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Diagnose: F.O.M.O.

Das Wochenende naht. Die ganze Stadt scheint draußen zu sein. Nur mein Kalender ist leer.

Von Cosima Kopp

Nun gut, dass mein Kalender leer ist, ist eventuell auch meine eigene Schuld. Eine Kommilitonin hatte mich zu ihrer Geburtstagsfeier eingeladen. Kennen tun wir uns aus dem ersten Semester, immerhin knapp zweieinhalb Jahre. In der Freizeit haben wir aber nie sonderlich viel miteinander unternommen. Außerdem kenne ich sonst auch niemanden bei der Feier. Daher erfinde ich eine Notlüge, die sind in solchen Fällen erlaubt. Die Freunde, mit denen ich stattdessen gerne etwas unternehmen würde, müssen entweder arbeiten, sind über das Wochenende weggefahren oder gehen zu Partys, zu denen ich nicht eingeladen bin. Also heißt es Netflix an und Chipstüte auf. Ein gemütlicher Abend sei mir auch mal gegönnt.

Die Entspanntheit hält jedoch nicht lange an. Hätte ich vielleicht doch ausgehen sollen? Schließlich sind wir in Berlin, hier gibt es die nächste Party gleich um die Straßenecke. Es ist ein seltsames Gefühl, das mich überkommt. Nach einer kurzen Googlerecherche habe ich die Diagnose: Ich habe FOMO. Genauer gesagt, Fear Of Missing Out oder auch die Angst etwas zu verpassen. Sie ist es, wegen der wir die eine Party vorzeitig verlassen nur um noch ganz kurz bei der anderen Party vorbeizuschauen. Was dazu führt, dass man die halbe Nacht in der U-Bahn verbringt und keine der Partys so richtig genießen kann.

Ich frage mich, ob es dieses Gefühl schon früher gab. Lag meine Mutter damals abends im Bett und fragte sich wie gut die Party wohl läuft, zu der sie nicht gegangen ist? Bestimmt. Doch einen entscheidenden Faktor gab es damals schlichtweg noch gar nicht: Social media. Wovon einem früher die beste Freundin beim persönlichen Treffen am nächsten Tag oder in einem Telefonat berichtete, davon erfahren wir heutzutage in Sekundenschnelle. Ununterbrochen updated sich mein Feed. Ein Abendessen bei Sonnenuntergang auf Sizilien, tanzen beim Monbijoupark oder das Feierabendbier bei einer Rooftop-Party irgendwo in Kreuzberg. Stories von Freunden und losen Bekanntschaften, die in solchen Momenten ein viel interessanteres Leben als man selbst zu haben scheinen.

Frustriert greife ich in die Chipstüte und schaue nach Events in Berlin heute Abend. Dieses eine Event sieht richtig klasse aus. Scheint eine Ausstellung in einem alten Parkhaus zu sein, typisch Berlin eben. FOMO scheint die nervige Schwester von Wanderlust zu sein. Wanderlust lädt zur Inspiration und zum Träumen ein. FOMO hingegen erzeugt Unsicherheit und ein mulmiges Gefühl in der Magengrube.

Wahrscheinlich ist die Geburtstagsparty meiner Kommilitonin gar nicht so toll, wie sie online wirkt. Ohnehin sind Instagram & Co nur ein Mittel der eigenen Selbstdarstellung. Und wer möchte schon zeigen, dass eine Feier in Wahrheit total lahm ist, da alle nur an ihrem Handy kleben, auf der Suche nach der nächsten Location? Eben. ich hätte schon Lust mir die Ausstellung in dem Parkhaus anzusehen. Aber heute ist mal JOMO (Joy Of Missing Out) angesagt. Die Gegenbewegung zelebriert es, Dinge zu verpassen und eben nicht versucht auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen. Halte ich für eine super Idee, weshalb ich mein Handy beiseite lege und die nächste Folge starte.

 

 

Wer sich die Ausstellung zum Abschluss des Wettbewerbs "ParisXBerlin" heute Abend doch anschauen möchte, findet hier weitere Infos.


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