24.09.2026
Hunger
September 2026
Du wusstest nicht, dass dieser Ausflug dein Leben verändern würde.
Der Sommer ist vorbei und keiner will es so wirklich wahrhaben, weswegen all deine Freunde immer noch unterwegs sind und du dich anderweitig beschäftigen musst. Du klickst dich durch dein Handy und öffnest Apps, die längst in den Ruhezustand versetzt wurden.
catsitter gesucht
katze will kein schmusi oder spielspaß, einfach essen und wasser.
kannst in der wohnung bleiben, oder woanders, mir egal.
Auf nebenan.de hast du noch nicht die Nachbarschaft gewechselt, obwohl du schon lange nicht mehr da wohnst, aber im Norden gibt es statt Drama und Verwirrung nur Aufrufe für Kinderfeste und verlorene Kuscheltiere. Du antwortest auf die Anzeige und schließt die App.
Am nächsten Tag nimmst du den Weg durch den Friedhof mit den blinkenden Grabdekorationen und den gierigen Eichhörnchen, denn du bist zu früh und die Katzenbesitzerin scheint dir von der sehr kurzangebundenen Kommunikation nicht unbedingt ein Mensch zu sein, der Pünktlichkeit schätzt. Du magst Friedhöfe, vielleicht nicht so sehr wie Mary Shelley, und zum Glück musstest du sie bisher selten aus einer Verpflichtung heraus besuchen.
Es gibt Friedhöfe, auf denen du die abgepackten Pfannkuchen aus dem Kühlregal gegessen hast, auf denen du 45-minütige Sprachnachrichten neben Ulrike Meinhofs Grab aufgenommen hast, auf denen du Herzkarabiner an Lesbengräbern niedergelegt hast, auf denen du rumgemacht hast, während nebenan das Fußballderby tobte, auf denen du dir eine unglaublich süße, saftige Zwetschge von einem Strauch geteilt hast, auf denen du performativ Depeche Mode und Type O Negative gehört hast. Auf dem Friedhof, auf dem du dich gerade befindest, hast du letztes Jahr bitterlich geweint, in deiner Handygalerie befinden sich Grabinschriften von diesem Ort, die dich bedrückten (Nun bin ich ohne sie, nun bin ich ohne dich) und belustigten (Hier schläft mein heissgeliebtes Weib).
Heute geht es dir gut, vielleicht eher durchschnittlich normal, etwas müde, etwas verschwitzt, weil du eine Lage zu viel trägst. Du ziehst deine Jacke aus und bist froh, dass das schon reicht. Du denkst an deinen ersten Winter auf Testo und wie du mit deinen Schweißperlen den Schnee zum schmelzen brachtest. Der Ausgang schmeißt dich auf der Hermannstraße raus, die deine Tränen und Freunde und Einkäufe und Telefonate kennt, doch das soll kein typischer Text über Neukölln als Oase werden. Dass es trotzdem eine Oase für dich werden sollte, wusstest du da noch nicht.
Ihr seid beim Eingang der Jonasstraße verabredet, der Nachrichtenaustausch zwischen euch war spärlich.
hermann ecke jonas 15 uhr, bin noch irgendwo was essen, aber werden uns schon finden
Wenigstens hält sie, was sie schreibt, und tunkt ihr Köfte-Sandwich in die dampfende Linsensuppe unter einer Markise, die mit dem Schriftzug Baquette versehen ist. Mit ihrer freien Hand greift sie zum Turşu neben der Suppe, vor allem den Weißkohl liebt sie, und lässt den säuerlichen Sud ihre Finger runtertropfen. Sie hat Appetit, denkst du dir, oder Hunger, als sie noch einen Bissen nimmt. Ihre braunen Haare fliegen ihr strähnig ins Gesicht und verdecken die Augenpartie, also starrst du weiter auf ihren Mund. Sie macht ihn auf und zu, mahlt das Brot und Gemüse und Fleisch, bis sie schluckt. Du siehst den Klumpen ihren Rachen runterwandern, ihren selbstgemachten Adamsapfel. Ihr Outfit besteht nur aus dunklen Farben, die ineinander übergehen, nur das Rot, Grün und Orange auf ihrem Teller verleihen ihr Leben.
Obwohl sie komplett in ihrem Essen vertieft zu sein scheint, zappeln unter dem klebrigen Imbisstisch ihre Beine. Schließlich wartet sie ja auf jemanden, sie wartet auf dich.
