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Eine Frage der Zeit

Berlin ist eine Stadt am Puls der Zeit. Dennoch kann so manches richtig lange dauern in dieser Stadt, zum Beispiel das Ankommen. Werkblatt fasst zusammen, wofür es immer etwas extra Zeit braucht. Und Geduld.

von Mandy Krause

Nach Berlin führen bekanntlich viele Wege. Wirklich ankommen in der Stadt ist aber ein ganz eigener Weg. Neu-, Wahl- oder Ursprungsberliner*innen – sie alle sind irgendwann einmal in Berlin angekommen. Und damit ist mehr gemeint als die Anreise. Wohnungssuche, Behördengänge, soziales Leben – all dies sind Dinge, die vor allem in Deutschlands Hauptstadt eine wahre Frage der Zeit sind. Wie lange dauert es, in Berlin anzukommen?

Zwei Minuten noch bis die U6 von Stadtmitte in Richtung Alt-Tegel losfährt. Zwei Minuten. Das sagt die digitale Anzeige am Übergang von der U2 zur U6.  Die Menschen fangen an zu rennen. „Mist, die nächste Bahn kommt erst in vier Minuten“, hört man sie fluchen. Nicht selten rennen Menschen in Berlin – zum Bus, zur Bahn, zur Tram. Vor den Augen der Fahrgäste spielen sich halsbrecherische Szenen ab: Rucksäcke, die durch schließende Türen von ihren Besitzern abgetrennt werden, Schultern, die Hämatome erleiden, weil die Tür für den Hintermann (oder die Familie) aus eigener Kraft zurückgedrückt wurde. Die Fahrgäste werden zu Zuschauer*innen und Mitfiebernden. Berlins Transportmittel fahren im Takt. Häufig liegen nur wenige Minuten zwischen dem einen Bus und dem nächsten. Wozu also die ungebrochene Eile?

Der Grund liegt in Berlins Realität der Dinge. Flotte Verkehrstaktung auf der einen, lange Wege auf der anderen Seite. Berlin ist groß und die Entfernungen dementsprechend auch. Berlins Bürger*innen, die zur Bahn rennen, tun das aus der schlechten Erfahrung heraus. Eine Tram in fünf Minuten „erst“ zu nehmen, kann bedeuten, die Anschluss-S-Bahn nicht zu erwischen, und den Bus vor der Nase wegfahren zu sehen. Aus einem ursprünglich „fünf Minuten später“ wird so ein Zuspätkommen von einer halben Stunde und mehr.

Nicht nur die Verkehrsanbindung kann zu einer Sache werden, die dauert. Auch bis zu so manchem Wiedersehen unter Freund*innen kann es dauern. Denn zwischen die Wohnungen unter Berliner Befreundeten passt schon mal eine Stunde Fahrt quer durch die Stadt. Wer ihre*seine Freund*innen also nicht alle im gleichen Kiez einquartiert, ist im Auftrag des sozialen Lebens auch mal eine Weile unterwegs.

Doch nicht nur Wege sind in Berlin eine Frage der Zeit – Stichwort: Wohnungssuche. Nicht umziehen zu müssen, ist ein Privileg. Nicht umziehen zu können, ein Fluch. „An meiner Wohnung stört mich der Fluglärm, aber umziehen werde ich nicht.“ Wohnungssuche gegen Fluglärm. Und der Fluglärm gewinnt. Einschränkungen im Wohlfühlen werden gerne hingenommen. Dafür erntet man Verständnis. Dagegen folgt auf „Wir müssen umziehen, der Eigentürmer hat Bedarf angemeldet“, eine ordentliche Portion Mitleid und ein zweifelhaftes „Viel Erfolg“. Berlin erfreut sich einfach an zu großer Beliebtheit. Auf dem Wohnungsmarkt werden Kämpfe ausgetragen. Deshalb ist auch hier Geduld gefragt.

Für diejenigen, die es gegen die 200 Mitbewerber*innen auf eine der begehrten Ein- und Zweiraumwohnungen geschafft haben, heißt es: pünktlich zur Besichtigung erscheinen – das wiederum heißt: zur Bahn rennen. Wer den Kampf auf dem Wohnungsmarkt schlussendlich gewonnen hat, muss erneut geduldig sein. Diesmal beim Anstellen an der virtuellen Schlange der Berliner Bürgerämter. Nach dem Einzug mal eben die Meldeadresse ändern? Langsam, langsam! Neuer Ausweis, neuer Reisepass, neue Meldeanschrift? Für all das muss man zum Bürgeramt, und dafür ist der Termin ein Muss. In der Regel sind die Kalender auf der Webseite der Bürgerämter rot, denn alle Termine sind vergeben. Kleiner Tipp: nicht aufgeben und regelmäßig F5 drücken. Wird ein Behördengang ordnungsgemäß abgesagt, färbt sich das Feld grün und der Termin kann neu gebucht werden.

Liebe Neuberliner*innen oder die, die es werden wollen: Die Uhren ticken hier anders. In Mode, Kulinarik und im Leben entwerfen sind wir deutlich schneller als anderswo. Dafür können fünf Minuten zu einem richtigen Problem werden. Das Alltägliche holt uns dann wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Kurzum: Ankommen dauert. Und das zu durchschauen manchmal auch. Wenn ihr euch das erste Mal zur Haltestelle rennen seht, dann aber dauert es gar nicht mehr so lang.


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