Foto: Mandy Krause

Einmal Dreibettzimmer, bitte!

Wer in den russischen Studienalltag richtig eintauchen will, kommt um ein Leben im Wohnheim nicht herum.

04.12.2019

von Mandy Krause

2014 hat die Staatliche Universität Tomsk mit der Eröffnung des Wohnheims „Parus“ ein neues Aushängeschild und Platz für 1.200 Studierende geschaffen. Wie lebt es sich dort für ein Jahr?

Ein Kopfkissen, zwei Decken und Bettwäsche – mit Schlafausrüstung und zwei Koffern bepackt zog ich im August in Zimmer 1312 des Wohnheims „Parus“ (russisch.: Парус = Segel) ein.

Für insgesamt zehn Monate teile ich mir ein Zimmer mit zwei anderen Studentinnen. In der Vorstellung einer Deutschen kein Zuckerschlecken, etwas von der Privatsphäre abzugeben, gar aufzugeben, teilen wir unseren persönlichen Raum doch maximal mit den Geschwistern in der Kindheit oder während einer Low-Budget-Reise im Hostel.

Doch mit der Zusage für einen Studienaufenthalt an der Staatlichen Universität Tomsk (TSU) bekam ich automatisch auch einen Platz im Wohnheim. Freie Platzwahl? Fehlanzeige. Das Zusammenleben im Dreierzimmer erfolgt auf Zuweisung und ist deshalb reine Glückssache. 

Mit Darija aus Russland und Violeta aus Kasachstan lebt es sich sehr gut zusammen. Immer wieder kommen wir über die Wohn- und Studiensituation in Tomsk ins Gespräch. „Während unseres Bachelorstudiums wohnten wir in einem der Standardwohnheime, welche ausschließlich für russische Studierende und diejenigen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken vorgesehen sind“, erzählt Darija. „In Parus zu wohnen ist deshalb für uns ein wahrer Segen. In den anderen Wohnheimen der TSU teilen sich mindestens vier Personen ein Zimmer und nur einen Schreibtisch. Auf jeder Etage gibt es drei Toiletten, jeweils für Männer und Frauen. Die Gemeinschaftsduschen befinden sich im Keller. Und auf eine Gemeinschaftsküche kommen dort viel mehr Studierende als hier bei uns.“

Auf insgesamt 15 Etagen verteilt sind Dreierzimmer in Parus der Standard. Hinzu kommt ein eigenes Bad pro Zimmer. Auf jeder Etage gibt es drei Gemeinschaftsküchen, die jeweils von einer festgelegten Anzahl an Zimmerbewohner*innen benutzt werden. Das Zuhause auf Zeit kostet 1000 Rubel im Monat, was aktuell umgerechnet circa 14 Euro sind.

In Russland ist die Verwaltung der Wohnheime Angelegenheit der Universität. Die TSU selbst betreibt insgesamt sieben Wohnheime ausschließlich für Studierende der TSU und zwei für Angestellte und Lehrkräfte der Universität. Parus gilt als das Aushängeschild der Universität und wurde erbaut, um mehr Plätze für ausländische Studierende zu schaffen.

Dass Darija und Violeta in Parus einen Platz erhalten haben, ist jedoch eher die Ausnahme. Denn für russische Studierende gilt ein anderer Belegungsschlüssel: Für sie gibt es eine Verteilungsquote nach Fakultät. „Es kommt also vor, dass es noch freie Plätze gibt, die Anzahl der Plätze pro Fakultät aber schon vollständig belegt ist. Dann haben wir keine Chance“, erzählt Violeta. Hinzu kommt das Kriterium, dass ein Umzug nach Parus für russischsprachige Studierende ausschließlich nach dem Bachelorstudium möglich ist.

In Russland gehört das Leben im Wohnheim also zum Studium dazu. Das hat aber auch entscheidende Vorteile: Alle zur Verwaltung und Administration gehörenden Abteilungen befinden sich unmittelbar im Gebäude. Von der Geschäftsführung über das Büro für Visa- und Passangelegenheiten, der Mensa bis hin zur Wäscherei und zum Fitnessraum steckt alles unter einem Dach. Ausländische Studierende finden zudem englisch- und französischsprachiges Personal im Büro für Internationales.

Viele der internationalen Studierenden lehnen nach kurzer Zeit das Zusammenwohnen in einem Zimmer ab und entscheiden sich dafür, eine Wohnung zu mieten. Zu beengt scheint der Raum, zu wenig Privatsphäre scheint übrig zu bleiben.

Ich für meinen Teil habe nicht vor, die lauschigen Abende zu dritt gegen ein Einzelzimmer einzutauschen – vor allem nicht, weil es hier einfach dazu gehört.

 

Foto: Mandy Krause

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