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Hand mit Smartphone und verschiedenen App-Icons.

11 ungelesene Nachrichten in 4 Chats

Während dem Referat schauen wir alle aufs Handy. Auch die Dozentin. Über den Studienalltag in Russland und die Generation Z.

10.11.2020

von Mandy Krause

Wieder einmal gehe ich verwundert zum Wohnheim zurück. Das ist die dritte Woche, in der ich das Seminar bei Prof. Popow* verpasst habe. Doch jedes Mal stand ich vorm richtigen Raum zur richtigen Zeit. Zu Semesterbeginn hat es ja auch geklappt. Noch am gleichen Tag erreicht mich eine Nachricht über das soziale Netzwerk Vkontakte – dem russischen Äquivalent zu Facebook. Der Dozent informiert mich darüber, dass sich der Veranstaltungstermin geändert habe. Ihm sei aufgefallen, dass ich mehrmals nicht anwesend war und er könne sich denken, dass ich von den Änderungen nichts mitbekommen habe.

Die Kontaktaufnahme über soziale Netzwerke, auch zwischen Dozierenden und Studierenden, ist in Russland keine Seltenheit. Die Generation Z existiert unabhängig von Ländergrenzen, so eben auch hier. Während mich an der Berliner Friedrichstraße häufig das Funkloch plagt, so kann ich im Zug durch Sibirien streckenweise sogar einen Videoanruf tätigen.

Zur Generation Z zähle ich mit meinem Geburtsjahr zwar nicht, doch hier in Russland stecke ich im Unialltag mitten drin: in der Altersgruppe Internet. Das kriege ich das erste Mal deutlich zu spüren, als wir in einem Seminar Referate vorbereiten müssen. Der Gruppenchat wurde gleich zu Semesterbeginn gegründet, hier stellt die Dozentin Lektüre und Hausaufgaben ein. Zur Deadline laden die Studierenden ihre Präsentationen in die Gruppe hoch. Im Seminar selbst wird der Vortrag mithilfe des Smartphones gehalten, die anderen Teilnehmer sehen die Präsentationsfolien auf ihren Handys, so auch die Dozentin. Ob das nun am fehlenden Beamer oder an der Generation Z liegt, ist eine berechtigte Frage.

Dennoch wird man nicht selten von seinen russischen Freunden gefragt, auf welchem Kanal man denn nun am besten zu erreichen sei. Wenn ich auf WhatsApp nicht antworte, werde ich woanders eben nochmal angeschrieben. Als ich mich mit Kristina, Studentin im Master an der Staatlichen Universität Tomsk, in einem Uni-Café treffe, bin ich überrascht davon, wie viel Aufmerksamkeit und Zeit sie den unzähligen Gruppenchats auf ihrem Handy widmen muss. „Ich erfahre heute Abend, ob die Lehrveranstaltung morgen stattfindet“, sagt sie. „Gerade schreibt die Dozentin, dass sie Probleme habe einen Raum zu finden“. So sitzen wir also bei Kaffee und Kuchen, während im Minutentakt Nachrichten auf ihrem Handy erscheinen. Kristina erzählt mir, dass das jeden Tag so sei.

Auf dem Nachhauseweg schaue ich auf mein Handy. Ein neuer Post im Gruppenchat. Das Seminar fällt aus, die Dozentin ist krank. „Gute Besserung“ wünschen ihre Studierenden im Kommentar.

 

*Name geändert

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