31.03.2026

walnussbäume

März 2026

im märz hat mein vater zwei rosen in erde aus dem supermarkt gekauft, meine eltern packen seit zwei wochen ihre koffer. sie reisen am mittwoch, das erste mal gemeinsam in die neue wohnung in mersin, die meine mutter noch nicht gesehen hat. mein vater will die rosen in einer plastiktüte im handgepäck mitnehmen, in dem hof meinte er, gäbe es einen gemeinschaftlichen garten, dort könnte er die rosen pfanzen.

es ist sonntag, ich stehe nach einem spaziergang im badezimmer, ich wasche mir die hände mit dieser olivenseife, von der die haut nach dem abtrocknen so rau wird, und höre wie meine mutter meinem vater die rosen ausredet, während sie medikamente für verwandte einsortiert. dafür hätten sie in ihrem gepäck keinen platz.

an sonntagen seitdem kein schnee mehr liegt, gehe ich mit meiner mutter spazieren. wir laufen wie die straßenkatzen nebeneinander und blinzeln lächelnd, wenn das licht gerade in unsere wintergrauen augen fällt, wenn wir gerade auf der sonnenseite am ufer stehen, katzen machen das auch. wir sind am maybachufer entlang und weil es im schatten doch kalt ist an märztagen, haben wir ständig unsere jacken an und wieder ausgezogen. wenn ich als kind mit meiner mutter spazieren war, hat es mich gequält, wenn sie alle fünf meter auf dem kottbusser damm stehenbleiben und eine freundin von früher begrüßen musste.

letzten sonntag begrüßte meine mutter eine stammkundin aus dem supermarkt, sie sammelte pfandflaschen in einem einkaufswagen, das lohnt sich an sonntagen im frühling, wenn die jugendlichen wieder auf den straßen sind, sagte sie uns, und es ist zugleich die bewegung im alltag, erzählte sie meiner mutter. sie wünschte uns alles gute und ich dachte mir, ich wünschte, ich hätte schon früher aufmerksamer zugehört. wir gingen weiter. an einem anderen sonntag bei unserem spaziergang, erinnere ich mich, hatte mich berlin abla in die arme genommen. meine mutter hat mir dann erzählt, ich habe sie als kind cevizci teyze genannt, weil sie uns immer walnüsse aus ihrer heimat mitgebracht hat. hände färben sich schwarz, wenn sie unreife walnüsse brechen, ich erinnerte mich an den schatten riesiger walnussbäume im sommer, wir gingen weiter. an einem anderen sonntag, bedankte sich ein amca, in braunem jacket, bei meiner mutter, mit der hand auf der brust dafür, dass sie letzten monat seinen einkauf an der kasse vorgezahlt hatte.

wir gingen weiter und blieben an der ampel stehen, skalitzer ecke mariannen, sagte mir meine mutter, sie würde es hier vermissen, an diesem sonntag, wo jetzt die sonne in unsere gesichter scheint. ich fragte sie, es sind doch nur zwei wochen. sie sagte mir ja, aber bald wird es ein ganzer sommer, dann werden es vielleicht zwei ganze jahre sein. und als wir über die kreuzungen gingen, und ich im schatten der straßenschilder, die schatten der äste der walnussbäume sah, verstand ich, dass meine mutter immer etwas vermisst und immer vermisst wird. als wir schon am mariannenplatz vorbeigelaufen sind, kommt es mir kurz wie das ende von kreuzberg vor.

ich stehe noch im badezimmer, früher hat der nachbar über uns an nachmittagen amy winehouse oder prince über seine musikanlage gespielt, manchmal habe ich im bad leise mitgesungen. als ich ihn letzten sommer zufallig in einer bar gesehen habe, meinte er mir, er hätte es nie gedacht, aber er wäre zu alt geworden für kreuzberg. und er entschuldigte sich, für die laute musik und manchmal vermisse ich es, leise mitzusingen, dann kommt es mir ganz kurz so vor, wie das ende von kreuzberg.

an diesem sonntagabend als sich meine eltern bei mir verabschieden, werde ich beauftragt die rosen in den großen blumentopf auf dem balkon einzupflanzen. am reisetag kann ich sie nicht erreichen, ich stelle mir vor wie sie nebeneinander am flughafen sitzen und am meer spazieren gehen, ihre neuen nachbarn zu kaffee und deutscher schokolade einladen. dann, einige tage später, als ich abends alleine im wohnzimmer sitze, wo meine mutter meinem vater die rosen ausgeredet hatte, erzählt sie mir am telefon, die straßenkatzen wären durch das offene küchenfenster geklettert, sie hätten die leere wohnung über den winter besetzt.

nach dem anruf ist stille, ich wünschte, mein nachbar würde noch musik hören, die straßenkatzen würden an der kreuzung mariannen ecke skalitzer unter dem walnussbaum mit dem schatten und den leeren nussschalen spielen, ich wünschte ich hätte aufmerksamer zugehört, als meine mutter mir zeigte, dass es nicht dazu kommen kann, das ende von kreuzberg.

eine Zeichnung von einer Katze, Dornen, Walnusszweig
(c) Ayşe Kara