19.02.2025
Gedankenfluss (Abschlussprojekt)
Januar 2025
Vorwort
Kunst verbindet. Mit meinem Abschlussprojekt wollte ich einen Raum gestalten, um gemeinsam etwas zu schaffen, das allein nicht möglich gewesen wäre. Zusammen kreativ sein und in eine Konversation treten.
Was Du gleich lesen wirst, ist aus neun Köpfen entsprungen und klingt von neun Stimmen gelesen am besten – also schnapp Dir alle befreundeten Personen, die Du kriegen kannst!
Alle lieben Leute, die mir ihre Zeit und ihr Vertrauen geschenkt haben, haben jeweils einen einzelnen Text geschrieben – die einzige Orientierung war das Rahmenthema „Schlaflose Nächte“. Daraufhin habe ich meine Bastelschere ausgepackt und collagiert; Gemeinsamkeiten und Unterschiede gesucht, die Texte miteinander und gegeneinander sprechen lassen. Die einzelnen Textstimmen sind jeweils mit den hochgestellten Zahlen 1-9 gekennzeichnet.
Ein astronomisch großes Dankeschön an alle tollen Leute, die sich mit mir darauf eingelassen haben! Das hat sich ganz besonders angefühlt, mit euren Worten, Ideen und Gefühlen schreiben zu dürfen.
Danke an:
Theresa
Anna
Lotte – steht normalerweise als Poetry-Slammerin in Berlin und Umgebung auf den Bühnen und reist mit uns in Märchen, persönliche Geschichten und Gesellschaftskritik.
Quill Kukuj – tanzt am liebsten über Genre- und Bedeutungsgrenzen hinweg. Jedes experimentelle Format ist ihm willkommen.
Vincent – hat für Quill in Vertretung wundervoll gelesen.
Adele Westerlund – kommt aus Finnland und studiert derzeit Philosophie im Master.
Michelle Oberhauser
Wolf
Aileen
Und auch an das turtle magazin(e), die meiner groben Idee eines „Community-Projekts“ mit ihrer eigenen Text-Kollage mehr Richtung gegeben haben.
Gedankenfluss
1 hast du schon ein paar deiner Gesetze abgegeben?
2 Ihr Jüngster hatte sie mal beim Rauchen ertappt und war in Tränen ausgebrochen.
3 und das einzige Kind war oft ich.
2 Sie hatte den Auszug miterlebt.
Die Kinder waren alle weg.
3 Ich wollte dabei sein.
Als ich ganz klein war
weil ich nicht gern schlief
2 Sie kippte das Fenster, zündete sich eine Zigarette an.
3 Die Hände meiner Eltern waren die einzigen, die ich auf meinem Haar wollte, rochen entweder nach Qualm oder nach Kamille.
2 Ihr Leben war nicht groß genug, um sich in die unbesetzten Zimmer auszubreiten.
3 Irgendwann wurden die Abende weniger.
2 Manche Äpfel fallen weiter als andere
3 und ihre Hand roch nicht mehr nach Kamille
Sie versuche mit dem Rauchen aufzuhören
2 Deswegen rauchte sie: wegen des Risikos aber sie rauchte gar nicht oft,
viel würde dabei nicht zusammenkommen.
3 meine Mutter war immer müde
2 Aber nein. Sie lebte noch. Wie wunderbar.
3 und Als meine Eltern älter wurden, wurde auch ich älter
das sei gar nicht schlimm, sagte sie weich
2 und niemand denkt an den armen Stamm, der zurückgelassen wurde.
3 Als ich ganz klein war, lag der Schlaf noch in meiner Hand.
und ich löste beschämt auf, dass ich doch wach war
4 er war müde
3 man nannte mich eine Nachteule
4 er hörte auf zu schlafen
3 Egal wie müde
4 Natürlich nicht sofort
Das geht nicht innerhalb von Tagen
3 Als ich ganz klein war
blieb ich wach
4 Er Erkannte Apelle
konnte sie vergessen;
3 Dabei sein, aber keine Erwartungen erfüllen müssen.
5 die Nacht schützt vor jedem Gefühl der Eile
6 Eine andere und leicht fremde Stimmung legte sich über uns
eingeschlossen in unserer eigenen Blase
1 wir könnten Gesetze kurz vergessen und schweben, tun wir das nicht schon?
