12.08.2025

Hoch hinaus

August 2025

Ich saß vis-à-vis von meiner Mutter, die gedankenverloren aus der Fensterfront sah, und schaute abwechselnd auf ihre tropfenförmigen Ohrringe und die Häuserzeilen unter uns. Sie hatte mir ein drehendes Restaurant versprochen und ich hatte es mir wie ein Karussell vorgestellt. Nun saßen wir auf zweihundert Höhenmetern und drehten uns langsamer als ein Mikrowellenteller – ich hatte nicht einmal das Schnitzel mit Pommes bestellen dürfen, weil es zu teuer war. Stattdessen schlürfte ich an einem viel zu heißen, viel zu teuren Kakao.

Ich hatte bereits verstanden, dass Quengeln im Leben nichts hilft, und beschränkte mich auf die leise Bemerkung, dass sich das Restaurant ja gar nicht richtig drehe. Ich weiß nicht, was meine Mutter darauf antwortete; wahrscheinlich, dass ich froh sein könnte, weil mir sonst längst schlecht geworden wäre. Ich brachte meine Erfahrung auf dem Fernsehturm, die damit endete, dass uns eine kaltschnäuzige Kellnerin darauf hinwies, dass unser Tisch in zehn Minuten freigegeben würde, nicht mit meinen Erwartungen überein. Trotzdem zweifelte ich nicht daran, mich an einem großartigen Ort zu befinden. Nachdem meine Mutter bezahlt hatte, steckte ich die Quittung und eine Papierserviette, auf der die graue Silhouette des Turms abgedruckt war, in meine Jackentasche.

Ich hob die Quittung und die Serviette in einer Schuhschachtel auf, bis ich sie neulich bei einem Besuch zuhause wieder in die Hände bekam. Dabei stellte ich fest, dass mein Gedächtnis den Kakao in einer bemerkenswerten Fehlleistung meine ganze verbliebene Kindheit über mit dem ersehnten Schnitzel ersetzt hatte, und ich spürte die Enttäuschung von damals noch einmal. Andererseits verstand ich meine Mutter jetzt: Der Kakao war für Berlin in den Nullerjahren wirklich teuer gewesen.

Heute sitze ich in meiner Wohnung in Pankow, denke an sie. Ich kehre zurück zu der Szene, betrachte meine Mutter, wie sie mit den Augen über die Dächer streift. Sie hat die am Vortag im Sale gekaufte, beige Wildlederjacke gar nicht ausgezogen, hat den unhörbar tickenden Timer der Kellnerin im Blick. Ihr dünnes Haar ist zerzaust vom Wind, der an diesem Tag durch die Straßen weht. Fühlt sie sich in Begleitung ihrer achtjährigen Tochter allein? Erst jetzt bemerke ich, dass sie nicht gedankenverloren aus dem Fenster schaut, sondern die Stadt taxiert: Sie misst die Distanz des Bürogebäudes, in dem man ihr einen Job angeboten hat bis zur U-Bahn-Station, fragt sich, wie viele Kitas es in einem Umkreis von einem Kilometer wohl gibt. Indem sie dem gelben Zug folgt, der an einer Stelle aus der Erde tritt, zählt sie die Haltestellen, die ich einst alleine fahren müsste. Wie weit ist es bis zum Südkreuz, bis nach Basel, bis zur Kleinstadt und bis zu dem Dorf, in dem wir leben? Wie wächst ein Kind in der Großstadt auf? Und wie kommt eine Alleinerziehende hier zurecht?

Als meine Mutter mir Jahre später von dem Angebot erzählte, war ich wütend, dass sie es ausgeschlagen hatte. Sie druckste herum, sagte, sie habe mich nicht entwurzeln wollen. Ich war ein Teenage-Girl mit schwarzen Fingernägeln und verstand nicht, wovon sie redete: Meine Wurzeln schwebten doch bereits einige Meter über der Erde, wie die des Baumstumpfs auf dem Dorfwappen, das einmal im Jahr, zum Nationalfeiertag, von den Laternenmasten wehte. 

In diesem Dorf, dessen Einwohner:innen mit großer Mehrheit die Schweizer Volkspartei wählten und regelmäßige Schützenfeste und Traktorpullings austrugen, war es bereits eine Anomalie gewesen, dass meine Mutter die Familie versorgt hatte. Als ich klein war, ging mein Vater, ein selbsternannter Hausmann, mit mir ins Mutter-Kind-Turnen. Die Leute tuschelten, sie fanden das witzig: Er hatte sich geweigert, an der Aufführung in der Dorfaula teilzunehmen, für die er sich als Blume hätte verkleiden müssen. (Wir Kinder sollten als Schmetterlinge von Arm zu Arm geschwungen werden.) Als sie sich trennten, verzweifelte meine Mutter am fast inexistenten Betreuungsangebot.

Nach dem Schulunterricht, der um zwölf Uhr endete, bevor er um halb eins für zwei Stunden wieder losging, kam ich bei einer Familie unter, die ein paar Quadratkilometer Äpfel- und Birnenplantagen besaß. In ihrem renovierten Bauernhaus fühlte ich mich fehl am Platz. Der Frau, Ursula, war alles an mir zu fein, zu mimosig. Das fing bei meinen langen Haaren an, ging über meine Essgewohnheiten bis hin zu meinem Verhalten. Mindestens einmal pro Woche schimpfte sie mit mir, weil ich ihre Klientinnen, die zum Haareschneiden oder zur Maniküre vorbeikamen, mit zu leiser Stimme und einem zu schwachen Händedruck grüßte. Es störte sie auch, dass ich mehr Hausaufgaben machte als nötig.

Abends, wenn ich abgeholt wurde, stand Ursula im Türrahmen und sprach mit meiner Mutter, während ich Jacke und Schuhe anzog. Sie war ihr gegenüber eher kurz angebunden, außer, wenn sie ihr die Filzperlenketten und Serviettenboxen verkaufen wollte, die sie für die zahlreichen Vereinsfeste in der Region herstellte. Meine Mutter überlegte nicht lange und kaufte ihr alles ab, auch wenn die Serviettenboxen bei uns als Staubfänger endeten und sie von der Filzkette Ausschlag bekam. Sie war dankbar dafür, dass es Ursula gab.

Während meiner Grundschulzeit flog meine Mutter einmal im Jahr für die Firma, bei der sie als Informatikerin angestellt war, nach Berlin. Meistens hatte ich Schule und schlief bei den Plantagenbesitzern auf der Couch. Es waren nur ein paar Nächte, aber wenn abends die Lichter gelöscht wurden, brachte mich der fremde Geruch der Polster und Kissen zum Weinen. Ein Gedanke, der mich in diesen Momenten tröstete, war, dass meine Mutter in der fernen Großstadt war, wo Ursula meiner Meinung nach nie sein würde: Sie saß am Kopf eines ovalen Glastischs, trug den grauen Hosenanzug mit Streifen, den sie in Wahrheit nie besaß, und zog endlos Dokumente aus einem Aktenkoffer wie eine Zauberin Taschentücher aus einem Zylinder.

Der Gedanke an Berlin weckte eine Sehnsucht in mir, für die ich damals noch keinen Namen hatte, die sich aber untrennbar mit der Aussicht vom Fernsehturm und der weiten Stadtlandschaft verband.

Auf dem Foto sieht man ein Smartphone, das den Berliner Fernsehturm fotografiert.
(c) Alexandra Zysset