23.06.2026
Mr. Dyke
Juni 2026
Ich treffe Mr. Dyke zuerst in Steglitz, die Jeans ist irgendwie alles gleichzeitig: moonwashed, skinny und auch baggy, aber vor allem tiefsitzend. Er trägt diese Unterhosen, die cooler aussehen, als sie sich anfühlen. Die, mit denen ich damals “Junge sein” gespielt habe. Die, die sich die Mädchen von ihren Boyfriends geklaut haben. Seine Haare sind vereint in einem gegelten Haufen, die Seiten frisch auf null. Die zugeknöpfte, rot-weiße Collegejacke erinnert mich an das Modell, das sich meine Freundin Aleks 2012 stolz im Forum Köpenick kurz vor dem dortigen Justin Bieber Konzert gekauft hat. Noch einige Jahre später schmückte das Plakat zwischen ausgetrunkenen Monsterdosen und unseren Window-Color-Initialien
ihr Zimmer, bis auch diese Erinnerungen neuen weichen mussten.
Mr. Dyke tigert durch den Laden, hängt hier was an, verschiebt da eine Vase, geht zurück zur Kasse. Einmal hängt er ein Kleid auf einen Bügel, es ist luftig und hat ein florales Muster, perfekt für den Sommer. Ich frage mich, was sein Typ ist, ob ihm das Kleid an einer Frau gefallen würde. Ob er es sich zurücklegen würde, um es selbst jemandem mitzubringen, ob er darauf wartet, dass es jemand kauft, an dem er es auch sehen will. Ich denke nach, wie oft ich schon den Femmes in meinem Leben Kleider und Röcke und jedweden Chichi für meinen eigenen Genuss gekauft habe, werde dabei angerempelt und weiß nicht so genau, wer von uns beiden „Schuld“ ist.
Mein Tag lebt von solchen Sichtungen, von der Magie der menschlichen Begegnung zwischen gleichgesinnten Freaks, von dicken, grauhaarigen Butches, von schmusenden trans* Teens, von der lesbischen Fahrradmutti, von aufgetakelten Tunten, von halbstarken Mackern der Sorte Selfmade, von Subkultur-Anhängern in ihren Vierzigern. All das auf offener Straße, in engen Aufzügen, in stillen Wartezimmern und dreckigen Hausfluren lässt mich grinsen, lässt mich wohlfühlen und lässt mich träumen, wie der Tag dieser Leute, meiner Leute, wohl weitergehen wird.
﹡
Ich sitze in der Ring, erreiche die Station mit dem Unterwassermotiv und schaue auf das Getümmel der Menschen. Schnell entdecke ich Mr. Dyke, ganz unerwartet, Kabelkopfhörer drin, aber nicht auf die Art, die jetzt wieder cool ist unter den analogen Mädchen einer digitalen Welt. Mr. Dyke kennt es nicht anders, obwohl solche roten Dr. Dre Beats-Kopfhörer farblich schon gut zu den Sneakern gepasst hätten. Er geht zum Ausgang Ebersstraße, wo ich einmal die Treppen an Kevin Kühnert vorbeigesprintet bin. Er geht zu seiner Frau, seiner Prinzessin, seiner liebevoll genannten Verrückten. Sie wird einen Namen mit dem schönen [dʒ]-Laut haben, wahrscheinlich Jenny. Sie wird eh erst später als er in der gemeinsamen Wohnung sein, ihr Schichtdienst macht ihr zu schaffen, die Pflege ist kein Zuckerschlecken, aber wenn sie nach Hause kommt, ist da ihre gemeinsame Oase: ein Betty Boop Plakat im schmalen Flur, ein weißes Ledersofa mit Kissen in der Form des Playboy-Hasen, der schon zwanzig Jahre zuvor ihr Teeniezimmer geschmückt hat und am Ende des Abends oft unbeachtet auf dem Teppich lag, wenn sie schnell Platz zum Liebe machen brauchten, eine Leopardenmusterdecke auf dem gemeinsamen Bett.