Ich könnte Revolutionen planen oder abtauchen, für immer im Moment treiben, bis die Sonne meine kleinere Ewigkeit in den größeren bricht.
6 das scharfe, durchdringende Licht des Alltages
In unserer Fantasie veränderte sich etwas Nach Mitternacht
abgeschnitten von der normalen Welt
Euphorischer, weniger vertraut und mystisch
1 Hier würde niemand unser Geheimnis erfahren
5 Zwischen den Lichtkegeln der Straßenlaternen
1 Unsere Rezeptoren sind umgekehrt verschaltet. Anders als man denkt. Senden ein Dunkelsignal und stoppen bei Licht.
7 dunkel hell dunkel hell durch die wandernden Schatten
5 den Schlüsselbund umklammert
3 Und dann würde ich auf einer Haarsträhne herumkauen
5 Fratzen in den Augenwinkeln
8 ich möchte nicht gesehen werden
9 Auge auf Auge zu, Blinzeln, Atmen
2 atmen
5 Die Nacht lacht in ihr Ohr
2 zündete sich eine Zigarette an. Aber
8 allein sein ist anstrengender. Und
5 die Nacht hat ihre langen Finger schon längst in jede Masche gesteckt möchte sie kaum gehen lassen.
2 Ihr Leben war nicht groß genug
9 Was nimmt man mit in einen Krieg gegen sich selbst?
3 ganz klein
9 Pfeil und Bogen
3 ganz klein
9 Dolch und Schwert
2 nur eine Sekunde pro Zigarette
9 was ist, wenn sich keine wehrt?
1 Hier würde niemand unser Geheimnis erfahren
7 Die Wände sind dunkel und ich weiß nicht, ob es sie gibt.
Ich weiß nichts von den Stunden die verrinnen.
1 Zerfließe in der Un-Sichtbarkeit,
7 Ein sanfter Schmerz
9 Auge auf, Auge zu, Blinzeln, Atmen
1 atme
8 Am Anfang hat es mir gefallen mich zu verlieren.
jetzt sitze ich da und sehe, dass ich bloß verloren gegangen bin.
1 wir könnten uns komplett tauschen
8 ich Möchte dich nicht mehr berühren
1 hier fließen wir
zusammen
3 Gesten der subtilen Zärtlichkeit.
1 auseinander
8 Ich fühle mich erdrückt von dir.
1 lerne meine Begrenzungen kennen
8 Hab meine Grenzen biegsam gestaltet
1 und handle sie neu aus.
8 ich werde dich vor den Kopf stoßen
2 Rauch zum Fenster
8 Fenster gekippt
5 fensterlos
8 Ich friere trotzdem
6 du frierst
willst zurück
1 hast du schon ein paar deiner Gesetze abgegeben?
8 ich sehe anderen beim Leben zu
6 das ging Bei dir besonders gut
7 Lilafarbige verknüpfte Muster, unentzifferbare Scheerenschnitte, die herabschweben
6 du bist müde und von Mücken zerstochen
7 knapp bis über die Augen und wieder hochgeblinzelt werden
6 Yötön yö nennt man es, nachtlose Nacht.
7 von Schneeflocken gesprenkelt
6 Du sagst, dass du nichts Schöneres kennst
7 Ich schaue auf die schwebenden Muster.
6 Wir schauen uns die Mitternachtssonne an.
die Sommernächte sind hell.
7 Vielleicht schläft ein Teil von mir noch dort.
1 die Fugen meiner Gänsehaut die Leitstrukturen im Nachthimmel
ich schaffe meinen eigenen Auftrieb
6 wir konnten wieder aufsteigen.
1 luftwärts
Ebbe und Flut im Mikrokosmos.
9 Atmen 2 atmen
1 ICH atme
Heute werde ich von zwei Seiten umarmt
3 lachen 8 ich Lächle 5 leise 3 leise 4 Lebe
6 sanft
7 kuschle mich an
1 hast du schon ein paar deiner Gesetze abgegeben?
jetzt
2 Manchmal 5 Hier 4 morgens 6 Im Sommer 8 morgens 4 abends
8 jetzt
1 könnten wir sie kurz vergessen
5 Sie verscheuchen
verlieren
1 in unserer uneindeutigkeit