Foto: Jan Eric Euler/ DSW

Digital Detox

Daueronline und ständig erreichbar. Wäre unser Alltag ohne Handy überhaupt denkbar?

von Cosima Kopp

Bereits morgens fängt es an. Einen richtigen Wecker habe ich nicht, daher geht der erste Griff bereits zum Handy. Flugmodus deaktivieren, neue Nachrichten auf WhatsApp und Facebook, Insta-Stories der letzten Nacht, Weltgeschehen auf Twitter. Diese Abläufe sind mittlerweile zur Routine geworden. Ganz unbewusst und meist ohne richtiges Vorhaben öffne ich Instagram, schaue ein paar Stories an und schließe die App wieder. Fünf Minuten später öffne ich Instagram erneut. Dieser unbewusste Vorgang wiederholt sich x-mal am Tag.

Unser Zeitalter ist so schnelllebig, dass wir es uns nur schwer vorstellen können, ohne die entsprechenden Kommunikationsmittel zu leben. Kaum eine*r trägt heutzutage kein Smartphone am Körper. Da stellte sich mir die Frage: Wäre es möglich, komplett offline zu gehen?

Tatsächlich gibt es derzeit einen Trend auf YouTube, bei dem Leute meist für eine Woche ihr Handy wegschließen. Auch ich habe überlegt, dieses Experiment zu wagen. Allerdings bin ich in meinen Überlegungen schnell an eine Grenze gestoßen. Was, wenn eine wichtige E-Mail reinkommt? Wenn meine Mutter anruft? Wenn die Verabredung doch spontan absagt? Oder mein Zug ausfällt? Im Vergleich zu den freiberuflichen YouTubern könnte ich in meinem Alltag niemals auf mein Handy verzichten. Zu groß scheint der Aufwand, den man vor dem Verlassen des Hauses hätte. Dennoch inspiriert von den Videos lud ich mir Anfang des Jahres eine App herunter, die mein Nutzungsverhalten beobachtet. In schicken Grafiken zeigt diese an, wieviel und womit ich meine Zeit am Handy verbringe. Die Zahlen waren schockierend. Hatte ich wirklich so viel Zeit auf diesen Apps verbracht?

Sofort aktivierte ich Zeiterinnerungen für jede App, die ich täglich benutze. 20 Minuten Instagram pro Tag sollten doch wohl ausreichen. Bald musste ich aber feststellen, dass das Vorhaben schwerer in die Tat umzusetzen war, als vorhergesehen. Zu groß war die Angewohnheit, in freien Minuten auf Social Media nachzuschauen was die Freund*innen gerade machen. Einige Wochen hielt das Vorhaben, bis wieder mein normales Nutzungsverhalten einsetzte. 

Im Gespräch mit Freund*innen stelle ich fest, dass das Bedürfnis, ohne Handy auskommen zu können, stärker da ist als anfangs gedacht. Jede*r hat zumindest einmal darüber nachgedacht, das eigene Nutzungsverhalten zu ändern und den Konsum, insbesondere von Social Media, einzuschränken. Ly lässt ihr Handy regelmäßig komplett zu Hause. “Es ist ein Gefühl der Freiheit, aber in bestimmten Situationen überkommt einen die Panik”, sagt sie. Eine solche Situation sei beispielsweise, kein Google Maps zu haben. Kurz mal nachschauen, wo genau die Station sich befindet und wann die optimale Bahn abfährt. – In einer Stadt wie Berlin, wo die Bahnen im Drei-Minuten-Takt fahren, eigentlich unnötig. Trotzdem machen es alle. Wagemutig sind diejenigen, die blindlings zur nächsten U-Bahn-Haltestelle laufen.

“Wenn man keinen Termin hat, sondern einfach einen normalen Tag, dann funktioniert das gut”, meint Ly. Schwierig werde es dann, wenn andere Leute versuchen, einen zu erreichen. Diese dauerhafte Erreichbarkeit ist in unserer Gesellschaft mittlerweile total selbstverständlich geworden. Verabredungen werden daher meist nur unverbindlich getroffen und auch berufliche E-Mails mit Betreff “Dringend!” sind keine Seltenheit.

Die Einsicht, dass es eben doch nicht immer ganz ohne Handy geht, empfinde ich ebenfalls als einen Fortschritt. Ich werde trotz allem versuchen, mit meinen Angewohnheiten zu brechen. E-Mails werden ausschließlich unter der Woche beantwortet. Das Handy bleibt vorrangig auf Flugmodus. App-Benachrichtigungen habe ich ausgestellt. In der Bahn bleibt das Handy in der Tasche, denn ein Buch zu lesen, fühlt sich eh viel besser an. Und an die teilweise verwunderten Blicke gewöhnt man sich mit der Zeit auch.


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