„Sofortige Hochschulöffnungen sind unsolidarisch“

Gabriel Tiedje ist Teil des AStA der TU Berlin und dort Referent für Öffentlichkeitsarbeit. Darüber hinaus engagiert es sich bei der Landesastenkonferenz (LAK), über die sich die ASten der verschiedenen Berliner Hochschulen vernetzen. Sie bringen in diesem Zusammenschluss ihre Positionen auf einen Nenner und formulieren gemeinsame Forderungen und Wünsche an die Landespolitik. Wir haben mit Gabriel über die Debatte um die Öffnung der Hochschulen gesprochen.

03.06.2021

Unter dem Hashtag #NichtNurOnline kursiert die Forderung, auch für Unis Öffnungsperspektiven zu schaffen. Wie steht ihr dazu?

Es gibt durchaus Öffnungsperspektiven für die Universitäten. Es herrscht tatsächlich eine sehr optimistische Stimmung, dass Corona ab spätestens Mitte des nächsten Semesters keine große Rolle mehr spielen wird. Wenn man sich die aktuellen Impfquoten anschaut, dann ist auch klar, dass ab Beginn des Wintersemesters in Präsenz gestartet werden kann.

Was uns in dieser Debatte stört, ist, dass man jetzt schnell und auf der Stelle Öffnungen fordert. Das halten wir für unsolidarisch, weil die meisten Studierenden und auch die, die zu Risikogruppen gehören, noch nicht geimpft sind. Ab dem Zeitpunkt, ab dem wir in Präsenz starten werden, wird die Lehre nicht mehr online angeboten. Das heißt, die Studierenden hätten dann nicht mehr die Möglichkeit, an den Angeboten der Universität teilzunehmen, ohne sich einem sehr hohen Infektionsrisiko auszusetzen. Nur freiwillige Zusatzangebote könnten langsam in Präsenz stattfinden. Es ist beispielsweise wichtig, die Bibliotheken und Lernräume zu öffnen, damit dort gelernt werden kann.

Könnt ihr den Wunsch nach Öffnung nicht nachvollziehen?

Natürlich können wir das nachvollziehen. Das Problem ist einfach, wenn wir öffnen, dann kann man auch davon ausgehen, dass die Inzidenz unter den Studierenden einen rapiden Anstieg erleben wird. Vielleicht nicht sofort, aber nach zwei oder drei Wochen vielleicht. Erneute Schließungen wären die Folge.

Findet ihr, dass die Online-Lehre ein hinreichender Ersatz für die Präsenzlehre darstellt?

Online-Lehre hat viele sinnvolle Anteile, ist aber kein adäquater Ersatz für eine Präsenzlehre. Was im Nachgang wichtig sein wird, ist, dass man Elemente, die in der Online-Lehre gut funktioniert haben, wie beispielswese asynchrone Formate oder Blended Learning in den regulären Lehrbetrieb übernimmt. Denn diese helfen Studierenden mit Erziehungs- oder Pflegeverpflichtungen und auch Studierenden, die arbeiten müssen und deswegen nicht an den Vorlesungen teilnehmen können. Das soll die Präsenzlehre aber auf keinen Fall ersetzten. Denn das direkte Erleben und der Austausch ist durchaus hilfreich für eine gute Vernetzung. Was da aktuell noch fehlt, ist die Vernetzung von Studierenden untereinander nach dem Seminar. Es wäre wichtig, die Studierenden dabei zu unterstützen, sich selbstständig Plattformen für den Austausch außerhalb der Lehre zu bauen.

Was wünscht ihr euch von der Politik in Bezug auf Universitäten und Hochschulen?

Die Hochschule wurden lange Zeit in der politischen Planung vor allem auf Bundesebene außen vorgelassen. Was deutlich wurde ist, dass Studierende unter der Situation leiden. Es wurde viel zu wenig getan, um dem entgegenzuwirken und sei es auch nur finanzieller Natur oder durch ein gesteigertes Beratungsangebot. Die sehr verschiedenen studentischen Lebensrealitäten werden bei der Planung von Professor*innen aber auch von der Politik häufig nicht in Betracht gezogen, da ist der Studierende häufig ein Element von vielen. Da fehlt, dass Studierende überhaupt angehört werden und dass eine individuelle Förderung der Bedürfnisse in den verschiedenen Situationen erfolgt.

Wie konntet ihr während der Pandemie euren politischen Einfluss geltend machen?

Durch unsere Beratungsgespräche haben wir erfahren, was die größten Probleme der Studierenden sind und haben das an die Politik weitergetragen. Die Politik hat dankenswerterweise auch reagiert und uns Optionen eröffnet. Wir als LAK hatten im ersten Corona-Semester wöchentlich ein Telefonat mit dem Staatssekretär für Wissenschaft, seitdem dann circa alle zwei Wochen. Dadurch konnten wir direkt am Anfang alle Probleme, die bei uns ankamen, weiterreichen und Lösungen vorschlagen. Wir waren darüber hinaus bei der Beschließung der Hochschulgesetz-Novelle ins Abgeordnetenhaus eingeladen und konnten dort die Position der Studierenden darlegen. Dabei wurden zum Beispiel die Regelstudienzeitverlängerung und die Erhöhung der Freiversuche beschlossen. Das hat auf jeden Fall sehr geholfen und wir konnten uns gut einbringen.