26.11.2024

Risse im Asphalt (Teil II)

November 2024

content notes: Diskriminierungserfahrungen (größtenteils abstrakt gehalten, Gewichtsdiskriminierung und Sexismus spezifischer erwähnt)

 

Er zuckte mit den Schultern und etwas in mir zog sich zusammen. Er zuckte nochmal mit den Schultern und bewegte sich auf seinem Stuhl hin und her, als wollte er etwas abschütteln. Dann stand er auf und verließ den Raum. Du schautest ihm hinterher und ich fragte mich, wann Deine Augen so glasig geworden waren. Wir guckten uns kurz unentschlossen an und gerade als Nele aufstehen wollte, um ihm zu folgen, trat Tam wieder ein. Der kalte Luftzug der sich öffnenden Tür strömte um das Sofa herum und meine Gänsehaut schaffte ein neues Relief für die Tinte in meiner Haut. Nele setzte sich wieder.

 

„Brauchst du gerade irgendetwas?“ fragte sie ihn vorsichtig.

 

Tam schüttelte den Kopf, schien dann nochmal nachzudenken und ließ sich zwischen uns auf das Sofa fallen.

 

„Ich weiß nicht – es ist einfach nicht leicht darüber zu sprechen. Das waren mir zu viele Nachfragen.“

 

Durch die offene Tür krochen mehr Schatten in unseren Raum. Sie rollten ohne feste Form über den Boden, bildeten im Wechsel mal einen Fuß, mal einen Fühler aus und ließen diese dann wieder in sich zusammenfallen. Auf dem Teppich flossen sie zusammen und verkleideten sich als Risse. Du standest auf und machtest die Tür zu.

 

„Ich habe Angst.“ sagtest Du.

 

„Was meinst Du?“ fragte Tam.

 

Du fuhrst fort und Deine Stimme zitterte leicht: „Ich glaub bei dir ist sie eher auf die Gegenwart bezogen, aber ich habe Angst zuzuschauen. Zu sehen, wie die Risse immer größer werden, sie irgendwie füllen zu wollen und am Ende keinen Einfluss darauf haben zu können oder im schlimmsten Fall noch genau das Gegenteil zu tun.“

 

„Also diese Hilflosigkeit…“ meinte Nele. 

 

„Das ist gelernt.“ klinkte Joey sich ein. „Bei so viel Gegenwind und Hetze fängt man irgendwann an zu denken, dass das alles nicht mehr veränderbar ist. Dass man still zuschauen muss, wie’s den Bach runtergeht. Aber dafür ist unser Raum hier doch da, oder? Sowas aufzufangen und umzudrehen. Wieder zu sehen und zu spüren, dass unsere Energie und unsere Handlungen nicht ohne Konsequenzen bleiben.“

 

„Das ist ganz schön idealistisch von dir.“ sagte Tam.

 

„Ganz schön pessimistisch von dir.“ entgegnete Joey.

 

Du schautest zwischen Tam und Joey hin und her: „Ich glaub ich beweg mich da zwischen euch beiden. Ich spür die Angst – aber auch den Ärger.“

 

„Wut macht’s leichter. Die gibt mir wenigstens Energie und lässt mich was verändern wollen; Angst würde mich nur lähmen.“ sagte Joey.

„Wenn ich’s mir doch aussuchen könnte…“ Tam lachte bitter. „Aber hast du überhaupt noch Zeit für andere Sachen in deinem Leben? Das ist doch so einnehmend etwas mit Nachklang schaffen zu wollen.“

 

Joey nickte: „Die Balance ist schwer.“

 

„Und dann bist du dem ganzen Zeug – Hass – ständig ausgesetzt; das muss doch weh tun.“

 

Joey verzog das Gesicht, als hätte Joey auf etwas Bitteres gebissen: „Das sowieso, aber ich fühl mich dem nicht mehr ausgeliefert. Ich mache etwas – und das gemeinsam mit anderen. Dem zusammen zu begegnen ist so viel leichter als allein.“

 

Vor meinem inneren Auge fing das Bandshirt, das Joey trug, an sich aufzublähen. Es hielt einen aufgeregten Beat und tönende Gitarrenriffs, die sich – nun freigesetzt – Wege durch die Luft bahnten. Sie überlagerten ein Geschrei, das von außen gegen die Töne andröhnte. Das Ergebnis war ein Wall der Dissonanz. Meine Ohren klingelten mit den falschen Akkorden.

 

„Jetzt hab ich aber immer noch nicht verstanden, was die Risse für Dich sind.“  sagte Nele und schaute Dich an.

 

„Was sind sie denn für dich?“ fragtest Du zurück.

 

Mit der Erwähnung der Risse kam kurz Unruhe in die Schatten. Sie hatten zu lang auf einer Stelle verharrt und wurden jetzt vom Teppich aufgesaugt, kreierten einen schmutzigen Saum.

