02.06.2026

lesbenphantasien oder i <3 bush (not the president)

Juni 2026


i.
wir gehen gemeinsam aufs winzige gästeklo, um unser gespräch nicht beenden zu müssen. sie ist meine beste freundin, aber hat selbst noch eine beste freundin, die mich nicht so mag. sie hat keine angst, jemandem die meinung zu geigen. ihre tiefe stimme und ihr breites kreuz machen sie in meinen augen dabei sogar noch selbstbewusster anstatt zu einem mannsweib.
im kleinen gekachelten viereck erzählt sie weiter vom fussballtraining und zieht ihre hose runter. ich bin fasziniert von ihren dunklen haaren, ganz angetan davon, dass das irgendwann auch bei mir passieren würde. etwas, das verdeckt, was darunterliegt.


ii.
ich spiele in der badewanne mit meinen fingern am gelkissen des venus rasierers meiner mutter. man kann sich ja gar nicht damit schneiden. meine mutter sieht nicht aus wie die frauen aus der werbung, dann braucht sie den doch gar nicht. ein paar jahre später kann ich in sekundenschnelle einen anspitzer auseinanderbauen und verstehe endlich, wie man klingen benutzt.


iii.
als ich mit 12 im schlafzimmer meiner mutter feuchtgebiete liegen sehe, warte ich einige wochen ab, bis es immer noch unberührt da liegt und ich es endlich mit in mein zimmer entführe. es wurde ihr von einer freundin ausgeliehen, die ich hauptsächlich unter ihrem jappy usernamen kannte. der letzte große deutsche literaturskandal. später meinte ich immer, dass ich am buch die abgefuckte beziehung zwischen der protagonistin und ihrer mutter so faszinierend fand oder wenn es für das gespräch angemessen war, erwähne ich auch die szene mit den tampons. das körpergefühl beim lesen der szene, in der die protagonistin zu einem mann nach hause ging und sich dort rasieren und danach mit diesem rasierer von ihm ficken ließ, behielt ich für mich.


iiii.
ich bin 13, platonisch verknallt in meinen geschichtslehrer und verfalle in panik, als ich erfahre, dass er meine klasse ins tropical islands begleitet. als sich meine eltern noch verstanden haben, sind wir immer zum novembergeburtstag meines vaters gemeinsam runtergefahren. da war ich noch zu jung, um jemandem gefallen zu wollen, aber auf einmal war mir das unheimlich wichtig. mein plan für den nachmittag: trockenrasur mit einem pinken einwegrasierer von der nettokasse. die hautschuppen fliegen bei jedem zug von meinen beinen, aber schneiden tu ich mich nicht. nicht mal an den knöcheln. andere mädchen erzählen immer, dass das eine besonders schwierige stelle sei.

v.
dieser cis hetero mann aus hildesheim rasiert mir in einer fremden wohnung die oberschenkel, um mich zu tätowieren. es ist bis dato der heißeste tag des jahres, ich habe osterferien und blicke gerade aus dem fenster heraus aufs ostkreuz. meine freundin beäugt verkrampft aus ihrem blickwinkel das verschwinden meiner beinhaare, was auch die darunterliegenden narben erscheinen lässt.
vi.
paul preciado rasiert sich den kopf und intimbereich, bevor er seine erste dosis testosteron zu sich nimmt. ich habe mich weder davor noch danach rasiert, mit einer ausnahme. ich rasiere mein gesicht, wenn ich meinen vater sehe. ich schaue meinem vater nicht gerne zu lang ins gesicht, aber erkenne sein altern an den weißen stoppeln in seinem dreitagebart. er weiß gar nicht, wie gerne meine lover meinen bart kraulen, wie nackt ich mich ohne diesen haare fühle. wie bringe ich meinem vater trans joy bei, wenn ich ihn gar nicht an diesen momenten teilhaben lasse? würde er mich lieber rasiert sehen anstatt mich so zu akzeptieren so wie ich ihn früher lieber rasiert sehen wollte, als er zu elternabenden in seinen dreckigen arbeitsklamotten auftauchte?


