13.01.2026

Die Kreuzung

von Karla Fröhlich

Das Erste, was Beate sah, als sie den Raum betrat, war das Bett, das sich groß, weiß und

weich vor ihr ausbreitete. Michael folgte ihr. Er fragte, wie sie den Film fand. Er sagte, es sei

Offensichtlich eine Allegorie auf das Leben im Spätkapitalismus. So nah am Puls der Zeit.

Nach und nach legte sie ihre Kleidung ab und breitete sie auf dem Laken aus. Erst die

Ohrringe, dann die Kette. Sie sagte nicht, dass sie das Ende nicht verstanden hatte, sich

eigentlich nur noch an vage Bilder erinnerte, verschwommen und verschleiert. „Du musst dich

nur darauf einlassen.“ Sie dachte, er musste immer das letzte Wort haben, aber als sie das

Fenster öffnete, verschmolz seine Stimme mit dem Rauschen der Straße. Sie starrte auf eine

Mauer aus Fenstern, ein weiteres Hotel. Als würden sie sich selbst noch einmal sehen,

gespiegelt, verdoppelt. Kurz glaubte sie, einen Schatten gegenüber zu erhaschen.

Kommunikation ist das A und O, die Stimme ihrer Lieblingspodcasterin schob sich über das

Gesicht der Filmfigur. Sie erinnerte sich, es war ein Fluchtwagenfahrer und gescheiterter

Schauspieler. Ach, auch für sie hatte es einmal eine Möglichkeit gegeben, ein anderes,

glamouröseres Leben. Sie hatte die falsche Ausfahrt genommen und jemand anderes lebte

dieses Leben jetzt. Sie hörte die Stimme und ihre Träume mit dem Regen im Rinnstein der

Stadt versickern und mit ihnen sich selbst. Konzentrieren sie sich auf fünf Dinge, die sie hören,

sehen, riechen können, sagte die Stimme, und der Mann starrte sie an. Ein Blick aufs Bett:

Michael war eingeschlafen. Ein Blick aus dem Fenster: Flackern gegenüber. Blaues und rotes

Licht streifte ihr Gesicht. Schemenhafte Gestalten bewegten sich flatternd im Dunkel. Sie

verließ das Zimmer, den Gang entlang, jemand schaute ihr an der Bar nach, hinaus auf die

Straße. Vor einer Galerie hatte sich eine Gruppe von Jugendlichen versammelt. Zerstreute

Blicke, glimmende Zigaretten, teure Handtaschen. Sie blieb stehen, als sie eine Figur aus der

Menge lösen und auf sie zukommen sah, ein junges Mädchen streifte sie im Vorbeigehen, sie

pulsierte. Ihr Puls wird zur Musik wird zum Puls der Straße und treibt sie voran. Das Mädchen

schwankt über den Asphalt. Ihre Augen müssen sich noch an das Licht gewöhnen. Alles rot

und blau. Was für eine Enttäuschung. Stunden in der Schlange gewartet, nach kurzem Rausch

hält sie es nicht mehr aus, spürst du schon was, merkst du schon was, erst nichts, dann alles

besonders und glänzend, spürst du schon was, merkst du schon was, erst nichts dann

funkeln, ich habe Sterne geschluckt, sagte jemand, alles funkelt in mir, ich habe Sterne

gespuckt, sie wartete, aber da war nur ein Schleier über den Gesichtern, sie entfernten sich,

verschwommen, sie spürte immer noch nichts, alle wussten dass es nicht wirklich war, sie

wollten so gerne etwas sein, sie aber vor allem nichts oder zumindest allein, dann war sie

draußen, der Puls der Musik wurde zum Puls der Straße, trieb sie voran, ab jetzt würde sie

nie wieder stehenbleiben, sie ging die Straße hinunter, nie wieder stehenbleiben, das

gleißende Licht eines Imbiss erhellte kurz ihr Gesicht, blaurot, ein Mann schaute ihr nach, das

bemerkte sie nicht, nur die Spur einer Knoblauchfahne, war das ein Flüstern oder ein Funken,

auf einmal wusste sie, dass er den ganzen Tag dort gesessen immer wieder zu diesem Laden

zurückkehrte auf eine profane Erleuchtung wartete so lange schon kannte er nichts anderes

als zu sitzen und den Passanten Tage Nächte Erinnerungen hinterherzuschauen ein anderes

Leben eine andere Stadt Land Fluss warten bis dieses Leben zu seinem geworden war und

das andere nur noch entfernte Ahnung so war er geblieben er blieb es blieb meistens jemand

neben ihm und redete und erwiderte aber er hörte sich nicht mal mehr selbst war nur noch

eine Kopie von sich und die Tage entglitten nur noch das Rauschen wie als Kind eine Muschel

ans Ohr halten und den Autos hinterher die Straße hinunter darin Menschen ohne Gesicht

und Geschichte und die Schreie der Jungs an der Straßenecke ein Ruck und er fasste sich

an die Stirn plötzlich glatt weich und ohne Falten weiß glänzend funkelte die Uhr am

Handgelenk glatt geschmeidig umfasste er das Lenkrad eine Hand aus dem fenster im wind

streifte sein blick einen mann vor dem imbiss war das nicht sein eigenes gesicht nein es war

ein alter mann müder mann nein er hatte doch alles noch vor sich obwohl alles schon gelebt

war alles schon gesehen tausendmal diese straße diese kreuzung auf und ab seine jungs an

der straßenecke blicke links und rechts bildeten sich ein etwas zu sein er wollte nur noch raus

nur noch blaues und rotes licht neben ihm und über ihm auf ihm richteten sich seine haare

auf nach kurzem rausch hält er es nicht mehr aus aber da ist schon sein fuß auf dem pedal

sein fuß und seine kraft er beschleunigt und ehe er sich versieht ist das bild schwarz.

 

Das Kind wacht auf und tapst an das Fenster der Wohnung über der Kreuzung. Die kleine

Hand an die Scheibe gelegt schaut es nach unten. Menschen taumeln aus allen Richtungen.

Ich sehe was was du nicht siehst. Und das ist laut. Ich sehe was was du nicht siehst und das

ist hell blau rot und blinkt blinkt blinkt. Es streift Michael, der in eine seltsame Stille erwacht.

Das Display neben ihm leuchtet auf und erhellt den Raum. Eilmeldung: BERLIN: POTSDAMER

STRASSE: RASER FÄHRT IN MENSCHENMENGE IN DER POTSDAMER STRASSE-Zahl der

Verletzten unbekannt. AUTOUNFALL AUF DER POTSDAMER STRASSE. Sie haben 50 neue

Nachrichten. 10 Prozent Rabatt auf irgendwas, irgendwer gewinnt den großen Preis der

Berlinale. Das muss er Beate erzählen. Er zögert kurz, aber das Bett ist so weiß, so weich.

Das Fenster geschlossen, kein Lärm dringt hinein. Er dreht sich um, und schläft wieder ein.

 

Aufgrund eines Redaktionsfehlers wurde dieser Text leider nicht in der Printausgabe der studentischen Literaturanthologie 2023-25 abgedruckt.