01.10.2026

I) und warmes Wasser für undankbare Schwimmer

Oktober 2026

I)

und warmes Wasser für undankbare Schwimmer [1]

Es ist heiß. Anfang September und die Landschaft ist rau. Nachts schlafe ich tief und träume viel. Scheinbar Belangloses, Alltagssituationen. Gespräche in schlauchförmigen Berliner Küchen mit Freund:innen, die ständig wechseln. Oft geht es dabei um verlorene Gegenstände: einzelne Schuhe, das Plastikteil, mit dem man Waschmittel dosiert, Milchzähne.

Morgens erwache ich, wenn die Sonne längst aufgegangen ist. Ich koche Espresso, schneide Tomaten in Scheiben, lege sie auf helles Brot, dazu Salz und Olivenöl. Ich trinke den Kaffee und schaue aufs Meer. Das Meer, das Meer.

Mit hungrigen Blicken jage ich dem Licht hinterher. Wie es durch die Gardinen fällt. Die Gardinen sind gelb, wie in der Zeit stehen geblieben, der Liegestuhl marineblau. Die Sonne hinterlässt ein Muster auf dem terracottafarbenen Steinboden. Fenster spiegeln sich in Fenstern, als läge dahinter eine verborgene Welt. Fotografieren ist wie Malen mit Licht [2].

Ich sehe zu, wie das Licht von den Fliesen, zum Holzboden zu den Stufen wandert. Ich jage dem Licht nach und erschaffe Fiktionen. Nur schreiben tue ich nicht.

 

*

Ich nenne sie die Drachen.

Langsam schieben sie sich durch die Mittagshitze. Als hätten sie Rollen unter den Füßen, versteckt unter den weiten Hosen. Im Wind flattern ihre Leinenblusen und Schultertücher. Sie gleiten durch die Bar, füllen Lottoscheine aus, SuperEnalotto, Gratta e Vinci, und kippen Espresso.

Bice ist die Stillere von beiden, aber wenn sie lacht, blitzt das Kind auf, das sie einmal gewesen sein muss. Beide strahlen sie die Autorität von Löwinnen aus. Sie sind die Letzten beim Frühstück und die Letzten, die abends gehen. Sie trinken am meisten Wein und haben am meisten Ahnung. Immer sind sie zu zweit. She is the driver, sagt Donatella einmal. I tried twice to get the license (hebt zwei Finger in die Luft) but they said no (Schulterzucken). Allora. I always thought when I become rich, I’m gonna have a driver. I don’t become rich. I have Bice.

Donatellas Haare stehen ihr wie ein Schleier im Nacken. Jeden Tag stehen sie perfekt, wie ein Bilderrahmen um ihr Gesicht. Ich will Haare haben, wie die von Donatella, nicht wie zu weich gekochte Spaghetti. Und erst als sich der graue Ansatz durch das helle Braun ihrer Haare schiebt, komme ich hinter Donatellas Geheimnis.

Donatellas Gesicht ist eine Landschaft. Unter den Augen hat sie tiefe Tränensäcke, wie seichte Hügel. Dafür hat sie kaum Augenlider und oft stelle ich mir vor, ihre Augen wären eigentlich andersherum, jemand habe sie nur falsch eingesetzt. Vielleicht sind die Augen stehen geblieben, als sich Baby-Donatella im Bauch gewendet hat, denke ich einmal. Aber dass Donatella einmal ein Baby gewesen ist, kann ich mir kaum vorstellen.

Immerzu trägt Donatella Rot. Rote Hose, rote Bluse, rotes Tuch über den Schultern, rote, schwere Ohrringe, die ihre Ohrläppchen wie die von Labradoren hinunterhängen lassen.

Ich finde sie wunderschön.

Donatella strahlt eine Strenge aus, dass man ihr gefallen möchte. Der Strenge wegen denke ich, ich kann ihr nicht gefallen, und gebe es bald auf.

 

*

 

È strano, sagt Donatella und meint damit das Leben.

Mathematik hat sie nie interessiert (wischt in der Luft einen unsichtbaren Gegenstand beiseite), and my son became an Ingenieur. Can you imagine (lacht). I’m from the South. The father of my son is Egyptian, and my son lives in Copenhagen. Al Nord. He says it's too hot here. Donatella schaut in die Ferne.

He is like this, sagt sie und formt mit ihren Händen einen rechteckigen Tunnel vor ihrem Gesicht.

È strano sagt Donatella und meint den Nachttisch, einen Crumble aus Honigmelone, Pfirsich und Haferflocken, den die Anna-Maria gemacht hat.

Fantastique, sagt sie und schüttelt dazu den Kopf, wenn ihr etwas gefällt: alternative Wohnkonzepte, Lemontarte, Fritto Misto mit den Fingern essen, Bollywood-Filme, mein Interesse an Pasolini, dass ich in Berlin überall mit dem Fahrrad hinfahre. Dann schaut sie einen aus den umgedrehten Augen an und schüttelt den Kopf fantastique.

Ich glaube, Donatella mag mich.

Nach Dolci gibt es Digestivo. Tee für die Verdauung, aus wildem Fenchel und mit Honig. Dazu Mirto, ein Schnaps, der beim Einschlafen helfen soll, ein Glas Wein und Wasser. Donatella wechselt gekonnt zwischen den Gläsern hin und her und ich bewundere ihre schlanken Finger. Da sei etwas in Enzos Wein, sagt Donatella, das sie schlafen lasse, wie einen Stein und die verrücktesten Dinge träumen lasse. Letzte Nacht, sagt sie, habe sie von einem Unfall geträumt. Und einer Katze. È strano, sagt sie und lacht.

 

Literaturhinweise:

[1] aus: Elizabeth Hardwick „Schlaflose Nächte“

[2]Petra Collins im Interview mit dem ZEITmagazin

 

 

 

Ein Foto, davor ein Vorhang, der von der Sonne orange durchstrahlt wird.
(c) Ella Hauska