Foto: Google Maps
Kartenausschnitt von Berlin aus Google Maps

„Die Sprache zeigt, wo ich mich befinde“

Dana Vowinckel und Berlin, das gehört irgendwie zusammen. Seit diesem Jahr unterhält sie als Stadtschreiberin die Leserschaft mit scharfsinnigen Beobachtungen über die Stadt, die seit jeher Inhalt ihrer literarischen Verarbeitungen ist.

28.07.2020

von Mandy Krause

Dana, du bist die aktuelle Stadtschreiberin. Wo schreibst du denn am liebsten?

Ganz klassisch: am Schreibtisch. Spät abends am Schreibtisch, das ist für mich einfach der beste Ort zum Konzentrieren. Manchmal auch in Cafés und Bibliotheken. Die Bibliotheken fehlen mir aktuell sehr.

Wie hat das Publikum bisher auf deine Texte reagiert?

Ich habe letztens eine Online-Lesung gemacht im Rahmen des Kulturprogramms des studierendenWERKs. Hinterher hat sich eine alte Freundin bei mir gemeldet, die ich bis dahin vielleicht sechs oder sieben Jahre nicht gesehen hatte. Wir haben uns noch in derselben Woche auf einen Kaffee getroffen. Es war ein so schöner Zufall, der sich durch die Online-Lesung ergeben hat. Insgesamt hält sich die Resonanz jedoch in Grenzen. Es wäre anders, wenn die Unis geöffnet wären und ich die Leserschaft treffen könnte.

Spielt Berlin schon immer eine zentrale Rolle in deinen Texten?

Ja, doch. Ich bin in Berlin aufgewachsen und wenn ich in meine alten Texte hineinlese, dann erkenne ich Berlin darin immer wieder. Ich brauchte mich für Berlin Stories nicht bewusst umstellen, sondern Berlin fließt immer irgendwie mit ein. Mein persönliches Stadtgefühl spiegelt sich auch in der Sprache wider. Es gibt hier einen bestimmten Takt, eine bestimmte Schnelligkeit. Schnell, langsam, schnell, langsam. Ich hatte schon immer so eine Art zu schreiben. Die Sprache zeigt, wo ich mich befinde.

Deine Texte geben uns eine Sicht auf Berlin und auf die Dinge, die in dieser Stadt passieren. Hat sich deine Sicht auf Berlin durch das Schreiben verändert?

Ja, ich schaue nun überhaupt viel genauer hin. Ich höre viel mehr zu, schreibe mir unterwegs meine Gedanken auf, achte darauf, was um mich herum passiert. Wie verhält sich die Stadt in einem bestimmten Moment? Welche Unsicherheiten gibt es? Ich versuche, alles genau zu beobachten und einzufangen. Deshalb habe ich mehr Sensibilität für die Geschehnisse entwickelt.

Sind die Zeiten von Corona eher neue Inspiration oder Einschränkung, wenn es ums Schreiben geht?

Mir hat es schon gefehlt, mich frei in der Stadt zu bewegen, zur Uni zu gehen. Alltägliches, wie eine Busfahrt oder auch mal eine Party, wie ich es vorher in meinen Texten verarbeitet habe, kommt nun so nicht mehr vor. Deshalb habe ich eine andere, vielleicht bessere Beobachtungsgabe geschaffen. Mir kam diese einmalige Situation vor wie eine willkommene Gelegenheit, umzudenken. Ich habe das sonst überfüllte Brandenburger Tor frei von jeglichen Menschen gesehen und dachte mir, dass das so vielleicht nie wieder vorkommen wird. Dennoch wünsche ich mir eine Rückkehr zum alten Leben, auch um wieder zur alten Inspirationsquelle zurückzukehren.

Du schreibst vom Flughafen Tegel, von Zuckerschoten, von Unfällen vor dem eigenen Fenster und dem Lieblings-Edeka. Dein Blick fürs Detail ist mit Fragen über das Leben verbunden. War das schon immer so?

Ich habe schon immer Freude daran gehabt, Menschen mit meinen Texten zu berühren und zu unterhalten. Mit dieser Art zu schreiben, dem Blick für die kleinen Dinge des Alltags, möchte ich die Leser*innen abholen. Das Leben als Mittzwanziger-Studentin ist in Berlin nichts Individuelles. Ich sehe darin einfach eine wunderbare Möglichkeit zu kommunizieren.

Ich finde deine Texte an vielen Stellen sehr intim. Wie würdest du selbst deinen Stil beschreiben?

Flüchtig, zynisch, manchmal wütend, aber ja, auch sehr persönlich und unmittelbar. Ich schließe eine Tür im Kopf zu, um davon Abstand zu gewinnen, wer nun was liest und wer mich kennt. Ich möchte frei sein in meinem Schreiben.

Worauf können wir uns in nächster Zeit von dir freuen?

Thematisch fasziniert mich gerade dieser Schwebezustand, in dem wir uns alle befinden. Auch persönlich, da ich mich gerade zwischen Bachelor und Master befinde, empfinde ich diese Schwebe. Aber auch, wie sich der Sommer anfühlt, jetzt, da er so anders ist, als alle anderen zuvor.

Welches Buch liest du gerade?

Ich lese immer verschiedene Bücher parallel. Auf meinem Nachttisch liegt im Moment das Kinderbuch The Penderwicks – die beste Literatur sind für mich oft Kinderbücher. Aber auch der deutsche Roman Tausend Serpentinen Angst, Gedichte von Paul Celan und Trick Mirror – Reflections on Self-Delusion.

 

Neugierig geworden? Die „Berlin Stories“ von Dana gibt’s hier.

 

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