19.11.2024
Risse im Asphalt (Teil I)
November 2024
content note: Diskriminierungserfahrungen (abstrakt gehalten)
„Seht ihr die Risse auch?“ fragtest Du in die Runde. Das Zimmer war gefüllt gewesen mit kleinen Gesprächen und Wärme und Lachen – sanfte Rhythmen, die man erst bemerkt, wenn sie verklungen sind. Die Gespräche hatten mich eingelullt in eine warme Decke. Schläfrigkeit war in meinen Kopf getropft und hatte angefangen, ihn mit immer weiter gefassten Assoziationen zu füllen. Sie hatten kleine Dellen in meine Traumgrenze gedrückt, sich dann in Seifenblasenform hineinbewegt und mich in dem Zwischenstadium schweben lassen. Meine Gedanken waren Honig geworden, flossen langsam, jeder Moment hielt eine Ewigkeit, während der süßliche Geschmack meinen Mund füllte.
Als hätte davor eine kleine Glocke gerungen, war es still geworden, bevor Du sprachst. Vielleicht hatten wir das schon antizipieren können. Wussten, dass die ausgelassene Stimmung gleich losgelassen werden musste, und dachten uns nur noch einen Moment länger. Du warst die Person gewesen, die unsere stille Übereinstimmung brach.
„Seht ihr die Risse auch?“
Du hattest nacheinander in unsere Gesichter geschaut, mit zusammengezogenen Augenbrauen und etwas vornübergebeugt, auf der Suche nach Blickkontakt. Ich war hart in unser Zimmer zurückgefallen, den Geschmack von Honig noch auf meiner Zungenspitze. Niemand sprach. Ich hatte mich aufgerichtet. Wir alle hatten unsere Sitzpositionen Richtung Mitte angepasst, zögernd, nicht wirklich bereit für dieses Gespräch.
„Was meinst Du?“ fragte ich, wahrscheinlich um Zeit zu gewinnen. Natürlich hatte ich die Risse gesehen. Wir alle hatten sie gesehen.
Nele, die bis zu Deiner Frage noch auf dem Sofa in meinem Arm gelegen hatte, antwortete für Dich.
„Die Risse auf den Straßen meinst Du, oder?“
Du nicktest.
„Die sich gerade immer weiter ausbreiten?“
Du nicktest vehementer.
„Und langsam zu diesen Spalten werden und man echt schauen muss, wo man hintritt?“
Deine Braids wippten hin und her vor Zustimmung.
Vielleicht waren meine Traumblasen zu dem Zeitpunkt noch nicht vollends geplatzt, denn für einen Moment sah ich einen Schatten unter dem Türspalt langziehen. Ich schielte aus den Augenwinkeln nach ihm. Als ich mich direkt in seine Richtung drehte, war er verschwunden. Dann tanzte er wieder in meiner Peripherie. Das ging ein paar Mal hin und her, aber er wollte sich von meinem Blick nicht einfangen lassen.
„Ich weiß nicht, ob ich einfach nur vorsichtiger geworden bin oder irgendwie anders auf die Welt schaue oder in einer schlechten Filterblase drin bin, aber da ist so viel…“ Du setztest ab.
„Hass?“ versuchte Nele Deinen Satz zu beenden „Wut?“
„Das ist ja nichts Neues.“ Joeys Stimme kam gepresst bei mir an. Joey saß schräg neben dem Sofa auf einem Gymnastikball und war bis eben noch leicht auf- und abgehüpft. Jetzt waren Joeys Füße angespannt mit dem Versuch, sich auf dem Boden zu verankern.
„Nee, das mein ich glaub ich auch nicht.“ Du schütteltest den Kopf und öffnetest ein paar Mal den Mund, nur um ihn dann zu verziehen. Es schien, als sei ein halbformulierter Gedanke zwischen Deinen Ohren und Deiner Zunge hängen geblieben.
„Ich hab mir einfach abgewöhnt, auf den Boden zu schauen.“ meinte Tam und guckte auch jetzt nur in unsere Gesichter. Er zuckte mit den Schultern: „Ist einfach leichter so und ich möchte meine Energie lieber in andere Sachen investieren.“
Dann wandte sich Tam wieder dem Schachspiel zu, das ihr beide nebenbei hattet laufen lassen. Ihr wart nicht wirklich investiert darin gewesen und Tam hatte Dich mehrmals darauf hinweisen müssen, dass sich die kleinen Figuren meistens nicht schräg über das Spielfeld bewegen können. Jetzt fixierten Tams Augen das Brett angespannt, als wollte er uns demonstrieren, wo er seine Energie lieber hinein investierte.
Ich spürte, wie sich meine Schläfrigkeit wieder in Wellen anbahnte, und mir den Sand unter den Füßen wegzog. Diesmal jedoch nicht so sachte wie davor; das Wasser war dunkler und salziger, brachte eine alarmierende Notwendigkeit mit sich.
„Was meinst Du damit, Tam?“ Nele bewegte sich unruhig neben mir. „Du schaust einfach nicht mehr auf den Boden? Das ist doch nicht möglich, wenn jeder Schritt das nächste Loch bedeuten kann. Oder?“ Sie suchte Deinen Blick.
Ich hörte, wie Tam ausatmete und sich vom Schachbrett abwandte, ohne auch nur eine der Figuren berührt zu haben. Er bewegte sich, als sei er unter dem gleichen Wasser, das auch um meine Beine spülte.
„Doch, für mich schon.“
„Wie machst du das?“ Ein kleiner Hoffnungsschimmer schwappte aus Deinen Worten zu mir rüber und verfloss sich in meinem Meer.
Wir blickten alle Tam an. Der Raum zwischen uns lud sich elektrisch auf.