Deine Beine zappeln nicht, sie wackeln eher, als sie sich auf die Katzenbesitzerin zubewegen. Du bleibst unsicher vor ihr stehen, überlegst dir, was du sagen sollst.
Ihre Augen blinzeln sich nun durch den Haarvorhang, sie richtet ihren Oberkörper auf und legt den klitzekleinen Rest Baguette auf dem Tisch ab, um sich kurz danach wieder umzuentscheiden und lässt den Klops in ihrem Mund verschwinden.
Kauend versucht sie ein charmantes Lächeln zu produzieren, unwissend, dass du schon längst verzaubert bist. „Ich wusste, dass du mich finden würdest, auch ohne Erkennungsquatsch. Bist also wirklich der Richtige für den Job.“ Sie schluckt und zeigt mit der Hand einladend auf dem ihr gegenüberliegenden Stuhl. Du machst einen weiteren Schritt aufs Geschehen zu, da steht sie abrupt auf, wischt sich die Hände an der braunen Hose ab und zaubert aus einer jener Taschen einen 10 Euro Schein, den sie gegen die letzte Essiggurke eintauscht.
„Ach, das wär jetzt auch sinnlos. Du willst doch die Katze sehen, oder?“
Sie winkt dich in die Straße rein und du merkst sofort, dass der Lärm um euch abklingt. Ihr Schritt ist schnell und ihre Schuhe machen klackernde Geräusche, die sie gar nicht vermuten würden.
Du weißt immer noch nicht, was du sagen sollst. Du hattest eh kein Hunger, du bist vegetarisch, natürlich willst du die Katze sehen, wie heißt sie denn überhaupt, du hättest ja so gerne selbst eine Katze, so etwas in der Art vielleicht.
Die Frau bleibt bei einem vermüllten Karton stehen und gibt dir damit die Möglichkeit, sie zu überholen. Zuerst aus dem Augenwinkel, dann von unten nach oben fährt sie dich mit ihrem Blick ab, landet auf deiner zu großen Hose, auf dem zerfressenen Pulloverausschnitt, auf deinen zerbissenen Lippen. „Hätte ich gewusst, wie du aussiehst, hätte ich dich einfach gleich zu mir nach Hause eingeladen.“
Ihr Mund glänzt noch immer vom saftigen Köfte-Sandwich, trotzdem benetzt sie ihren Mund erneut, diesmal mit ihrem Speichel. Du fragst dich, ob du ihr Angebot angenommen hättest. Klar, warum nicht, du stehst auf diese verkeimte Art, ihr wärt doch eh nicht im Bett gelandet, höchstens auf dem Balkon, wo du ihr zuhörst, wie sie redet und atmet und raucht und schweigt und danach hättest du Zuhause still und allein und unter zwei Decken und mit Ohrstöpsel masturbiert mit dem Versuch, nicht an sie zu denken.
Du denkst, sie hält es nicht lange aus, neben dir zu laufen, denn sie stoppt wieder und kramt in ihrer Übergangsjacke nach einem Schlüssel. Das ist also die Nicht-Wohnung. Eine Ladenfront mit heruntergelassenen Rollläden und einer eigenen Tür, aber ihr geht durch einen gewöhnlichen Hauseingang. Drei Schlösser trennen dich noch von der Katze, denn das ist es doch, was du hier machen willst, Catsitting, Nacken kraulen, bisschen Selbstgespräche führen, endlich mal wieder neben einem Lebewesen einschlafen.
„Ey, warte mal kurz. Wir haben gerade gar keine Knabbersachen da, voll unhöflich… Ich krieg’ immer voll Hunger bei sowas, ist ja auch langweilig wie Sau. Ich geh nochmal kurz rüber, ja?“
Jaja, du kannst warten, du denkst währenddessen an all die vermissten Katzen in all deinen Nachbarschaften, du stellst dir vor, wie sich Pinto, Shipuchka, Lady, Möhrchen, Pamuk und Twiggy alle hinter dieser Tür eingefunden haben, um dort in einer Katzenkommune zu leben, mit der Sprengung der bürgerlichen Abhängigkeitsverhältnisse als Ziel. Nach ihrem Tod, denn der wird kommen, wirst du ihnen eine Plakette für die Hauswand anfertigen und Leute werden hierhin pilgern, um sich das Lotterleben dieser felinen Systemaussteiger auszumalen. Das Licht im Flur geht wieder an und deine Bekannte aus dem Internet drückt dir mehrere Tüten Chips und saurer Würmer und gerösteten BBQ Mais in den Arm, um sich erneut den Schlössern dieser Tür zu widmen. Nichts will so richtig passen, also spuckt sie auf das Metall, bevor sie den Schlüssel langsam in den Zylinder schiebt. Deine Hände schwitzen gegen die Plastikverpackungen, dein Griff lockert sich, doch du bist erpicht darauf, jetzt keinen Mucks von dir zu geben.
