Foto: MANDY KRAUSE
Straßenansicht aus Tomsk

Bis nach Sibirien kommt so schnell nichts… eigentlich.

Universitäten und Bibliotheken sind geschlossen, das alltägliche Leben liegt still und Ausreisemöglichkeiten gibt es so gut wie keine.

05.05.2020

von Mandy Krause

Werkblatt-Redakteurin Mandy erzählt, wie sie die letzten Wochen ihres Auslandsstudiums in Sibirien erlebt.

Bis nach Sibirien kommt so schnell nichts, sagen die Menschen in Tomsk. Sie raten mir zu bleiben, denn hier sei ich zu Zeiten eines weltweiten Virus sicher. Für eine Weile ließ ich mich von dieser Einstellung überzeugen. Doch dann, beinahe pünktlich zum Frühlingsbeginn, kam der Lockdown und nichts war mehr wie vorher. Corona hat auch vor Sibirien nicht Halt gemacht.

Frost und unendliche Weite gegen das Virus

Mitte Februar fängt in Tomsk regulär das Semester an. Kurz zuvor hatte Russland bereits die Grenzen zu China geschlossen. Ein neues Virus in China? Das klang wie ein schlechter Scherz. Kaum eingenommen von den täglichen Infektions- und Opferzahlen, trieben wir unsere Scherze darüber, wie gut es doch sei, genau jetzt in Sibirien zu leben. Der Frost und die unendliche Weite seien schließlich die besten Bedingungen gegen das Virus, witzelten wir. Doch als die Dozentin zu Semesterbeginn die Anwesenheitsliste durchgeht, melden sich ein paar der aufgerufenen Studierenden nicht zu Wort. Sie sitzen in China fest. Wer in den Semesterferien nach Hause geflogen ist, hatte nun bereits keine Rückkehrmöglichkeit mehr.

Wenn aus Scherzen bitterer Ernst wird

Als sich die Nachrichten aus Europa verschlimmern, werden die Vorkommnisse in Italien und Deutschland auch in Tomsk zum Gespräch. Wie gut, dass es hier noch ein normales Leben gibt, denke ich mir. Keine Hamsterkäufe, keine Schließungen, keine Infizierten. Warum also jetzt zurück? Doch dann dauert es nur noch wenige Tage und auch die Universitäten in Tomsk stellen auf Onlineunterricht um. Seit März habe ich weder einen Fuß in die Uni noch in die Bibliothek gesetzt. Zuerst schlossen die Einrichtungen für zwei Wochen. Doch für viele im Wohnheim ist das das Zeichen, nach Hause zu reisen. Studierende aus Italien und England, aber auch aus Russland selbst treten die Heimkehr an. Doch ich möchte die Hoffnung auf eine schöne verbleibende Zeit in Tomsk noch nicht aufgeben.

Alles verändert sich

Eine Woche später verhängt die Oblast Tomsk für alle die Selbstisolation. Städte, aber auch ganze Regionen schließen ihre Grenzen. Busse und Züge werden eingestellt. Nur noch wichtige Erledigungen sind gestattet. Spazierengehen? Untersagt. Es ist paradox. Pünktlich zum Frühlingsbeginn wird das Leben nach drinnen verlegt.  

Im Wohnheim beäugen wir derweil die Maßnahmen. Selbstisolation im Dreierzimmer, wie soll das gehen? Die Wohnheimleitung gestattet uns lediglich 45 Minuten Ausgang am Tag. Jeden Tag ein Ringen mit den eigenen Gedanken, gehen oder bleiben? Die Maßnahmen in Russland fühlen sich anders an, strenger, kommen ohne Vorankündigung. Von ausschließlich zwei Wochen ist schon lange keine Rede mehr. Ende April, sogar Ende Mai, ist im Gespräch. Die Universitäten verschieben Abgabetermine und Masterkolloquien bis in den Sommer hinein. Polizisten laufen im Zentrum Patrouille, in den Postämtern gibt es Einlasskontrollen und überall weist leuchtendes Klebeband auf den notwendigen Sicherheitsabstand hin.

Ich entscheide mich, zu fliegen.

Rückkehr mit Hindernissen

Ich buche ein Ticket, informiere meine Freund*innen und organisiere erste Verabschiedungen in Windeseile. Drei Tage bleiben mir bis zur Abreise. Und dann das: die Airline storniert meinen Flug. Russland streicht alle verbliebenen Flüge mit sofortiger Wirkung. Jetzt sitze ich fest. Während ich tagsüber in den Warteschleifen der Airlines verschwinde, um Ausreisemöglichkeiten kundig zu machen, nehmen es meine Mitbewohnerinnen mit Humor. Dann müsse ich eben in Sibirien bleiben, heitern sie mich auf. Ich setze mich mit der Botschaft in Verbindung, doch Ausnahmeflüge werden so kurzfristig bekannt gegeben, dass ich es aus Tomsk nicht rechtzeitig nach Moskau schaffe. Während draußen vor dem Fenster der Frühling in vollem Gange ist und das Eis auf dem Fluss nun in großen Schollen auf dem Wasser treibt, breitet sich in mir mehr und mehr Unruhe aus. Erst drei weitere Wochen später ergibt sich eine neue Chance. Ein Sonderflug der Aeroflot nach Frankfurt ist geplant. Es geht wieder alles sehr schnell, doch am Ende alles gut.

An meinem letzten Abend in Tomsk zeigt das Thermometer 26 Grad an. Immerhin, so denke ich mir, hat es auch der Sommer so eilig nach Sibirien geschafft.

Die Stadt Tomsk wird dich vermissen, sagt mir meine Freundin zur Verabschiedung am Telefon. Ich sie auch.

 

Foto: MANDY KRAUSE

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