Es ist ein total befriedigender Moment, wenn ich mich einfach umdrehen kann und ein Spannungsmoment hinter mir lassen kann.”

Sandra Strele, Foto: Daniela Kummle

Joon Yoo, Foto: Daniela Kummle

Charles Cadic, Foto: Daniela Kummle

Jingjing Du, Foto: Daniela Kummle

Jonas Büssecker, Foto: Daniela Kummle

Pawel Basnik, Foto: Daniela Kummle

Laura Vela, Foto: Daniela Kummle

#Kultur & Freizeit