Hinter der Tür wartet scheinbar keine Katze. Du folgst ihr ins kühle Innere, die Dielen knarzen unter euren Schuhen und sie macht keine Anstalten, ihre auszuziehen, also lässt du deine auch an und drückst dich an gestapelten Holzscheiten und Spiritus vorbei.
„Das ist die Stube, hier muss er auch irgendwo sein…“ Sie tigert durch den Raum, sie kennt hier jede Ecke, scheint aber nicht wirklich daran interessiert, die Katze zu finden. Langsam dreht sie sich wieder zu dir. „Egal, er kommt, wenn er kommen will. Das hat er von mir.“ Sie lacht, zeigt dir ihre Zähne, die vor keiner halben Stunde erst Fleischfasern und Brot und Kohl bearbeitet haben. Etwas krumm, nicht die schärfsten Ecken, aber sie weiß, wie sie mit ihnen umzugehen hat. Sie merkt deinen Blick, sie merkt, dass das wirkt zwischen euch. Sie merkt ihren Hunger, legt ihre Hand kurz auf ihren unteren Bauch, dort, wo ihre Liebhaber drücken, um ihre Künste zu beweisen.
Du schaust sie weiter an, lässt die Snacks auf einen der vielen Beistelltische fallen. So wie der Tresen, an dem sie steht, die hinterste Ecke des Zimmers einnimmt, willst du von ihr eingenommen werden. Auf einem Transparent an der Wand steht irgendwas mit lecken und nageln, subliminal messaging der höchsten Stufe, aber bevor du an solche Aktivitäten denken kannst, biegt sie schon in den Flur ab.
„Hier ist unsere Bibliothek, aber die zeig ich dir später. Komm erstmal mit in die Küche, vielleicht gibt es da etwas Proviant für dich.“ Du staunst nicht schlecht, all diese Bücher kategorisiert, eine Bibliothek, wie du sie eines Tages selbst gern zuhause hättest. Im Gehen schaltet sie ein altes Radio an, Madonna singt über eine schöne Insel und sie hat Recht, wenn sie sagt: This is where I long to be.
Du hangelst dich durch Lichterketten und selbstgebastelte Girlanden, du stützt deine Hände an Demo-Plakaten der letzten zehn Jahre ab und findest einige davon schon sehr kitschig und glitzerfeministisch, dass du dich fragst, wie diese Frau hier überhaupt reinpasst.
Ihre abgeranzten Turnschuhe hinterlassen Dreck auf dem Boden, obwohl es heute nicht geregnet hat und du willst wissen, wie sie sonst ihre Tage verbringt, wo denn genau ihre Wohnung ist, ob sie auch manchmal auf dem Friedhof unterwegs ist, ob der Köfteladen ihr Stammlokal ist, ob ihr euch wiedersehen werdet, ob ihr euch schon einmal gesehen habt.
Die Küche interessiert dich nicht, obwohl du es liebst, in fremden Wohnungen alle Schubladen zu öffnen, hier und da eine Kleinigkeit zu entwenden oder die abgelaufenen Gewürze zu studieren. Du schenkst nicht einmal der Weihnachtsmarkttasse Beachtung, die dir die Frau in die Hand drückt. Du weißt, dass du den Früchtetee nicht trinken wirst. Währenddessen wühlt sie in Schränken nach Schätzen, ihr Arm verschwindet bis zum Ellenbogen in der staubigen Dunkelheit und du willst es ihr gleichtun, in ihr wühlen, in ihr verschwinden, von ihr überzogen sein. Sie macht ein Geräusch, das einen essbaren Fund symbolisieren soll und zieht sich und ihren Arm aus dem Schrank. Sie krümelt auf ihr Oberteil und verzieht ihr Gesicht, dir wieder zugewandt.
