01.10.2026

Wegfahren/Wiederkommen

September 2026

Im gesamten Bahnhof riecht es nach Jugendherberge.

 

Es riecht nach krümeligen Hochbetten.

Es riecht nach rationiertem Kleingeld.

Es riecht nach vernachlässigten Wunderbällen.

Es riecht nach meinem Disney Prinzessinnen Schlafsack.

Es riecht nach Dreiviertelhosen und Hannah Montana Sonnenbrillen.

Es riecht nach Himbeerbrause und Schwedeneisbecher.

Es riecht nach dem südlichsten Punkt Berlins.

 

Es riecht nach Ketchup in der Tomatensauce.

Es riecht nach zweckentfremdeten Nagelscheren.

Es riecht nach Superbass von Nicki Minaj.

Es riecht nach tschechischen Kinderliedern gesungen auf klappernden Kanus.

Es riecht nach Tempelhofer Jungs, die scharf auf meine Freundin sind.

Es riecht nach verlorenem Schuhwerk und Ersatz-Flip Flops.

Es riecht nach meinem ersten pinken Essence Nagellack.

Es riecht nach Ma Chérie von DJ Antoine.

 

Es riecht nach Vanilla Kisses und Pink Passion.

Es riecht nach nicht unterschriebenen Elternzetteln.

Es riecht nach Tränen auf der zerfledderten Beatles-Biografie.

Es riecht nach “vergessenen” Schwimmsachen.

Es riecht nach keinen Handys, bis es nach Handys riecht.

Es riecht nach Thälmannpionieren.

Es riecht nach aufgeweichter Milchschnitte auf Parkplätzen.

 

Es riecht nach widerwilligen Wangenküssen.

Es riecht nach kleinem weißem Hund.

Es riecht nach Jambon-Fromage.

Es riecht nach Gruppenfotos ohne mich.

Es riecht nach Fack Ju Göhte auf dem kleinen Reisebusfernseher.

Es riecht nach dem kaputten Regenschirm meines Sportlehrers.

 

Es riecht nach Túró Rudi und Sachertorte.

Es riecht nach verschlafenen Autofahrten durch eine geteilte Stadt.

Es riecht nach schüchternen Jungs, die ich gut finden wollte.

Es riecht nach langhaarigen Mädchen, die ich viel besser fand.

Es riecht nach schwangeren Ehefrauen.

Es riecht nach Hügeln und Herczegh.

Es riecht nach BER Witzen.

 

Es riecht nach immer denselben Schülern, die zuhause bleiben.

Es riecht nach Kiko Milano und Pizza Marinara.

Es riecht nach Postkarten mit den immer gleichen Sätzen.

Es riecht nach Freundschaftsschwüren und Sonnenbrand.

Es riecht nach schlechtem Empfang auf bröckelnden Balkons.

Es riecht nach als letztes abgeholt werden und im Auto kein Wort miteinander wechseln.

 

Es riecht nach löchrigen Nachthemden.

Es riecht nach unerwünschten Jungsbesuchen.

Es riecht nach Borreliose und toten Katzenbabys.

Es riecht nach Trinkjoghurt.

Es riecht nach Freiheit und Einsamkeit.

Es riecht nach besorgten Lehrern.

 

Es riecht nach Joints, die er wie Lollies verteilt.

Es riecht nach grünen Augen und braunen Locken.

Es riecht nach zehn Runden Wizard.

Es riecht nach Heterofatalismus und Lesbenneid.

Es riecht nach Morgenkreisen und Massageübungen.

Es riecht nach dem immer gleichen Apfelkuchen.

Es riecht nach unerforschtem Begehren.

 

Es riecht nach Angst vor der Rückkehr.

Collage mit einer Figur, Essen und Bonbons und Berlin-Schriftzug
(c) Lex Bernsdorf