04.08.2026
Hanging On The Telephone
Juli 2026
Etliche verpasste Anrufe von der Familie, das kenne ich nicht. Telefonate mit meinem Vater dauern selten länger als fünf Minuten.
Meine Mutter schickt mir Sprachnachrichten unter 30 Sekunden. Es geht um Meerschweinchen und Autounfälle, es geht um Geburtstage und Pfandflaschen. Es geht um Enttäuschung und Verpflichtungen. Sie schickt mir keine Antwort auf meinen letzten Neujahrsgruß. Sie schickt mir per Post eine Einladung zur Jugendweihe meiner Schwester in ihrer 90er-Jahre Schnörkelschrift.
Nach meinem Auszug hat sie mich kein einziges Mal angerufen. Ich weiß das und doch tippe ich zur Kontrolle „Mama“ in die Suchfunktion der Anrufliste, sehe keine Einträge und erinnere mich daran, schon vor Jahren ihren Kontaktnamen geändert zu haben.
Ich weinte wenig vor meinen Eltern, auch wenn ich es früher ständig alleine tat. Ich wäre lieber ein Kind gewesen, das in der Pubertät eigentlich nichts anderes getan hat, als zu wichsen, statt ständig zu weinen. Manche kriegen ja auch beides hin, aber Lust war mir damals im Gegensatz zu Leid noch fremd.
Das letzte Mal, dass ich vor beiden weinte, war ich 12. Meine Haare gingen mir knapp über die Schultern und waren ständig zerzaust und verknotet. Ich mochte sie nicht besonders, sie waren mir egal und doch sah ich mich im Spiegelbild weinen, als meine Mutter sie mir ungefragt abschnitt und mein Vater erneut versuchte, die Situation umzudrehen.
„Du bist jetzt eine richtige Frau.“
Ich weiß bis heute nicht, ob er das für mich oder für sich gesagt hat.
Das letzte Mal, dass ich vor meiner Mutter weinte, muss zu Weihnachten 2020 gewesen sein. Wir saßen im Auto und fuhren zu meiner Tante, was ich eh schon daneben fand im Lockdown. Ich trug irgendwas Schwarz-Silbernes, an Feiertagen wurde erwartet, dass ich mich „ordentlich“ anziehe. Ich fühlte mich zu allem gezwungen, ohne mich je widersetzt zu haben. Ich frage mich heute noch oft, wie viel mein Nein wohl bedeutet hätte, aber dafür ist es bereits längst zu spät. Tränen kullerten dick meine roten Wangen herunter, als sie fragte, ob ich zuhause bleiben will. Ich war dankbar für ihre Gnade, sowas kam selten vor. Ich nickte wortlos und fühlte mich doch feige. Den restlichen Abend saß ich in meinem Glitzerfummel auf der Couch und wartete ihre Rückkehr ab.
Stille Nacht, heilige Nacht. Alles ruht, einsam wacht.
Kein Jahr später haben wir uns das letzte Mal gesehen.
Es gab eine Zeit, da war das letzte Mal, dass ich vor meinem Vater weinte, auf einer Waldstraße. Ein Reh lief uns vors Auto, Schilder wiesen auch darauf hin und wir beide kannten die Straße ziemlich gut. Es war Schock, der sich in mir sammelte und sich durch einzelne Tränen und die ruhige Stimme meines Vaters entlud. Das Reh zog unverletzt in den Wald ein. Nach einiger Zeit setzte das Signal wieder ein und Radio Fritz lief weiter.
Nichts war passiert. Lange blieb dieses Reh der Messwert meiner Tränen, bis auch dieser Vorfall überschrieben wurde.
Das letzte Mal davor lag auch schon etliche Jahre zurück, mein kleiner, nasser Körper war erneut nach einem Streit auf seiner weißen Couch gestrandet. „Du bist gut in der Schule, bringst keine Jungs mit nach Hause. Ich weiß auch nicht, was sie hat“, versuchte er mich zu trösten und zeigte mir damit, wie wenig er damals schon über mich wusste.
Es passiert was Schlimmes und keiner ruft an. Es passieren jeden Tag schlimme Dinge und keiner ruft an. Ich werde vermieden und vermeide demnach auch. Ich rufe nicht an, wenn was Schlimmes passiert. Ich rufe nicht an, wenn was Schönes passiert. In meiner Familie wird weder offen betrauert noch geprahlt. Es ist halt so. Abweichende Entscheidungen werden verpönt, aber zurückgeholt wird keiner. Es ist halt so.
Es ist 8. März und er ruft nicht an. Die Jahre davor hat er mir einen schönen Frauentag gewünscht, vor allem, seitdem in Berlin ein gesetzlicher Feiertag draus geworden ist. Also sieht er mich vielleicht doch nicht mehr als richtige Frau? Hat er in der Zwischenzeit heimlich Monique Wittigs “The Straight Mind” gelesen und stimmt ihr zu, dass Lesben keine Frauen seien?
