29.10.2024

Spreegeschichten

Oktober 2024

Mit dem Blick in das verdreckte Wasser lässt sich träumen. Wenn die Augen einen Punkt kurz unterhalb der Oberfläche scharfstellen, werden die Ölspuren der Spree zu Nordlichtern. Die Treibhölzer werden kleine Boote, die – immer der Strömung hinterher – Abenteuer über Ufer tragen und Ungeheuern trotzen. Die Schatten im Wasser bewegen sich gekonnt zwischen Angelhaken hindurch. Wer in solchen Gewässern überlebt, trägt ein paar extra Gliedmaßen mit sich herum.
Geschichten von versenkten E-Bikes schwimmen auf den Wellen und gebrochene Zehen nasser Beine sind die Zeugen.

Die Arme und deren Abzweigungen gleichen den Arterien der Stadt, verteilen die feucht-abgestandene Luft zum Atmen.
In östlichen Parks werden in warmen Sommernächten bei elektrischem Kerzenlicht und ein paar Metern Raum zur nächsten Picknickdecke neue Beziehungen gebaut, während verspielte Füße die Tragkraft von Seerosen testen.
Weiter draußen rast ein Fahrrad in der Dunkelheit des Mauerweges Richtung Open-Air-Konzert; Hände sind Vögel, die sich in voller Fahrt zwischen den mutigsten Zweigen der Büsche in Wellen auf und ab bewegen, immer dem Fluss hinterher. Zwischen den Partien der Menschenlosigkeit kommen an Autobahnabzweigungen besetzte Bänke ins Bild. Das Fahrrad wird im Vorbeiziehen mit Soundspuren unterlegt und erhält, neben seinen Flügeln, einen Düsenantrieb.

In der Mitte wird getanzt. Zwischen Gebäuden, die Geschichte flüstern, wird in Konkordanz gesungen und sich umeinander gedreht, bis oben und unten nur entfernte Konzepte sind. Das Wasser trägt das Gelächter weiter zu nächtlichen Spaziergängen, die Menschen wie Ameisen zwischen steinernen Riesen, welche die Vergangenheit und Zukunft stützen. Die Inseln dazwischen entdecken das Jetzt immer wieder neu und leben darin. Spontane Auftritte pulsieren vor historischen Wänden und hauchen ihnen neue Erfahrungen ein. Und der Fluss verliert nicht nur die Trägheit seiner Tonnen, sondern auch die Bedeutung von Zeit.

Weiter westlich wird gemeinsam zu schöneren Aussichten gerannt, den treibenden Blättern hinterher gegen Touristenströme, unter Brücken zwischen Zelten und Mauern, die zum Klettern laden. Entgegen dem Sog der Trauerweiden. Die Spree rennt mit und hört den Geschichten zu, die sich durch Salsa-Abende flechten. Trägt geteilte Geheimnisse und verdeckt sie mit saurem Schwefelgeruch. Erreicht im Westen einen ausladenden Garten, macht einen Knick herum, rahmt ein und lässt Raum; gut gepflegt zum Entdecken gelegt sieht das Wasser nur am Rande den Baum, der versteckt von Blicken die perfekte Form für einen Rücken hat.

Und den Sonnenaufgang verfolgt die Spree an vielen Orten, hält ihre Nordlichter auch für den Tag. Ist bei genauem Blick etwas zu leicht und zu langsam. Trägt Lachen und Musik und Dreck und Leben auf Treibholz durch den ruhelosen Körper. 

 

Häuser und Himmel spiegeln sich im grünlich schimmernden Wasser.
(c) Eliana Wojtal