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Klimaprotest mit Pappschild im Vordergrund:

Die andere Krise nicht vergessen

Auch wenn die Coronakrise die aktuelle Berichterstattung in den Medien bestimmt, so ist die Klimakrise eigentlich ebenso aktuell. Wir haben mit zwei Mitgliedern der „Students for Future“-Bewegung gesprochen.

22.04.2021

von Wendy Sexton

Paula von der HU Berlin und Michelle von der TU Berlin erzählen uns von ihren jeweiligen Hochschulgruppen und ihren Protest- und Arbeitsweisen in der Pandemie.

 

Wie arbeitet eure jeweilige Hochschulgruppe aktuell während der Pandemie?

Paula, HU:
Wir haben uns bisher immer einmal in der Woche Mittwochnachmittags getroffen. Mit Beginn der Corona-Pandemie und dem Lockdown sind wir auf digitale Treffen umgestiegen. In den letzten Monaten ist das aber leider extrem eingeschlafen. Das Plenum ist jetzt ein weiteres Zoom-Meeting und ich verstehe sehr gut, dass viele dafür gerade nicht mehr die Energie haben.“

Michelle, TU:
„Bei uns an der TU hat die Umstellung erstaunlich gut funktioniert. Wir sind relativ schnell letztes Jahr auf online umgestiegen und haben dann auch unsere Treffen und alles andere online durchgeführt. Wir haben uns nicht aus den Augen verloren und sind weiter im Austausch geblieben. Anfang letzten Semesters haben wir sogar ein Online-Onboarding gemacht und konnten dabei viele neue Leute motivieren, bei uns mitzumachen.“

Welche neuen Protestformen nutzt ihr seit Beginn der Pandemie?

Paula:
„Wir haben inzwischen einige Erfahrung, wie man Corona-konform trotzdem Protest auf die Straße bringen kann. Ich denke, es ist sehr wichtig, dass man weiterhin im öffentlichen Raum sichtbar bleibt. Rein digitaler Protest tut niemandem weh und ist dann auch nicht so wirkungsvoll. Gerade im Sommer haben sich Fahrraddemos gut angeboten. Auf dem Fahrrad hält man sowieso Abstand zueinander, man ist an der frischen Luft und hat trotzdem das Gemeinschaftsgefühl, das auf Demos aufkommt. Wir haben auch einmal eine Kreide-Mal-Aktion durchgeführt. Dabei haben wir mit Kreide verschiedene Slogans auf die Gehwege gemalt, zum Beispiel vor dem Hauptgebäude der HU.“

Michelle:
„Im April letztes Jahr gab es eine große Plakataktion, bei der viele Plakate vor dem Reichstagsgebäude ausgelegt wurden. Jedes Plakat sollte eine*n Demonstrant*in darstellen. Wir haben uns dann mit unserer Gruppe online getroffen und uns Sprüche ausgedacht und zusammen gemalt. Außerdem gibt es seit drei oder vier Semestern eine Ringvorlesung zum Thema Klimagerechtigkeit. Damit sind wir mit Beginn der Corona-Pandemie sehr schnell auf online umgestiegen. Internetprostest haben wir selbst nicht organisiert. Wir haben aber bei verschiedenen Online Aktionen von Fridays for Future mitgemacht und Inhalte verbreitet und geteilt.“

Was ist durch die Pandemie bei eurer Arbeit schwieriger geworden?

Paula:
„Im Moment ist einfach schwierig neue Leute zu erreichen. Man merkt, wie viel Mobilisierungspotential in der Uni als politischem Raum besteht. Viele Aktionen haben vor allem dadurch funktioniert, dass wir an der Uni geflyert und Leute angesprochen haben.“

Michelle:
„Wir stehen mit dem Hochschulpräsidium im Kontakt und versuchen durch unsere Forderungen etwas zu bewegen. Unsere Hochschule muss klimaneutral werden und auch mehr Klimagerechtigkeit in die Lehre und Forschung integrieren. Dazu standen wir in Verhandlungen mit dem Hochschulpräsidium und das hat während der Pandemie leider sehr gelitten. Die Kommunikation war erst einmal lahmgelegt. Mittlerweile sind wir aber auch wieder in Organisationsstrukturen und Nachhaltigkeitsräten vertreten und online dabei.“

Was sind aus eurer Sicht die Auswirkungen der Pandemie auf das Klima?

Paula:
„Zu Beginn der Pandemie hieß es immer: ‚Immerhin ist ein positiver Nebeneffekt, dass jetzt die Emissionen sinken.‘ Und kürzlich kam in den Schlagzeilen, dass Deutschland 2020 seine Klimaziele fast erreicht habe. Zwei Dinge muss man dazu sagen: Erstens sind die Klimaziele Deutschlands immer noch viel zu niedrig. Also ist es auch nicht angemessen, sich dafür auf die Schulter zu klopfen. Und zweitens muss man stark betonen, dass die Ziele nicht erreicht wurden, weil es gute Konzepte gab und vorausschauend gehandelt wurde, sondern weil die Wirtschaft aufgrund der Corona-Pandemie heruntergefahren werden musste – für einen begrenzten Zeitraum. Wir beobachten, dass im ersten Quartal 2021 die Emissionen wieder steigen. Wir sehen den sogenannten Rebound-Effekt. Es handelte sich um einen zeitweiligen Effekt und keinen anhaltenden Trend. Was wir aber brauchen, ist eine langfristige Kehrtwende und eine Transformation.“

Michelle:
„Die Klimakrise ist genauso eine Krise wie die globale Pandemie. Sie betrifft uns nur noch nicht so direkt wie die Corona-Pandemie, dass wir dafür handeln. Was sehen wir im Moment? Wir müssen nicht unbedingt Dienstreisen machen, um zu kommunizieren. Wir können stattdessen online Konferenzen machen. Viele Menschen nutzten verstärkt das Fahrrad, weil sie Angst haben, sich anzustecken – beides ein Grundstein für eine Mobilitätswende. Man muss diese Veränderungen viel mehr pushen. Die Pandemie zeigt, wie viel wir verändern können. Wir können das auch mit der Klimakrise schaffen! Es gibt nur viele Menschen, die noch nicht verstanden haben, dass das genauso wichtig ist.“

 

 

 

 

 

 

 

 

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