11.11.2025

Krallen

Oktober 2025

Ich hatte noch nie ein Pfötchen verloren.

Ich weiss nicht, wie meine Lehrerin auf dieses verrückte Belohnungssystem gekommen war, aber ich sprang voll darauf an. Im hinteren Teil unseres Klassenzimmers stand ein weißer Schrank, an dem mit doppelseitigem Klebeband dreiundzwanzig Katzenpfotenabdrücke aus buntem laminiertem Papier befestigt waren. Jedes Kind hatte eine Pfote, und jede Pfote hatte vier Krallen, die von der mittleren Fläche – dem Pfotenballen – abgetrennt waren. Für schlechtes Verhalten wurde uns „ein Pfötchen weggenommen” (eigentlich war es eine Zehe). Wenn wir im Lauf der Woche alle vier Zehen verloren hatten, mussten wir am Freitag eine Stunde nachsitzen. Aber wenn wir es schafften, die Pfote intakt zu halten, setzte die Lehrerin in ihrem schweren Buch einen Stempel neben unseren Namen. Vier Stempel in Folge bedeuteten, dass wir uns etwas aus der Holzkiste im weissen Schrank aussuchen durften. Darin befanden sich Schlüsselanhänger, Kaleidoskope, in der Nacht leuchtende Plastiksterne und andere faszinierende Dinge. Wahrscheinlich habe ich dort, in meinem ersten Klassenzimmer, eine lebenslange Leidenschaft für leistungsbezogene Belohnungen entwickelt – gute Noten, Supermarktcoupons, Stipendien, Treuestempel von Cafés.

Ich hatte bereits eine wunderschöne Brosche aus der Kiste. Sie war golden und in der Mitte war ein Zauberer, den man nur sehen konnte, wenn man die Brosche in der Hand hin und her bewegte. Mein nächstes Ziel war es, den mit Sand gefüllten Frosch mit der glänzenden roten Stoffhaut zu bekommen. Ich hatte bereits drei aufeinanderfolgende Stempel neben meinem Namen, und als die Lehrerin in der Turnhalle pfiff und mich an den Rand rief, wusste ich sofort, dass mich das einen Monat zurückwerfen würde – und dass sich am Freitag ein anderes Kind den Frosch schnappen konnte. Das war ein Grund, warum ich anfing zu weinen. Der andere war pure Überraschung.

Ich hatte Adriana „dumm“ genannt. Klar, es war nicht nett gewesen, aber in unserer Klasse wurde ständig irgendwer als “dumm” bezeichnet – ich eingeschlossen. Wir waren erst sechs oder sieben Jahre alt, hatten aber bereits ein Schimpfwortregister, das von Arschloch bis Wichser reichte. Alles, was es brauchte, waren ältere Geschwister, unvorsichtige Eltern oder ein Platz auf dem Hof, wenn die Viertklässler in der großen Pause Fußball spielten und schon verbreitete sich der Ausdruck. Es war lächerlich, jemanden für „dumm“ zu bestrafen.

Aber die Lehrerin bestand darauf. Sobald wir zurück im Klassenzimmer wären, würde sie mir ein Pfötchen wegnehmen und ich müsse Adriana die Hand geben und mich entschuldigen. Adriana nahm ausdruckslos meine kalte, verschwitzte Hand und akzeptierte die Entschuldigung mit ihrer leisen, fast unhörbaren Stimme. Was geschehen war, schien sie weniger zu berühren als mich. Vielleicht war sie auch überrascht, dass ich für etwas bestraft worden war, das anderen normalerweise nur eine Verwarnung einbrachte.

Später verstand ich, dass die Lehrerin mich bestraft hatte, weil ich Adriana als dumm bezeichnet hatte. Ich hatte gute Noten und meine Mutter kam lächelnd vom Elternabend zurück, während Adriana ihre Tests immer schnell in ihren Rucksack steckte, sie niemandem zeigte und zweimal pro Woche zu einer Logopädin musste. Die Lehrerin wollte klarstellen, dass der Unterschied in unseren schulischen Leistungen nichts mit Intelligenz zu tun hatte, und dass das, was ich während eines Ballspiels gesagt hatte, eine inakzeptable Beleidigung gewesen war. Ob es die gewünschte Wirkung auf Adriana hatte, weiss ich nicht. Ich für meinen Teil lernte daraus, dass ich ein Gespür für die Schwachstellen anderer Menschen hatte.

Diese Fähigkeit kam mir gelegen, als ich merkte, dass ich selbst Schwäche ausdünstete. Dieselbe Lehrerin, die mir ein Pfötchen weggenommen hatte, weil ich jemanden als „dumm“ bezeichnet hatte, schrieb in mein Zeugnis, dass meine Bewegungen im Sportunterricht „unkoordiniert“ und „seltsam eckig“ aussähen. Ich wusste schon früh, dass ich in der Rangordnung der Klasse weit unten war und jeden Moment zum Opfer werden konnte, also lernte ich, mich mit Worten über Wasser zu halten.

In der vierten Klasse, als zwei Jungen das Gerücht verbreiteten, meine Freundin Lisa und ich seien lesbisch, wandte ich mich von ihr ab und erzählte allen, dass sie im Garten ihrer Eltern Hexenrituale durchführte. (Ich verschwieg natürlich, dass ich diejenige war, die diese Rituale angeleitet und mit jodiertem Salz Kreise auf den ordentlich gemähten Rasen gezeichnet hatte, inspiriert von einem esoterischen Selbsthilfebuch aus der Gemeindebibliothek.)

In der sechsten Klasse, als ich in meinen Pultnachbarn verliebt war, Pickel bekam und wegen meiner Zahnspange Schwierigkeiten hatte, das „s“ richtig auszusprechen, rief ich: „Alsss ob er dasss nötig hätte“, als ein etwas pummeliger Junge – meine Sandkastenliebe – für den Gewinn eines Quiz eine Tüte Weihnachtsplätzchen bekam. (Die Klasse lachte.)

In der siebten Klasse legten meine beste Freundin und ich ein Geschenkpaket mit Seife, Shampoo und Deodorant in das Pult einer Klassenkameradin, zusammen mit einem kurzen Brief, in dem wir ihr diese Produkte als „neue Freunde“ vorstellten. (Etwa zur gleichen Zeit entdeckten einige Mitschüler, dass der bucklige Mann, den sie im örtlichen Supermarkt beim Kauf eines Sixpacks des billigsten Bieres und einer XXL-Dose Tabak gesehen hatten, mein Vater war.)

Es ist nicht die Erinnerung an erlittene Verletzungen, die das Gefühl, ein Schulkind zu sein, am lebhaftesten zurückbringt, sondern die Erinnerung daran, anderen absichtlich wehgetan zu haben. Jetzt sind die Krallen geschnitten. Manchmal stehe ich im Gang eines Supermarkts oder beobachte eine Schulklasse am Heidelberger Platz, und diese Erinnerungen kommen mir zufällig in den Sinn, begleitet von einem plötzlichen Anflug von Scham. Ich hoffe, es geht den Gezeichneten gut.

Ein verschwommenes Tier mit Rüssel läuft in einem dunklen Zoogehege über den Sandboden.
(c) Alexandra Zysset