vii.
ich trockne mich ab, sie steht schon längst vorm waschbecken. ihre bewegungen sind einstudiert. "kennst du das, wenn man jemanden etwas machen sieht und sich denkt: ich könnte das viel besser oder wenigstens genauso gut?" ich pausiere. "obwohl, das hast du ja eh ständig. naja, das habe ich manchmal, wenn ich dir beim rasieren zuschaue und du dich jedes mal schneidest..." ich nutze die chance und plädiere auf unsere gute beziehung, dass ich das aussprechen darf. "willst du?" oh gott. wow. sie hat keine angst vor der klinge in meiner hand in ihrem gesicht. wir haben schon mehrmals drüber fantasiert, wie ich ihr einen duschhocker besorge, sie in die ebenerdige dusche platz nehmen lasse und ich ihr die beine rasiere. ich würde mich für sie belesen, mir die besten tipps merken, die teuersten produkte kaufen. ich würde vor ihr sitzen (vielleicht auf einem sogar noch kleineren hocker) und in bahnen ihre haut mit dem rasierer entlangfahren. dann würde sie auf mich herunterschauen, mir die schultern streicheln. vielleicht läuft dabei das radio - metropol fm oder 80s80s - und wir würden beide währenddessen so viel süßholz raspeln, bis ihre beine wieder komplett damit bedeckt wären. bevor mein körper verkrampft, würde ich sie noch eincremen.


viii.
ein paar wochen danach rasiere ich ihr wirklich die beine auf einem kleinen hocker von woolworth auf der wilmersdorfer. es ist haut- und nervenaufreibend, überall schaum und haare und etwas blut fließt auch auf mich herab, dort auf den gefliesten boden. ich entschuldige mich, sobald eine weitere hautpore rot aufplatzt. ihr scheint das egal zu sein. so wie ihr vieles egal zu sein scheint, aber das merke ich erst monate später, alleingelassen mit meinem körper.

ix.
das sofa ist rot, unsere sitzplätze sind bereits im regelwerk niedergeschrieben. früher saß ich mehr auf dem gepolsterten stuhl, aber seitdem hat sich auch viel getan. sie ist das besonderste überbleibsel meiner obsession mit der frau, die alles von mir wollte, außer das beste für mich. wir beugen uns gemeinsam über einen bildschirm, als sie fragt: "benutzt du einen neuen duft, after shave oder so?" ich verneine, aber die idee schmeichelt mir. etwas zur pflege nach der rasur ohne rasur zu nutzen, galt das schon als subversiv oder einfach nur pubertär? sie nennt mir ihren lieblingsduft und am nächsten tag hocke ich vor dem männerpflege-regal der drogerie.

x.
ich sitze im zweisitzer meines vaters und denke an all die verschiedenen autos meiner eltern, von welchen ich mich früher hab abholen lassen und von welchen lieber nicht. ich erkläre ihm theweleits männerphantasien und er mir die bedeutsamkeit des letzten union spiels. heute habe ich mich nicht nur für papa rasiert, sondern auch für sie. wir fahren auf der b1 an den gärten der welt vorbei, wo der protagonist aus leif randts neuestem buch in die büsche gewichst hat. in meiner tasche wartet das milchige after shave auf seinen einsatz; abgefüllt in ein kleines döschen, umschlossen von einem ziploc bag, bereit für einen spontaneinsatz. ich denke an die bechermethode und stelle mir vor, wie ich mit meinem flüssigen schatz einen leeren unterleib beglücke. mein vater lässt mich in einer seitenstraße raus, so wie damals, nur heute war es zufall. die schlange ist lang, wird ihrem namen gerecht, windet sich um das kino und ich schmiere mir den balsam auf den hals. als sie ankommt, scheint sie mein commitment nicht zu bemerken, doch ich verzeihe ihr, meine rolle ist nämlich noch nicht ausgereizt. die nadel des retro ansteckers vom friedrichshagener flohmarkt piekst mich in die hand, als ich sie bitte, die augen zu schließen. die haptik des wackelbilds fühlt sich gut unter meinen fingernägeln an. der pin wechselt seinen besitzer und ein kleines sowjetisches bärchen schaut sie an. wir haben schon einige mal über tscheburaschka geredet, über die gemeinsamkeiten der kinderserien in post-ddr und post-ost haushalten. ich denke an meine sichtung im schaufenster eines spandauer sozialladens, doch 20 euro für ein abgewetztes kuscheltier war selbst mir zu viel. wir schauen beide grinsend auf das braune wesen mit den großen augen und ohren. fuzzy, süß und unrasiert. 

Ein Nachttisch mit verschiedenen Objekten
(c) Lex Bernsdorf