Mr. Dyke weiß, dass sie gerne Ordnung hat, auch wenn es ihm schwerfällt, das ist ja schon auf Arbeit seine Hauptaufgabe. Aber er macht es für sie. So wie er für sie den Stuhl hervor- und zurückschiebt, so wie er ihre Tasche trägt, wenn sie nicht mehr kann. Er versteht die Blicke
nicht: Sind die neidisch auf seine Perle? Er macht sich nichts daraus, dass er komisch aussieht mit der Tasche, denn sie würden ihn genauso blöd ohne die klimpernde Cavalli unterm Arm anschauen. Mr. Dyke war schließlich nicht immer Mr. Dyke, davor war er schon Teen Dyke und Boy Dyke und Inbetween Dyke, doch bis heute weiß er nicht, was Leute von ihm halten.
Auch wenn Mr. Dyke da in Schöneberg rumturnt, ist mir nicht ganz klar, wo ich ihn dort treffen würde. Meine Routen haben gewisse Knotenpunkte: der Pudelsalon, der “dunkel oder hell?” Simit für einen Euro um 5 Uhr morgens in der heißen Backstube, der nette Mitarbeiter in meiner literarischen Fundgrube. Stand Mr. Dyke auch schon mal glotzend, eigentlich fast schon heimlich erwägend vor dem Connection Pornokino und hat sich über den Schüler- und Studentenrabatt gewundert? Vermisst er den Matjes nach Hausfrauenart aus dem Café Bilderbuch? Ist er schon mal vor den Gedenktafeln für Hilde Radusch stehengeblieben und hat bei der Inschrift „Ich habe mich nie als Frau gefühlt ... aber frage mich nicht, als was sonst.” verstanden, dass er noch nie alleine damit war?
Bei dem Wetter würde er nicht mehr raus gehen, das ist klar. Die Schale mit den Brombeeren stand seit gestern auf dem Balkon, der in den ganzen fünf Jahren noch nie einen kompletten Frühjahrsputz erlebt hat. Die Beeren suppen und haben ihre Fülle verloren, glühen genauso rot wie das Feuerzeug auf dem Beistelltischchen. Mr. Dyke greift in die Schale, die Gedanken weit über das Balkongitter hinweg. Seine Fingerkuppen verfärben sich, das Fleisch der Beere gräbt sich in sein eigenes und bleibt unter seinen eh schon dreckigen Fingernägeln hängen.
﹡
Er war kein großes Naturkind. Er mochte das Rauschen, Hupen und Zischen der breiten Straßen. Die Sommer waren ihm lästig. Klebrig und nass dort, wo er es eh nicht gebrauchen konnte, und der „Urlaub“ bei den Großeltern raubte ihm seine Freunde, seine Jungs, bei denen er auch einer sein durfte. Auf dem Dorf war er nicht Boy Dyke, nicht mal eins von beidem. Er war, so wie alle anderen auch, ein Paar funktionierender Hände: in der Küche, im Garten und im Gebüsch.
Träge pflückte er die Birnen und Bohnen, sammelte lustlos die einzelnen Äpfel auf. Die Mittagssonne stand zu der Zeit schon tief, sein Bauch gefüllt mit Teig und Fleisch und Brühe, als er endlich die Aufgabe erledigen konnte, die ihm wirklich Spaß machte: das saftige Vergnügen der Beeren und Steinfrüchte. Vor allem in den letzten Wochen der Ferien verbrachte er besonders gern Zeit zwischen den Sträuchern. Viele Früchte waren schon überreif, es schwirrten die Bienen und Hummeln um seinen Körper, alle gemeinsam auf der Suche nach Nektar.