 

„Die Risse haben für mich ein paar Facetten.“ Nele starrte auf den Teppich und ich war mir fast sicher, dass auch sie die Schatten sehen konnte. „Zum einen sehe ich, wie sie meine Existenz als Mensch verschlucken. Ich fühl mich manchmal, als wäre ich eine Statue aus Boxen – diese Umzugskartons, wisst ihr? – komplett in meine Teile zerlegt. Und dann auch nur so gesehen und angesprochen. Leute schauen mich an und ich bin gleich eine Frau und fett. Und noch dazu eine fette Frau.“

 

Ich versuchte mir vorzustellen, wie Nele in den Reflektionen der Schaufenster nicht ihr eigenes blasses Spiegelbild sah, sondern einen menschenähnlichen Turm aus beschrifteter Pappe. Auf dem Kartonhaufen, der eines ihrer Beine symbolisierte, prangte aufgetürmt „unrasiert“ „ungepflegt“ „Weiblichkeit“ „gesellschaftskritisch“. Ihr Kopf stapelte sich zusammen aus „bunte Haare“ „unprofessionell“ „Punk“. Doch alles überlagernd und viele der kleineren Schriften überdeckend war „Frau“ und „Fett“ über den Kartonkörper gezogen. Die beiden Schriftzüge flossen zusammen und griffen ineinander, wurden mehr als ihre einzelnen Buchstaben. Dann war Nele weitergegangen und ihr Abbild verschwunden. Ich musste fast schon schmunzeln, denn ihre Boxen hatten etwas geschafft, das ihr im Schaufenster verwehrt geblieben war – mehr als die Summe ihrer Anteile zu sein.

„Meine Existenz ist politisch geworden und ich kann mich dem nicht entziehen; aber nicht alles, was ich tue, ist ein Statement oder eine Einladung zum Kommentieren und Diskutieren. Mein Körper ist kein Kanal für die Meinung anderer. Ich rasier mir meine Beine nicht, weil warum sollte ich? Das ist für mich nur Zeitverschwendung. Aber es ist für mich nicht mutig. Ich bin immer wieder aufs Neue überrascht, wie viele Leute mich auf meine Behaarung hinweisen und dann den Drang haben, sich zu erklären, als wäre das ein Angriff gegen sie.“

 

„Oder auch anders herum“ sagte Tam. „Ich mag einfach das Gefühl von glatt rasierten Beinen, politisier doch nicht meine armen Haare.“ Er lachte und wir stimmten ein, alle ein wenig erleichtert kurz an der Wasseroberfläche frische Luft zu atmen.

 

„Das lenkt auch vom Größeren ab.“ sagte Joey. „Schaut mal, wie wir jetzt dabei gelandet sind über Beinhaare zu reden.“

 

„Aber das ist auch ein Symptom der Risse, oder? Du bist entweder Team Beinhaare oder Team Keine-Beinhaare. Aber du musst eine Meinung haben und die ist auch ganz sicher keine persönliche individuelle Entscheidung. Sondern du möchtest, dass alle Menschen so leben.“ sagtest Du und setztest übermäßig viel Betonung in die einzelnen Silben.

 

Nele wandte sich Dir zu: „Sind das Deine Risse?“ Sie wirkte elektrisiert durch ihre vorangegangenen Sätze und ihre Stimme strahlte. „Diese Extreme, die Du meinst?“

 

Du hieltest kurz Inne und Deine Augen wanderten schnell von einem Punkt zum anderen, ohne einen bestimmten Ort zu fixieren. Dann nicktest Du langsam.

 

„Ja, das meine ich, glaub ich. Ich hab manchmal den Eindruck, dass wir uns alle immer weiter in unserer kleinen Ecke der Realität ansiedeln und dadurch gar nicht mehr in Kontakt kommen können.“

 

Tam nickte: „Ich war letztens meine Großeltern besuchen – kleines Dorf auf dem Land und so, ihr wisst schon – und ihr glaubt gar nicht wie froh ich war, wieder in meiner Berliner Blase zu sein. Also die Natur ist voll schön, aber ich hätte nicht gedacht, dass ich da so um Sachen kämpfen muss, die hier für mich selbstverständlich sind.“

 

„Du kämpfst also doch.“ Nele lächelte Tam an, das Blitzen immer noch in ihren Augen. „Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, dass du dem Ganzen ausschließlich ausweichst und es über dich ergehen lässt.“

 

„Naja, dort kann ich dem nicht so aus dem Weg gehen wie hier. Aber ich hab schon echt Sorge, dass es damit auch bald so richtig vorbei ist.“ antwortete Tam ernst und strich seinen Rock glatt.

