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Studentin mit Rollstuhl arbeitet zu Hause am Computer

Barrierefreiheit im Digitalsemester?

Aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus sahen sich viele Studierende im Sommersemester 2020 mit durchaus existenziellen Fragen konfrontiert.

10.08.2020

von Viktoria Eckert

Wie gelingt die Umsetzung eines Digital-  bzw. Kreativsemesters? Kann ich in Zeiten der Pandemie weiterhin meinem Job nachgehen, um meinen Lebensunterhalt und das Studium zu finanzieren?

11 Prozent der Studierenden brannte mit Sicherheit eine weitere Frage unter den Nägeln: Wie barrierefrei wird das Digitalsemester? So hoch ist nämlich der Anteil der Studierenden mit chronischer Erkrankung oder Behinderung an deutschen Hochschulen und Universitäten gemäß einer Studie des Deutschen Studentenwerks aus dem Jahr 2016.

Ich sitze im Rollstuhl und zähle damit selbst zur Gruppe von insgesamt 264.000 jungen Menschen, die ihr Studium mit einer studienerschwerenden Beeinträchtigung absolvieren. Aus diesem Grund war obige Frage zur Barrierefreiheit des Sommersemesters auch in meinem Kopf sehr präsent und dessen Realisierung mit einigen Fragezeichen versehen.

Mit ein wenig Abstand und den Erfahrungen vergangener Wochen und Monate fällt mein Resümee bezüglich der Barrierefreiheit im Digitalsemester erstaunlich gut aus: Physische Barrieren, wie z. B. unüberwindbare Treppenstufen, zu enge Räumlichkeiten oder defekte Aufzüge, waren aufgrund der Digitalisierung von Lehrveranstaltungen nicht mehr existent – normalerweise Ärgernisse, mit denen Rollstuhlfahrer*innen auf dem Weg zur Uni oder vor Ort regelmäßig konfrontiert sind. Der Wegfall von Fahrtwegen bedeutete zudem eine deutliche Zeitersparnis – und die Gesichter von teils unmotiviertem BVG-Personal beim Herausklappen der Rampe blieben einem in dieser Zeit ebenfalls erspart.

„Das war alles viel leichter und schneller“, sagt Anas mit Blick auf seinen Studienalltag in Zeiten von Corona. Er sitzt im Rollstuhl und befindet sich in den letzten Zügen seines Informatikstudiums an der TU Berlin. Ein positives Fazit in puncto Barrierefreiheit zieht auch Alex, Student am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam und im Alltag ebenfalls auf einen Rollstuhl angewiesen.

Zur Barrierefreiheit gehört in meinem Fall aber auch die Organisation meiner Studienassistenz, die normalerweise in Lehrveranstaltungen neben mir sitzt und individuelle Mitschriften zu besprochenen Inhalten anfertigt – ich selbst würde für diese Sache zu viel Zeit benötigen. Solch ein enges Zusammenspiel auf Distanz war für mich zu Beginn des Semesters schwer vorstellbar und potenziell eine neue Barriere, die es zu überwinden galt. Letztlich konnten wir auch diese Herausforderung ohne Probleme meistern, dank der Vielzahl an Kommunikations- und Vernetzungsmöglichkeiten des Internets.

Aus Perspektive von Anas, Alex und mir erfüllte das Digitalsemester unsere individuellen Ansprüche in Sachen Barrierefreiheit – wir konnten unser Studium auch unter Corona-Bedingungen fortsetzen. Teilweise kam es sogar zum Abbau bestehender Barrieren, was spürbare Erleichterungen mit sich brachte.

Trotz aller Positivität und fernab vom Thema Barrierefreiheit fehlte auch uns der unmittelbare Kontakt zu Kommiliton*innen und Dozierenden. Aus unserer Sicht wäre zukünftig eine Kombination aus Präsenz- und Onlinelehre zu begrüßen – aber so geht’s sicherlich der Mehrzahl der Studierenden, ob nun mit oder ohne Beeinträchtigung.

 

Bei Fragen und Anliegen rund um das Thema Studium mit Beeinträchtigung könnt ihr euch an die Beratung Barrierefrei Studieren wenden.

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