Die Himbeeren ließ er in seinen Fingerzwischenräumen zerquetschen, sammelte den Rest mehr schlecht als recht ein und wiederholte den Vorgang mit den Kirschen und den Brombeeren, immer weiter ins tiefste Purpur. An ihm war nichts mehr pur, alles klebt, färbt und tropft. Seiner Oma präsentierte er die Ernte, gehalten von seinen lilafarbenen Fingern. Sie nahm den Korb und streifte die Hände ihres Enkelkindes, hielt kurz inne und nickte dann zur Spüle, wo die Nagelbürste lag. Er schlüpfte aus ihrem Griff, küsste ihre Wange und verschwand ins Schlafzimmer, der einzige abgetrennte Bereich in dem Häuschen. Dort schaute er sich die Farben seiner Hände an. Sie waren bereits getrocknet, die Partikel der Frucht pellten sich ab, und er steckte sie sich in den Mund, schob sie in die feuchten Achselhöhlen und Kniekehlen. Er verlor sich im Schweiß, in klebrigen Grashalmen, in dem feinen Flaum auf seinem pubertierenden Körper.
Langsam umschloss seine Nase seine Finger, die Härchen kitzelten seine Hand, und die Hand kitzelte seine Nase. Er fühlte sich mutig, tastete sich vor, um noch mehr Flächen und Formen zu finden, die er nachziehen konnte. Seine Finger blieben rot-lila-blau, ohne dass diese Farben jemals aus ihm herauskamen. Seine Oma sagte ihm, dass man immer das haben will, was man nicht hat. Im Umkehrschluss will man nicht das, was man hat. Das stimmt, dachte er. Er wollte das nicht, auch wenn es auf ihn zukommen wird. Was er an sich nicht mochte, mochte er an anderen. Er mochte es zum Beispiel an Elona, die er nur in den Sommerferien im Dorf sah. Der rote Fleck auf ihrer Unterhose verdutzte und faszinierte ihn, der nur sichtbar wurde, als sie gemeinsam den Hügel runter rollten und sich der Stoff ihres dreckigen Überrocks hochschob.
﹡
Mr. Dyke schiebt ihr den Rock selbst hoch. Geübt, gewissermaßen einstudiert, effektiv und doch immer wieder aufs Neue überraschend gut. Rüschen, Bleistift, Mini, Stretch, Denim, schwarz, geblümt, mit Hahnentritt; Jennys Sammlung kann sich sehen lassen. Und genau das tat sie so gerne: sich sehen, sich begutachten lassen. Mr. Dyke hat kein Abitur gemacht, aber er liebt es, seine Frau zu studieren. Sich ihre Reaktionen zu merken, sich die effektivste Reihenfolge einzuprägen, sich noch auf Arbeit auszumalen, womit er sie nach Feierabend beglücken würde. Zwischen ihren Beinen kniend blickt er Jenny von unten herab an, ganz wie es ihr gefällt. Der Rock bedeckt seinen Kopf, also wickelt sie den überschüssigen Stoff einmal um den Gummibund. Sie weiß, dass auch bald ihr Schlüpfer folgen würde, es gibt keinen Grund, ihn noch lange anzubehalten. Denn Mr. Dyke hat Großes mit ihr vor.
Doch gerade hockt er auf dem leicht fleckigen Küchenboden, spürt die Toastkrümel und ungekochte Spaghettistücke unter seinen Knien. Mit all den Überstunden und der Sorge vor der großen Unterficktheit bleibt wenig Zeit für den Haushalt. Doch das ist es den beiden wert und vor allem Mr. Dyke hat absolut kein Problem damit, sich die Finger für seine Frau schmutzig zu machen. Viel lieber so, als im Laden oder Garten, obwohl er auch dort schon mit Jenny Arbeit und Vergnügen vereinen konnte.
Jennys klebrige Wärme strömt ihm bereits entgegen, als er ihren pinken Slip zur Seite schiebt und er sich ihrer Möse hingibt, die wohl nur auf ihn gewartet hat. Eine angemessene Zeit später sitzen beide beseelt und besudelt füßelnd am Klapptisch der kleinen Küche, bis die Nudeln endlich weich genug für Mr. Dykes Geschmack gekocht sind und erzählen sich gegenseitig die Tagesgeschehnisse, die erst das Liebesspiel abwarten mussten. Die Schüsseln landen zwar noch auf dem Couchtisch, doch bis sie zum Essen kommen, sind die Nudeln längst wieder kalt.