Foto: Fainhaiten/pixabay.com

Ankommen in Berlin: Mein Kiez

Sag mir, in welchem Stadtteil du lebst und ich sag dir, wer du bist. Über Kiezzugehörigkeit in Berlin.

30.09.2019

von Cosima Kopp

Wer in Friedrichshain wohnt, verbringt seine Wochenenden in einem angesagten Elektroschuppen. In Charlottenburg reflektiert die Rolex im Champagnerglas. Mütter treffen sich auf einem Spielplatz im Prenzlauer Berg und gehen danach Maultaschen essen. ­– Vorurteile wie diese gibt es überall. Trotzdem fiel mir in keiner Stadt die Kiezzugehörigkeit so sehr auf wie in Berlin. Bei manchen Bewohner*innen könnte man meinen, ihr Bezirk sei Teil ihrer Persönlichkeit.

Seit gut drei Jahren wohne ich nun schon in Berlin. Wie die meisten bin ich zu Beginn meines Studiums hergezogen. Meine Freund*innen wohnen in populären Gegenden wie Friedrichshain, Kreuzberg oder Neukölln, doch mich hat es in den Westen verschlagen. Ja, noch westlicher als das Schloss Charlottenburg, hinter dem Olympiastadium, mitten im Herzen von Spandau. Dorthin, wo sich nur selten ein*e Tourist*in verirrt.

“Spandau... Ist das überhaupt noch Berlin?”, ist eine Reaktion, an die ich mich schnell gewöhnt habe. Was viele nicht wissen: Spandau liegt tatsächlich noch in der B-Zone. Außerdem wurde der Bezirk im Jahr 1920 nach Groß-Berlin eingemeindet. Die ersten Siedlungen in dem Gebiet gab es bereits im achten Jahrhundert. Spandau ist somit älter als die Anfänge von Berlin im heutigen Mitte. Aus den Zeiten der Unabhängigkeit kann man bis heute die alten Stadtmauern oder die Zitadelle anschauen.

Aber irgendwie gehört es in Berlin zum guten Ton, sich über Spandau lustig zu machen. Selbst die Werbeindustrie spielt mit. Allen voran unsere BVG, die damit wirbt: „Für 7 Euro durch ganz Berlin. Und Spandau.“ Das Überraschende daran ist, dass dies kaum eine*n Spandauer*in stört. Nein, die waschechten Spandauer*innen sind stolz auf ihren Bezirk und wollen gar nicht Berliner genannt werden. Sogar fast 100 Jahre nach dem Zusammenschluss fühlen sie sich noch eigenständig. Das spürt man, wenn man durch die Straßen der Altstadt läuft, auf dem Markt einkaufen geht oder die immer gleichen Leute in der Eckkneipe sitzen sieht. In Spandau gibt es nämlich viel mehr als Konzerte in der Zitadelle. Aber davon wissen die Berlinbewohner*innen nichts, denn die haben Spandau lediglich mal auf der Durchfahrt aus dem ICE gesehen.

Bei den sonstigen Berliner*innen kommt die Identifikation mit dem eigenen Kiez wahrscheinlich daher, dass man dort schlicht den Großteil seiner Zeit verbringt. Wo es in Kleinstädten noch eine Innenstadt gibt, finden Berliner*innen alles Nötige vor der eigenen Haustür. Das eigene Viertel verlassen muss man daher selten. Meistens sind es Treffen mit Freund*innen, die irgendwo am anderen Ende der Stadt wohnen, für die man sich aus seinem gewohnten Viertel traut. Man trifft sich auf halber Strecke und fährt trotzdem mindestens eine halbe Stunde.

Für alle Neuberliner*innen oder die, die es werden wollen: In welchem Berliner Bezirk du lebst wird dich zwar zwangsläufig beeinflussen, doch es ist lange nicht so wichtig, wie alle immer tun. Trotzdem gilt: In Berlin ist Zuhause dort, wo der Dönermann weiß, dass du deinen Döner ohne Zwiebeln isst.

#Ankommen in Berlin  

Verwendung von Cookies

Um die Webseite optimal gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwendet diese Webseite Cookies.

Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.

Weitere Informationen zum Datenschutz finden Sie in unserer Datenschutzerklärung