Foto: Felix Noak / stW BERLIN
Junge Frau schaut nachdenklich.

„Da ist Stagnation, Resignation und graue Soße“

Unter den letzten Monaten im Corona-Lockdown haben alle Menschen auf irgendeine Weise gelitten. Das Werkblatt hat mit drei Studierenden gesprochen, welche kreativ tätig sind und dabei interessante Einblicke bekommen.

20.05.2021

von Viktoria Eckert

Vom Mediziner und Aphoristiker Gerhard Uhlenbrock stammt folgendes Zitat: „Kreativität ist, wenn einem bei dem, was einem auffällt, etwas einfällt“. In Zeiten einer Pandemie und damit einhergehender Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen eine große Herausforderung und Chance zugleich, sagen Momo, Liliya und Tabea.

Momo ist amtierende Stadtschreiberin des studierendenWERKs BERLIN, setzt sich mittels Lyrik und Prosa u. a. intensiv mit dem (Zusammen-)Leben junger Menschen in Berlin auseinander. Nun fehlt ihr eine essenzielle Quelle zur Inspiration, schließlich sind die Möglichkeiten des Miteinanders aktuell sehr beschränkt. Im Laufe des Lockdowns sinke die Motivation – Momo spricht von Stagnation, Resignation und grauer Soße. Es gäbe aber auch ruhige, schöne Momente: Gerade zu Beginn des Lockdowns war es für sie extrem spannend, quasi von jetzt auf gleich auf das eigene Subjekt zurückgeworfen zu sein und einen Fokus auf die eigene Arbeit zu legen. Mittlerweile hat diese Euphorie jedoch deutlich nachgelassen und sie nimmt eine zunehmende Ideenlosigkeit infolge fehlender Außenreize und neuer Wahrnehmungen wahr. „Ein fünfminütiges Gespräch über das Wetter mit einer fremden Nase ist dann schon so richtig aufregend – der Austausch mit externen Gedanken, der fehlt mir sehr“, sagt Momo mit Wehmut in der Stimme.

Liliya ist ebenfalls kreativ tätig und baut individuelle Designerschränke. Im Unterschied zu Stadtschreiberin Momo nimmt sie den Lockdown in erster Linie als kunstfördernd wahr. Zeit für sich, Anlass zur intensiven Selbstreflexion und für die künstlerische Tätigkeit – nur einige Vorteile für Liliya. Das Leben sei teilweise weniger hektisch und genau das brauche man für die Kunst. „Die Natur ist zum Glück für alle zugänglich und eine Quelle der Inspiration für mich sowie für viele weitere Künstler“, erläutert sie ihren wichtigsten kreativen Rückzugsort.

Trotz allem ist ihr Blick auf die vergangenen Monate nicht gänzlich ungetrübt. Liliya hat in diesem Kontext vor allem eine erschwerte Zugänglichkeit von Kunstbedarf im Blick, schließlich waren über einen langen Zeitraum die Geschäfte des Einzelhandels geschlossen. Eine Hürde seien ebenfalls die leeren Straßen gewesen und die ständige Angst vor der Pandemie – bis in die Gegenwart. Um diese Herausforderung zu meistern und die Stimmung hochzuhalten, ist für sie rückblickend ein hohes Maß an intrinsischer Motivation und Hartnäckigkeit der Schlüssel zum künstlerischen Erfolg in schwierigen Zeiten gewesen.

Tabea zählte vor dem ersten Lockdown vor allem das Schreiben zu ihren kreativen Hobbies. Eigentlich ist sie sehr fest in der Szene verankert und hat z. B. Lesereihen mitorganisiert, an Wettbewerben teilgenommen und Stipendien erhalten. Trotz Corona hat sie im vergangenen Jahr zahlreiche Fähigkeiten verbessert bzw. neu erlernt: Häkeln, Stricken, Brandmalerei, Modellieren oder das Fotografieren. Außerdem ist sie einer Theatergruppe beigetreten und probt regelmäßig über Zoom. Dinge, welche Tabea im letzten Jahr nicht geschafft hat: auch nur eine einzige Geschichte fertig zu schreiben. Ihre Bilanz ist also sehr gemischt. „Leider habe ich gemerkt, dass ich das Von-Irgendwo-Heimkommen brauche, um schreiben zu können“. Aber dadurch, dass ihr die Pandemie diese Form von Inspiration vorübergehend genommen hat, fehlt Tabea zurzeit auch die emotionale Brücke zu einem ihrer wichtigsten Sozialräume. „Ich bin dennoch zuversichtlich, dass es wieder wird“, sagt sie und blickt hoffnungsvoll in die Zukunft.

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