Es passiert was Schlimmes und er ruft an.
Ich weinte schon, bevor er mir am Telefon erzählte, dass sein Vater verstorben sei. Mein Opa entschied sich vor vielen Jahren dazu, mit seiner eigentlichen Jugendliebe in seine sorbische Heimat zurückzukehren, seitdem sahen wir uns seltener als eh schon. Von seinem Tod erfuhr mein Vater erst Monate später durch einen Brief vom Amtsgericht.
Ich weinte, als mein Vater mich spontan anrief, während ich in einer Spandauer Wohnsiedlung stand und von meiner ersten Trennung erzählte. „Das fühlt sich jetzt scheiße an, aber das wird mit der Zeit.“ Seine simplen und doch treffenden Worte überraschten und rührten mich, danach fragte er mich nie wieder dazu und ich schwieg zurück.
Das einzige Mal, dass mein Vater vor mir weinte, war auch am Telefon. Am Telefon reden wir irgendwie besser miteinander, er zwischen LKW Teilen und hinterm Steuer, ich auf fremden Balkons, hinter geschlossenen Küchentüren, auf dem Bett liegend oder in der Bahn. Wenn ich nur ein kurzes Gespräch mit ihm führen will, achte ich darauf, unterwegs zu sein, beschäftigt zu wirken. Am Abend oder am Wochenende ist er lockerer, kann während der Telefonate rauchen und trinken, entweder erzählt er mir dann stolz oder bescheiden, was es bei ihm zum Ahmbrot geben wird.
Doch nicht an dem Abend. Es war wieder oder immer noch Weihnachtszeit und ich war in diesem großen Wohnzimmer mit D. eingekuschelt auf der Couch, seinen ersten Anruf habe ich schon verpasst, also ging ich beim zweiten Mal ran. Wir waren für den Tag darauf verabredet, sein Anruf schien wohl dringend zu sein, auch wenn ich mir selbst keinen Grund dafür ausmalen konnte. Ich sei nicht zuhause gewesen, er hatte sich Sorgen gemacht. Ich konnte nicht einmal sagen, dass ich aus dem Alter raus war, in dem ich meinem Vater von irgendwelchen Übernachtungen erzählen würde, denn das war nie wirklich relevant zwischen uns. Er klang traurig und rau und offenbarte mir aus dem Nichts, dass er Angst gehabt hätte, mich mit seinem Anruf zu nerven. Ich verneinte sofort und er schluchzte.
Mich hatte nie jemand darauf vorbereitet, wie ich mit einem weinenden Mann, der auch noch mein Vater war, umzugehen hatte, und ich fand mich in der bedrückenden Situation, ihn auf eine simple Art beschwichtigen zu wollen, wie er es mit mir tat. Mehr konnte ich nicht machen, dachte ich mir damals und kehrte abwesend ins Wohnzimmer zurück, nachdem er auflegte. D. hatte ihn nie kennengelernt, die Scham und Scheu vor meinem eigenen Blut standen mir im Weg. Als ich ihn kurz darauf wiedersah, war alles „normal“ und wir verfielen in unser übliches Schweigen.
Es passiert was Schlimmes und er ruft nicht an. Menschen, die begehren wie ich, werden attackiert und er ruft nicht an. Menschen, die keine richtigen Frauen sind, die (keine) Jungs mit nach Hause bringen, werden attackiert und er ruft nicht an. Ich will anrufen und fragen, warum er nicht anruft. Denkst du nicht an mich, wenn du das im Radio hörst, Papa? An dein Kind, das aus dem Raster fällt? Dein Kind mit der immer tiefer werdenden Stimme und das dir Geschichten vom Dyke March erzählt? Dein Kind, das bei der Hochzeit deines schwulen Bruders mehr weinte als deine Mutter? Dein Kind, das dich an Feiertagen aus fremden Familien anruft? Dein Kind, dessen Begehren bei dir ausgeplaudert wurde wie Gossip, bevor es selbst dazu die Chance hatte? Dein Kind, das die Hände nach dir ausstrecken möchte, aber nicht weiß, in welche Richtung? Dein Kind, das dein Kind bleiben möchte, dein Kind werden möchte, aber nicht weiß, wie?
Es passiert was Schlimmes und wir bemerken es nicht.
Es passiert was Schlimmes und wir ignorieren es.
Es passiert was Schlimmes und keiner ruft an.
Hätte er angerufen, hätte ich am Telefon geweint.
Hätte er angerufen, hätte ich am Telefon geweint, doch es wäre anders gewesen.
Wer weiß nur, für wie lange.