29.01.2026

kottikindermärchen

Februar 2026

es schauen drei paar augen auf die adalbertstraße,

ausnahmslos an jedem dienstagabend saßen wir auf dieser fensterbank

im ersten stockwerk der stadtbibliothek,

im winter hauchten wir gegen die scheibe und zeichneten unsere namen,

in die neonschilder und straßenlichter,

wie sie glitzern und tanzen würden,

ab siebzehn uhr waren wir hier,

unsere mütter würden uns hastig nach der schule an den kleinen händen nehmen,

ein kuss, ein benimm dich,

sie würden gegenüber einen tee trinken,

in der zwischenzeit saßen wir mit älteren damen,

an kleinen tischen und würden zusammen

aus illustrierten märchen lesen,

jedes zweite, dritte oder vierte wort raten

und lachen wenn erbse erbse hieß,

in einem verschlossenen schrank stand eine holzkiste mit kärtchen,

jeder dienstag ein stempel,

der zehnte, dann würde sie uns ein buch schenken,

dein eigenes war es dann,

ausnahmslos an jedem dienstagabend saßen wir auf dieser fensterbank,

und beobachteten die u-drei wie sie in den bahnhof einfahren würde,

die menschen aus den läden und cafés stolpernd,

ihre jackenkragen hochziehen würden,

wie sie im regenschutz der bushaltestelle lagen,

zentrum kreuzberg, über dem zebrastreifen,

wie ein filmtitel ausnahmslos an jedem dienstag,

unter diesen menschen würden wir unsere mütter suchen,

deine würde immer mit mir auf meine warten,

sie würden uns süßes gebäck bringen, in ihren händen einen einkauf tragen,

wir kottikinder immer lesende dieser stadt gewesen,

große augen würden ihnen von unseren märchen und erbsen erzählen.

Foto einer spiegelnden Fensterfassade.
(c) Ayşe Kara