21.01.2026
Winde
Januar 2026
Als ich neunzehn war, machte ich mit meiner besten Freundin J. eine Velotour. Wir fuhren von Genf der Rhone entlang bis ans Mittelmeer, auf denselben Velos, auf denen wir ein paar Monate zuvor noch zur Schule gefahren waren. Wir trugen eigens dafür gekaufte Sportkleidung, gepolsterte Hosen und Trikots aus schnell trocknendem Polyester; unsere Waden hatten die Form und Farbe ungebackener Baguettes.
Obwohl es nicht das erste Mal war, dass wir ohne unsere Eltern verreisten, waren wir noch nie mehr auf uns alleingestellt gewesen. Wir bewegten uns kraft unserer eigenen Muskeln fort, bereiteten zweimal täglich unser Essen auf einem Campingkocher zu und bauten jeden Abend das Zelt auf, in dem wir schliefen.
Auf dieser Reise habe ich viel gelernt. Zum Beispiel lernte ich, dass es noch andere Winde gibt als jene, die ich von zuhause her kannte. Bis dahin waren mir nur die Bise und der Föhn bekannt gewesen, zwei Winde, die in regelmäßigen Abständen über die Schweiz wehen. Die Bise ist eisig und kalt und fühlt sich, wenn sie stark ist, an wie ein Schlag ins Gesicht. Meine Mutter hat mich oft vor ihr gewarnt, gesagt, ich solle einen Schal anziehen, bevor ich das Haus verließ. „Es geit ä Bise“, sagte sie dann, ins Hochdeutsche übersetzt: „Eine Bise geht herum“, wodurch der Wind klang wie eine Hexe, die hinter der nächsten Straßenecke lauert. Der Föhn hingegen gleicht einer alten Dame, die sich langsam durchs Dorf bewegt, an jede Tür klopft und dabei erschöpft heiße Luft ausatmet.
Hinter den französischen Alpen wartete der Mistral. Zuerst spürten wir ihn nicht, da wir uns mit ihm in Richtung Meer bewegten. Aber auf einem Campingplatz in der Nähe von Vienne trafen wir einen Polen, der sich über den Wind beschwerte. Wir versuchten gerade, die Zeltnägel mit unseren bloßen Händen in die Erde zu drücken, als er auf uns zukam und vorschlug, wir sollten doch einen Stein verwenden. Er fragte, woher wir kämen und ob die Straßen in Richtung Genf steil seien. Wir bejahten, sagten aber, dass wir nicht einschätzen könnten, wie schwer es sei; schließlich seien wir bisher nur bergab gefahren.
„Oh Mann“, sagte er, „Ich hätte andersrum starten sollen. Und ich dachte, der scheiss Wind hätte mich fertiggemacht.“
Je weiter wir gegen Süden kamen, desto stärker wurde der Wind, ganz wie es uns der Pole vorausgesagt hatte. Und als wir in die flache Landschaft der Camargue hineinradelten, war der Mistral allgegenwärtig. Er zog an unseren Haaren und spielte mit den Klappen unserer Satteltaschen, was die Kommunikation zwischen uns unmöglich machte. Das war ein Problem, mit dem wir schon seit Tagen zu kämpfen hatten; während wir hintereinander herfuhren, verschluckte der Wind einen Großteil der Wörter, die wir auszutauschen versuchten. J. sagte etwas, das ich nicht verstehen konnte, und als ich sie bat, es zu wiederholen, schrie sie: „Sagmal, bist du taub?!“ Zusätzlich zum Mistral waren wir ständig hungrig, durstig oder auf der Suche nach einem abgeschiedenen Ort, an dem wir pinkeln oder kacken konnten. Das führte zu unzähligen Streitereien, an deren Inhalt mich nicht mehr erinnere. Manchmal verbrachten wir den Abend schweigend, so wütend waren wir aufeinander.
Während der Stunden auf der Straße dachten wir nach. Eines Tages, nachdem wir unsere Campingkocher-Nudeln mit Käse und halbrohen Zucchini gegessen hatten, hob J. ihren Löffel wie einen Dirigierstab und sagte, dass sie Der Tod in Venedig jetzt verstehen würde; zuvor habe sie den Scirocco als Motiv betrachtet, jetzt glaube sie wirklich, dass ein Wind einen verrückt machen könne. Ich nickte und sagte, dass ich das Buch nicht gelesen habe, es mir aber vorstellen könne. Dann packten wir unsere Sachen und pinkelten hinter einen Grashügel.
Ich erinnere mich an den Tag, an dem wir die Küste erreichten. Wir fuhren durch die Salzfelder, und obwohl der Wind immer stärker wurde, fühlte sich das Treten der Pedale einfacher an. Und dann, nachdem wir stundenlang nur Salzberge und Büsche gesehen hatten, konnten wir den Zementpier von Saintes-Maries-de-la-Mer erkennen. Ich erinnere mich, wie ich dachte: Das ist etwas, was man machen kann; man kann einfach sein Velo nehmen und damit ans Meer fahren. Unsere Streitereien waren vergessen. Wir umarmten uns, machten Fotos von uns und unseren Velos am Pier, das große blaue Mittelmeer hinter uns. Der Himmel war dunstig; wir konnten nicht bis nach Afrika sehen, aber zu wissen, dass der Kontinent irgendwo da, hinter dem Blau lag, fühlte sich beeindruckend an.
Saintes-Maries-de-la-Mer selbst war ein hässlicher Ort. Wir verbrachten den Nachmittag damit, Eis zu essen und herumzulaufen, dann nahmen wir den Zug nach Montpellier, wo wir unser Notfallbudget ausgaben, das wir glücklicherweise nicht gebraucht hatten. Auf unserem Rückweg in die Schweiz waren wir etwas enttäuscht, das Land, das wir in zwei Wochen durchquert hatten, in weniger als sechs Stunden an uns vorbeifliegen zu sehen. Unsere Leistung hatte sich groß angefühlt, unsere Beine stark, aber heute denke ich, dass wir unsere Stärke überschätzt haben. Es war nicht nur der Mistral, den wir im Rücken spürten, der uns anschob, während wir uns immer weiter von unserem Zuhause entfernten, zusammen hinaus, ins Offene, fuhren. Manchmal vermisse ich diese unsichtbare Hand, diesen seltsamen Wind.