„Weiß ich auch nicht. Ich denk da nicht viel drüber nach, sondern geh einfach durch mein Leben. Das ist jetzt nicht so, als würde ich nicht manchmal stolpern – und wenn ich jetzt so drüber nachdenke, dann vermeide ich schon Orte, an denen ich vermute, dass die Risse tiefer sind.“
„Du bist aber auch nicht viel draußen.“ antwortete Nele.
„Das kommt dazu.“
„Und online?“ Nele ließ nicht locker.
„Da hab ich meine Communities. Und ich weiß, unter welchen Videos ich mir die Kommentare besser nicht anschauen sollte.“
„Schaust du eigentlich wieder Nachrichten? Weißt du, was gerade so los ist?“
Tam schüttelte zögernd den Kopf: „Nicht wirklich – also am Rande bekomm ich schon Sachen mit, aber ehrlich gesagt wird mir das schnell einfach zu viel.“
Nele lehnte sich neben mir zurück. „Das sollte jetzt keine Anschuldigung sein. Das erklärt’s aber für mich.“
„So lässt du dich einschränken!?“ Joey war eine ganze Weile stumm dem Gespräch gefolgt, und jetzt braute sich eine Wolke über Joeys Kopf zusammen, „Du, ich glaube es ist Hass. Ich glaube es war auch schon immer Hass und ich fürchte der wird es auch weiterhin bleiben. Im Großen und Ganzen kann die Lösung doch nicht sein, dass wir uns einfach in unsere Wohlfühlecken verziehen und dabei zuschauen, wie es immer so weitergeht.“
„Was nicht heißt, dass es im Einzelnen nicht total verständlich ist, wenn man sich mal zurücknimmt.“ schloss Nele schnell an und guckte etwas besorgt in Tams Richtung. „Es kursieren so viele Informationen und Emotionen. Da ist ein wenig Selbstschutz sicher nicht fehl am Platz. Das alles aufzunehmen, würde für mich eher Zerstörung bedeuten.“
„Ja, aber das ist auch ein Privileg sich zurücknehmen zu können.“ entgegnete Tam und Joey nickte energisch.
„Ich kann’s mir nicht aussuchen.“ meinte Joey und fügte nach einer kurzen Pause hinzu: „Das ist ganz schön anstrengend.“
Du nicktest. „Das ist es.“
Meine Wellen hatten sich zurückgezogen. Das Gespräch passierte jetzt und ich wurde am Sandstrand zurückgelassen, um ein Teil davon zu sein. Die Schatten waren nicht mehr in meinen Augenwinkeln, sondern flossen vor mir über den roten Teppich zwischen uns. Es schien mir fast so, als wollten sie die Risse imitieren.
Du sprachst wieder: „Mir geht es nicht um den Hass, Joey. Mir geht es um die Risse, die immer größer werden; aber ich glaub für dich sind sie genau das?“
Joey fing an, leicht auf seinem Ball zu wippen: „Schon seitdem ich denken kann, ziehen sich die Risse wie Spinnenweben durch den ganzen Boden, irgendwann schaut man halt zum ersten Mal richtig hin und fängt an zu verstehen, was sie bedeuten…und es zu spüren.“ Er griff sich abwesend an seinen Hinterkopf. „Und ich spüre da nur Hass.“
„Es ist nicht so, als würde mich das nicht interessieren.“ Tam war anscheinend noch in seinem letzten Gedanken verblieben und Joeys Gewitter musste über die geladene Luft die Blitze an ihn weitergereicht haben. „Ich find’s wichtig, okay? Es geht hier auch um mein Leben. So viele andere Leute bewältigen ihren Alltag, ohne dabei noch ständig daran denken zu müssen, ob der Boden sie hält, oder ob sie mit dem nächsten Schritt einfach verschluckt werden. Das soll er für mich auch machen. Deshalb werde ich mich weiter mit einer Selbstverständlichkeit durch diese Welt bewegen. Bis ich selbstverständlich bin.“
„Aber du bist doch nicht du selbst dabei!“ Der Donner war zu Joey zurückgesprungen. „Du kennst deine eingesessenen, sichereren Orte und kannst in deinen vier Wänden existieren, wie du magst. Aber sonst? Sich davon wegzubewegen, bedeutet die Realität anzuerkennen. Dass nicht alles sicher und selbstverständlich ist. Und ich glaube nicht, dass du das machst.“
Die schwarze Netzstrumpfhose von Tam fing meinen Blick ein. Ich folgte den Windungen der Maschen und langsam fingen die Muster aus schwarzem Stoff auf weißer Haut an, ineinander zu verfließen. Die Löcher im groben Netz zeichneten eine Karte auf seine Beine. Sie wirkte beinahe lebendig. Die geflochtenen Linien zogen wie Säulen durch die organischen Flächen, die sich mit jeder Bewegung neu sortierten. Vor meinem inneren Auge sah ich Tam über marmorierte Böden durch dreckige Straßen ziehen und es fiel mir schwer, ihn mir auch außerhalb unseres Zimmers in seinem karierten Skaterrock, den Plattformschuhen und der Netzstrumpfhose vorzustellen. Das geling mir nur auf poliertem Untergrund und mit einem leichten Sprung in seinen Schritten. Und mit Tams Karte, die er über seiner Haut trug. Sein Gefühl von Bedrohung ausgelagert und gehalten von der Luft zwischen behaarten Beinen und gerissenem Polyester. Kurz dachte ich an den schwarzen Edding in meinem Rucksack und in mir stieg der Wunsch auf, etwas Statischeres auf seinen Körper zu bringen. Dann schaute ich runter zu den Tattoos auf meinen Oberschenkeln.
„Tam?“ fragte ich ihn und er wandte sich mir zu. „Hast du Angst?“