„Hm. Würde ich dir jetzt nicht anbieten. Oh…“ Sie geht in den Flur zum letzten Raum der Wohnung und zieht eine Tür auf. „Geh schon mal in die Bib zurück, ich muss nochmal auf Klo.“
Du bleibst noch etwas stehen, bist neugierig auf die Geräusche, die du hören könntest, um dir daraus ein neues Bild zu machen, du willst den Reißverschluss ihrer Hose hören, du willst wissen, wie laut und lang sie pisst, du willst die Sekunden zählen, wie lange sie sich die Hände wäscht. Doch du hörst nichts, was bedeutet, dass sie auch hört, dass du dich nicht bewegst. Widerwillig gehst du in die Bibliothek.
Die Bücher, die dich vorhin noch angesprochen haben, sind jetzt egal, du wendest dich trotzig ab, du fühlst dich von einer Person kontrolliert, von der du nicht einmal den vollen Namen weißt, rein gar nichts weißt du, außer wie geborgen du dich in ihrer Anwesenheit fühlst. Du ärgerst dich über deine Lust, als du es zum ersten Mal mauzen hörst. Es folgt ein schüchternes zweites Mal und du machst aus, dass es von der Hochebene über dir kommt. Eine Leiter führt dich näher zum Geräusch, aber zwischen all den Kissen und Decken siehst du sie nicht sofort. Du legst dich hin, seufzt, langsam kommt der Frust hoch über diese lächerliche Situation, nebenan.de ist doch echt nur voller Freaks. Du zweifelst an der Katze, der Frau und dir.
„Ah, da bist du also! Genau hier wollte ich dich haben. Weißt du, der Katze ist schmusen total egal, aber falls du dich selbst ausruhen willst, kannst du das hier machen.“ Die Frau setzt sich im Schneidersitz zu dir gewandt und legt die Spätisnacks zwischen euch. Du reißt den Mais auf und zerkaust die rauchigen Kerne zügig in deinem Mund, um dich von ihrer Nähe abzulenken. „Ich habe immer noch so Hunger, eigentlich sollte ich eher etwas Vernünftiges essen…“ Sie schaut dich an, ihre Augen dunkel und groß, und nimmt deine krümelige Hand in ihre. „Ich hatte diese Dinger noch nicht, darf ich erstmal so probieren?“ Sie führt deine Finger zu ihrem Mund und leckt dir fein säuberlich den BBQ-Staub ab, dann nimmt sie einen nach den anderen in den Mund, ihr Speichel ist warm und ungewöhnlich zäh. Du beißt deine Zähne zusammen, um still zu bleiben, aber als sie auf deine Finger beißt und Knöchel für Knöchel tief in ihren Rachen schiebt, entweicht dir ein Keuchen.
„Du schmeckst so gut, ich will mehr von dir probieren.“ Du nickst und lässt dich von ihren Händen näher zu ihr ziehen, ihre Fingernägel wirken auf einmal wie Krallen in deinen Armen, du merkst, wie deine erste Hautschicht durchbrochen wird. Am liebsten würdest du dich aus deinen Klamotten pellen, die eh schon an unterschiedlichen Stellen nass sind, teils aus Angst, teils aus Erregung, um noch irgendwie Autonomie in der Situation zu bewahren, aber die scheinst du schon bei deiner ersten Nachricht auf ihre Anzeige abgegeben zu haben.
Sie beißt sanft in deine Schulter, während sie deine Arme festhält und drückt ihre Zähne in Muskeln und Sehnen, die eh schon längst verspannt sind. Du ziehst scharf Luft durch deinen Mund ein, die Schmerzen sind noch aushaltbar und lassen dich tatsächlich etwas entspannen. Du rückst mit deinem Becken näher an ihren Unterkörper ran, möchtest Reibung und Entladung erzeugen und sie gewährt es dir, doch ihre Intention ist eine andere. Sie löst ihren Biss von deinem Fleisch mit einem perversen Schmatzen und schaut dich an. Eine ihrer Haarsträhnen und Fussel deines Hemds haben sich in ihrem Mundwinkel verirrt. Das Animalische in ihr nimmt Überhand, denkst du dir, doch du weißt, dass das hier keine Vampir- oder Werwolfstory ist. Das hier ist echtes Verlangen. Verlangen nach einer Vereinigung.
„Du fühlst dich gut an, du schmeckst so besonders. Du…bist so besonders.“ Ihre andere Hand wandert zu deiner Hose und klemmt sich hinter deiner Gürtelschnalle, kitzelt mit ihren Fingerspitzen deinen Happy Trail. Dein Schritt reibt sich fest an ihrem Knie und sie lächelt besonnen. „Ich möchte dich belohnen für deine Gutmütigkeit und bezahlen kann ich dich schließlich nicht, aber ich möchte dir ein Geschenk machen. Eine einmalige Erfahrung.“
Der Brustkorb der Frau wird graduell größer beim Einatmen und auch ihr restlicher Körper scheint seine Proportionen geändert zu haben. „Ich will dich. Ich will dich in mir spüren. Ich will dich komplett und absolut.“ Du liebst es, wenn Frauen dir genau sagen, was sie wollen, dass sie dich wollen, dass sie dich in sich haben wollen, aber das hier ist anders.