 

„Also sind die Risse für Dich unsere Spaltung?“ fragte Joey Dich. „Das Bild, das Du aufmachst, passt für mich dann nicht wirklich – ich denk da eher an immer weniger Graustufen, als hätte jemand meinen Kontrast viel zu hoch gedreht. Und wenn ich jetzt auf den Boden schaue, sind da immer seltener belichtete Flecke.“

Du stimmtest aufgeregt ein: „Und ich weiß manchmal auch nicht, ob ich selbst an den Einstellungen gedreht habe! Aber zurückdrehen möchte ich sie auch nicht.“

 

„Das versteh ich jetzt nicht. Ist das nicht genau, worum es Dir gerade geht?“ entgegnete Joey.

 

Nele klinkt sich ein: „Naja, da sind wir wieder bei Tam, oder? Diese Kontrasterhöhung lässt Dich Orte und Menschen erkennen, bei denen Du nicht erfahren musst, was aus den Rissen rauskommt.“

 

„Aber der Kontrast ist zu stark geworden; da ist ja doch mehr Bandbreite.“ sagtest Du. „Und ich selbst fange an, mich mit immer weniger Graustufen zu verstehen.“

 

Nele erwiderte: „Jedoch auch wieder verständlich. Der Kontrast diente im ersten Moment Deinem Schutz. Jetzt ist er zu viel geworden.“

 

„Ich hab nur keine Motivation, irgendetwas daran zu ändern, und das frustriert mich.“

 

Wir schwiegen alle einen Moment.

 

„Was sind denn deine Gedanken dazu?“ Nele drehte sich zu mir. „Du hast noch nicht so wirklich viel gesagt.“

 

Ich zögerte kurz und schaute in die Runde. „Um ehrlich zu sein, hab ich die meiste Zeit daran gedacht, dass ich einfach weiterschlafen möchte.“

 

„Häh?“

 

„Auf die eine oder andere Art enden unsere Gespräche immer hier.“ erklärte ich.

 

„Was soll das heißen? Ist ja auch wichtig.“ sagte Joey.

 

Nele bestärkte: „Ich find‘s entlastend, meine Gedanken und Gefühle mit euch teilen zu können. Die klingen hier wider und verpuffen nicht einfach.“

 

Ich nickte ungeduldig. „Ich weiß, das geht mir auch oft so.“ Ich wandte meinen Blick in die Mitte, um zu schauen, wie es gerade um die Schatten stand. Sie hatten sich jetzt vollends in das Gewebe ziehen lassen und der Teppich wirkte entsättigter als davor.

 

„Ich bin aber auch müde. Das zehrt an mir, in unserem Raum…“

– ich gestikulierte mit meiner Hand einen Bogen –

„…Raum dafür zu machen.“  und zeigte auf die geschlossene Tür und den Teppich. „Und das immer und immer wieder.“ Ich spürte, wie eine einzelne Träne mein Kinn runterrollte.

 

„Was ist die Alternative?“ fragte Joey.

 

„Nicht darüber reden natürlich.“ sagtest Du ironisch und schautest mich zwinkernd an. „Wir können Neles Umzugskartons nehmen, dann packen wir alle unsere Gefühle und Probleme rein…“ Du überlegtest kurz. „…das Schachbrett gleich mit dazu, da hab ich keine Geduld mehr für, und dann warten wir einfach noch ein bisschen, bis die Risse breit genug sind, und versenken alles.“

 

„Bitte!“ Ich musste durch meine Tränen lachen. „Ich steure das Paketband zu.“

 

„Ich besorg Füllstoff, damit auf dem Weg nach unten auch nichts kaputt geht.“ stimmte Nele ein.

 

Tam spielte übertriebene Überzeugung: „Ich weiß ja anscheinend, wo die besten Risse sind, dann geht’s auch schnell und tief.“

 

Joey schüttelte lachend den Kopf: „Dann organisier ich die Afterparty – black tie passt ganz gut, wenn unsere Gefühle am Boden des Ozeans versenkt sind, oder?“

 

„So tief geht’s runter meinst du?“

 

„Also eine Expedition werd ich ganz sicher nicht starten.“

 

„Und danach treffen wir uns alle wieder hier und können endlich ausschlafen.“

 

Der Glockenschlag, der den Anfang des Gesprächs eingeleitet hatte, klang in unserem Lachen wider und verlor sich schließlich darin. Ich spürte, wie sich die Anspannung in mir löste. Den Rest des Abends schaute ich noch ab und zu auf den Teppich, aber die Schatten schienen es sich zwischen den Fasern gemütlich gemacht zu haben. Später beim Aufräumen, nachdem Du mit Nele, Tam und Joey zusammen die Wärme und unseren Rhythmus in die Taschen gepackt hattest und gegangen warst, trat ich näher heran. Beim genaueren Hinsehen konnte ich die Spuren der Schatten noch erkennen, zart aber deutlich.

Ein abstraktes Gemälde zeigt dunkle, sich schlängelnde Fäden auf rotem Himmel.
(c) Eliana Wojtal