16.09.2025

Menschen am Mehringdamm

September 2025

Bei einer Rhabarberschorle in der Espresso Lounge habe ich an einem Sonntagvormittag Leute beobachtet, bis meine Arme die Farbe der Schorle hatten.

 

 

Der Nachbar

Wahrscheinlich wohnt er hier in der Nähe und ist in seinen Adiletten nur hundert Meter geschlurft. Er hat einen leichten Kater und seine Brille zuhause vergessen, deshalb kneift er die Augen zusammen, wenn er auf sein Handy schaut. Milch hat er gestern auch vergessen, einzukaufen. Deshalb ist er hier.

 

Die Verwandelte

„Wenn eine zehn Jahre lang…“, sagt sie, und: „Ich war ganz verspannt.“ Sie fährt mit den Fingerspitzen von den Ohren bis zu den Schultern, fällt kurz ins Flüstern, dann sagt sie: „Ihr seid die ersten, die davon erfahren.“ Ihr gegenüber sitzen zwei Frauen, die aussehen, als würden sie regelmäßig ins Solarium gehen. Ihre Handys liegen mit dem Display nach unten auf dem Tisch. Sie muss in der vergangenen Woche eine große Entscheidung getroffen haben, einen Job gekündigt oder eine Beziehung beendet, und nun sucht sie bei ihren Freundinnen nach der Bestätigung, dass es die richtige war. Dem scheint so zu sein, denn die Freundinnen nicken immer wieder und als die eine geht, umarmt sie sie, fest und mit geschlossenen Augen.

 

Der Pfau

Sein Pferdeschwanz glänzt im Sonnenlicht, sein Tanktop spannt an dem muskulösen Rücken. Aufrecht wie ein Laternenpfahl sitzt er da und trinkt schluckweise von einer Espressotasse, die ihn noch größer wirken lässt. Bevor er geht, gibt er dem Mann mit der Halbglatze und den zwei Frauen am Tisch nebenan die Hand. Im Weggehen schaut er noch einmal zurück: Sieht ihm jemand nach?

 

Die Symmetrischen

Hin und wieder rücken sie ihre Laptops zurecht, achten darauf, dass ihre Bildschirme nicht zusammenstoßen oder in der Sonne sind. Die eine telefoniert mit ihren Verwandten in Atlanta, die andere schaut sich mit gerunzelter Stirn Anmerkungen in ihrem Word-Dokument an. Beide versuchen auf ihre Weise, Zeit aufzuholen. Ich höre Tippgeräusche und die wiederholte Versicherung: „That‘s great.“

 

Das Original

Köpfe drehen sich nach ihm um, als er winkend durch die Stuhlreihen schreitet, eine großformatige Zeitung unterm Arm und viel zu warm angezogen. Die Lesebrille trägt er auf dem schütteren Haaransatz. Etwas sagt mir, dass er an diesem Morgen keinen einzigen Artikel zu Ende lesen wird. Stattdessen wird er mit den zwei Älteren, die ihrerseits ihre Zeitungen niederlegen, als er zu ihnen stößt, über das Versagen der Ampel-Regierung und die Inflation reden. Die Kellnerin mustert ihn, als sie die leeren Flaschen und Gläser vom Nachbartisch abräumt.

 

Die Neuen

Ihre Füße liegen auf einem freien Stuhl, ihre Gesichter sind der Sonne zugewandt. Durch ihre Sonnenbrillen beobachten sie verstohlen, wer und was an ihnen vorübergeht. Mit einem Ellbogenhieb macht er sie auf die Schlange aufmerksam, die sich vor Mustafas Gemüsedöner gebildet hat. Sie schüttelt darüber verständnislos den Kopf.

 

Der Wartende

Er starrt vor sich hin, Kopfhörer in den Ohren, ein aufgeschlagenes Notizbuch auf dem Tisch. Mir fallen die Magritte-Pfeifen auf seinen Socken auf, Ceci n’est pas une pipe. Zwei Seiten hat er in der letzten Stunde vollgeschrieben. Bald wird er aufstehen, sein Notizbuch packen und das Café in Richtung U-Bahn verlassen. Was ihn noch zurückhält, ist der Gedanke, dass jeden Moment die Person vorbeilaufen könnte, von der er sich wünscht, gesehen zu werden.

 

Die Stammgästin

Sie verschüttet etwas Kaffee, als sie den Stuhl zurechtrückt, setzt sich aber, als wäre nichts geschehen. Ihre Haare sind schwarzgefärbt, oben schimmert der Scheitel silbern. Mit einem Nicken grüßt sie den Mann mit Rollator, der weiter vorne sein Kreuzworträtsel löst. Dann holt sie einen E-Reader aus der Tasche, die sie vor vielen Jahren im Urlaub gekauft hat. Das Palmenmotiv ist verwaschen und bleich.

 

Das Baby

Es ist seit etwa sechs Monaten auf der Welt und seit etwa dreißig Minuten auf dem Rücken in seinem Babywagen. Mittlerweile kennt es das Blau des Himmels sehr gut, in das sich ab und zu Wolken und Äste mischen. Dieses Blau bedeutet Kälte. Die riesigen Gesichter seiner Eltern bedeuten Wärme, genau wie die Brust, die sich unter dem lila Baumwollstoff versteckt. Es greift in die Luft, wenn es daran denkt. Dann ist die Wärme plötzlich in seiner Windel. Es weint und wird hochgehoben.

 

Der Mops

Er ist durch seine Leine mit dem Tischbein verbunden. Daran wird er erinnert, wann immer ein Fahrrad vorbeifährt. Er mag offensichtlich keine Fahrräder, findet sie bedrohlich. Man hat ihm eine silberne Schale mit Wasser hingestellt, um ihn abzulenken. Aber wenn ein Fahrrad vorbeifährt, sieht er nur noch die drehenden Speichen und stolpert mit den Hinterbeinen. Vom Scheppern erschrocken dreht er sich um, bellt in die Luft.

 

Danke an Faten für den Ort.

Eine Zeichnung eines Stuhls mit Tasche und Vögeln.
(c) Alexandra Zysset