02.09.2025
Pause
August 2025
Flughafen war das Wort, an das ich dachte, als ich zum ersten Mal durch die Rostlaube lief. Vor dem Plan machte ich Halt, versuchte, mir die Wege zu meinen Seminarräumen einzuprägen. KL 29/207, JK 133/02 — so klingen Gates, wo im Zweistundentakt Flugzeuge landen und wieder abheben.
Damals konnte ich mir nicht vorstellen, mich in dem Gebäude je zurechtzufinden. Heute kommt mir der Flughafen nur noch in den Sinn, wenn ich an einem Nachmittag wie diesem alleine in der Mensa sitze. Die meiste Zeit bewege ich mich intuitiv durch den Bau, wie eine Ameise.
Vielleicht ist es die Feriensaison, die Flut an Hartschalenkoffern in den S-Bahnen oder die Tatsache, dass sich mein erster Besuch dieser Mensa bald zum dritten Mal jährt, was mich daran erinnert. Auf jeden Fall machen mich die vielen leeren Tische und die hallenden Stimmen derjenigen, die in den Semesterferien nicht weggefahren sind, melancholisch. Ich rühre in meiner Schale Himbeerquark, starre auf die lichtlos von der Decke hängenden Lampen und stelle mir Zukunftsfragen. Obwohl ich Ideen dazu habe, was ich nach dem Wintersemester tun werde, fällt es mir schwer, meinen Alltag jenseits der rostroten Wände zu denken. Es fühlt sich wieder ein bisschen wie damals, kurz vor meinem Bachelorabschluss, an.
Damals saß ich am Tisch der Eltern meines Ex-Freundes und sah meine Ratlosigkeit in den randlosen Brillengläsern von Ulf widergespiegelt. Ulf hatte dreißig Jahre lang an einer juristischen Fakultät Computer-Einführungskurse gegeben und war gerade pensioniert worden. Seither lief er an sechs von sieben Tagen nur noch im Blaumann und mit dem Akkuschrauber in der Hand durchs Haus. Auf meine Frage, wie er mit der neuen Situation klarkomme, sagte er, er vermisse eigentlich nichts – außer der Mensa. Ich weiß noch, wie ungläubig ich war. Es überstieg meine Vorstellungskraft, dass sich irgendjemand gerne von den sich wöchentlich wiederholenden Gerichten ernährte, die der Fantasie und Kalkulation eines Cateringunternehmens entsprungen waren („Weizeneiweiß an Mangojus“) — erst recht ein festangestellter Dozent, der es sich leisten konnte, woanders zu essen, erst recht drei Jahrzehnte lang. (Tatsächlich habe ich in Leipzig, wo ich vorher studiert hatte, nie eine Lehrperson in der Mensa gesehen.) Aber Ulf traf der Verlust dieser Ernährungsweise und war erst getröstet, als mein Ex-Freund ihm einen Kochplan programmierte, der sich aus einer beschränkten Anzahl Gerichte wöchentlich neu zusammensetzen ließ.
Damals fand ich das absurd. Wenn ich heute daran denke, wie ich hier in der Vorlesungszeit durch die Gänge gehe, verstehe ich etwas daran. Ich bin seit drei Jahren ständig unterwegs — zu einer Arbeit, die noch geschrieben werden muss, einer Sprechstunde, die ich wahrnehmen will, einem anstehenden Vor- oder ausstehenden Antrag, bewege mich überhaupt in der Illusion eines permanenten Vorankommens. Dazwischen vermittelt mir die Mensa die nötige Beständigkeit — mittwochs Hackrolle, freitags Seelachs.
Danke an das Kulturwerk für den Ort.