Sie lächelt schüchtern, die Wangen gerötet. „So ein Verlangen habe ich nicht alle Tage, normalerweise reicht mir das Köfte-Sandwich und die Suppe und die Snacks, aber heute brauche ich dich auch noch.“ Du beginnst an deinem Hemd die Knöpfe zu öffnen, sie zieht währenddessen deine Schuhe und Socken aus. „Ich bin so froh, dass du das auch willst. Ich habe so einen Appetit auf dich.“ Du hast zwar nichts gesagt, kein einziges Wort den ganzen Tag lang, mittlerweile ist es sogar dunkel draußen, aber sie hat recht. Du willst das auch, egal, was noch kommen wird.
Du trägst nur noch deine Unterhose und möchtest nun auch ihren Körper sehen, doch die Frau hält dich zurück und legt dich auf die etlichen Decken, um an deinen Füßen Platz zu nehmen. Während sie deine Fußsohle ableckt, zieht sie deine Unterhose runter, hält danach deine Beine zusammen und lässt dich immer mehr in sie hineingleiten. Ihr Kiefer weitet sich und immer mehr Spucke fließt aus ihr heraus und überzieht deine Waden. Was hier passiert, scheint dir unmöglich vorzukommen, doch du spürst es am eigenen Leib, wie sie dich immer tiefer in sich aufnimmt. Ihre Augen sind gleichzeitig vor Verlangen und Schmerz verzerrt, du merkst, wie sie mit sich kämpft, also machst du es ihr nicht noch schwerer. Du zitterst, hältst deine Augen geschlossen und versuchst ruhig zu atmen, doch auch deine Triebe arbeiten gegeneinander. Dir kommt die Angst, Panik schnürt dir die Kehle zu, doch jedes Mal, wenn du spürst, wie sie um dich herum pulsiert, wie sich ihr Bauch deinetwegen ausbeult, wie tief du schon in ihr bist, durchfährt dich eine Lust, die du so noch nie empfunden hast. An deiner Hüfte angekommen, kann sie wieder mehr Laute von sich geben als nur Stöhnen und Würgen und Schlucken, sie streichelt deine Haare und wischt euch beiden eine Träne weg. Ihr entspannt euch beide. Diesen Pakt kann euch keiner nehmen.
„Du bist der Schlüssel zu meinem Verlangen.“ Du musst komischerweise schmunzeln. Der verschluckte Schlüssel als Überlebensabsicherung hat sich diese Frau schließlich nicht selbst ausgedacht. Dich macht der Gedanke an, so dringend gebraucht zu werden, und nimmst Abschied von der Idee, das hier noch irgendwie aufhalten zu können. Du kennst sie nicht und doch weißt du, dass ihr dafür bestimmt seid. Die zweite Hälfte deines Körpers flutscht viel schneller in die körperlichen Abgründe dieser Fremden und doch fühlst du dich angekommen. Es ist warm und glibschig, nass und eng und dunkel. Du warst noch nie gut in Biologie, also weißt du auch jetzt nicht, wo genau du dich befindest. Du bist komplett umschlossen. Umschlossen und sicher. Du weinst vor Freude und Glück und Vollkommenheit in den See fremder Flüssigkeiten, als du auch von außen ein Schluchzen wahrnimmst, dass ihren ganzen Körper durchzieht. Du versuchst, Worte auszumachen, aber du bist zu tief in ihr, um etwas verstehen zu können. Außerdem ist eure Kommunikation jetzt eine andere, denkst du dir und verlierst langsam das Bewusstsein.
Wie lange du weg warst, weißt du nicht.
Wie ein Fohlen wankelst du mit deinem schleimigen Körper über das Kopfsteinpflaster. Die Straßen sind noch die gleichen, an der Ecke werden fleißig die selben Gerichte aufgetischt und der Verkehr ist laut wie immer. Du nimmst auch jetzt den Weg über den Friedhof, um sicherzugehen, da nicht über dein eigenes frisches Grab zu stolpern, doch eigentlich weißt du, dass dein Leben gerade erst neu begonnen hat.