19.11.2025

Fenster

November 2025

  1. Die Fenster im Turm der Zionskirche, die ihr Glas verloren haben

… sind mir bei meinem zweiten oder dritten Besuch aufgefallen. Ich saß auf einer Bank und zeichnete die Kirche, um zur Ruhe zu kommen. Ich fragte mich, was die Fenstergläser wohl zerschlagen hat. Waren es Bomben, Bierflaschen oder Steine? Nach der Wende fehlendes Geld? Ein ins Stocken geratenes Restaurationsprojekt? Auf jeden Fall berührte mich ihr Anblick; wie der Wind hier ein- und ausgeht, ein- und ausgeht.

2. Ein in schwarzes Gummi eingefasstes Zugfenster

Wenn ich vor Weihnachten zurück zu meinen Eltern fuhr, löste der Landschaftswechsel, den ich durch das Zugfenster beobachtete, lange ein Gefühl der Beklemmung in mir aus. Dieses Hineinfahren in ein Land, das von allen Seiten von Bergen begrenzt wird – als bräuchte es nur einen Steinschlag oder einen kleinen Erdrutsch, der die Tunnel versperrte, und ich käme nie mehr hinaus. Jetzt fahre ich in dieselbe Richtung und mir fällt auf, dass ich dich nie gefragt habe, wie du diese Strecke, die ja einmal im Jahr auch die deine war, erlebt hast.

3. Der Überfall

In einem online einsehbaren Dokument der Stasi lese ich:

Am 17.10.1987 fand in der Zeit von 20:00 Uhr bis 22:00 Uhr in den Räumen der evangelischen Zionskirche, Zionskirchplatz, Berlin, 1054 eine nicht angemeldete Musikveranstaltung mit den Punkmusikformationen “Firma” aus Berlin, Hauptstadt der DDR, und “Element of crime” aus Berlin (West) statt, zu der etwa 500 Jugendliche und jungerwachsene Anhänger dieser Musikrichtung erschienen waren.

Nach Veranstaltungsende kam es beim Verlassen der Kirche zu tätlichen Auseinandersetzungen, die durch ca. 30 vor der Kirche erschienenen “Skinheads” ausgelöst wurden. [...] Durch übereinstimmende Aussagen von Geschädigten und bisher aufgeklärten Tatverdächtigen wurde bestätigt, daß die Schlägerei durch die eintreffenden Skinheads ausgelöst wurde, in deren Folge mehrere Personen unterschiedliche Verletzungen erlitten. 

Während der Schlägerei wurden aus der Mitte der Skinheads deren charakteristische Rufe laut wie “Deutschland”, “Sieg Heil”, “Ihr Judenschweine, euch machen wir kalt.”[i] 

4. Safari-Fenster mit acht geöffneten Tabs, zwei davon relevant

Als der gealterte Ronny zu Wort kam, war ich schon müde. Mich interessierte nicht, was er zu dem von ihm verübten Überfall auf die Kirche sagte, sondern wie er es tat: das Kinn hoch, die Beine breit, der Rücken gerade. Eine Haltung, die behauptet, kein Schlag könne ihn aus dem Gleichgewicht bringen. 

Silvio Meier, einer der Organisatoren des Konzertes, las ich parallel auf Wikipedia, wurde fünf Jahre später von Neonazis wie Ronny erstochen. An der nach ihm benannten Straße in Friedrichshain kam ich schon öfter vorbei. 

Kritisch wird aus Teilen des persönlichen Umfelds Meiers die politische Vereinnahmung seiner Person und Ermordung gesehen, einschließlich der damit verbundenen Heldenrezeption.[ii] 

Dann lag ich auf meiner Couch und döste langsam weg, während die Doku über den Überfall ohne einen Werbespot in eine Doku über das alte Ost-Berlin überging.

5. Sinnlose Fragen

Warst du wach? Hast du etwas gespürt? Schmerzen? Angst? Die selige Euphorie, von der Menschen mit Nahtoderfahrung berichten? Was waren deine letzten Gedanken?

6. Der 17.10.2025

Nach dem Anruf, durch den ich von deinem Tod erfahren habe, bin ich erst zurück in die Bibliothek und habe versucht, das Paper zur Restitution oraler Literaturen fertig zu lesen.

7. Winter 2017/18

Die Songs von Element of crime verbinde ich mit dir und den WG-Küchen einer anderen Stadt. Mit den Teetassen, aus denen wir sauren Rotwein getrunken haben, während wir am offenen Fenster rauchten und in ein Marmeladenglas aschten. Damit, wie wir hinterher mit dem Rücken an der Heizung hinab auf den klebrigen Boden rutschten und dort sitzen blieben, um uns aufzuwärmen.

8. Meine übliche Route

An meinen freien Tagen spaziere ich seit einigen Wochen durch den Prenzlauer Berg. Dabei bewege ich mich von der Paul-Gerhard-Kirche über Umwege zur Gethsemane-Kirche, dann zur Zionskirche und wieder zurück. Auf diesen Spaziergängen denke ich viel an dich.

9. Ein neuer Tab, eine neue Karte

https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/todesopfer-rechter-gewalt/?_region=berlin

10. Kein Schaufenster, nur ein verglastes Plakat

Als ich letzten Samstag nach Heinersdorf kam, bemerkte ich vier Hakenkreuze, die jemand auf die Werbetafel neben der Tramhaltestelle gesprüht hat. Ich stand eine ganze Weile vor ihnen, als handle es sich um eine Botschaft, die erst entziffert werden müsste.

11. Die Fenster der Gethsemane-Kirche

… sind verglast. Am Zaun hängen Banner und Fotos politischer Gefangener. Zwischen Büschen steht einen Jesus-Statue, die mahnend die Hand erhebt.

12. Von Berg zu Berg

Wie mein Vater, ziehe ich das Alte Testament dem Neuen vor. Etwas an Jesus’ geduldig ertragenem Leid stört uns. Wahrscheinlich ist es die Abwesenheit von Wut. Die einzige Stelle in der Bibel, in der ich zu Jesus als Protagonist eine Verbindung herstellen kann, ist sein Gebet im Garten Gethsemane. Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach[iii]: Darin kommt eine Angst vor dem Tod zum Ausdruck, die ihn menschlich macht. Ohne diese Episode am Ölberg wäre die ganze Geschichte bedeutungslos.

13. Vor dem Dietrich Bonhoeffer-Denkmal an der Zionskirche

… lese ich online in den Briefen, die der Pfarrer 1944 aus der JVA Tegel und aus dem Hauptgefängnis der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße an seine Familie, seine Verlobte und seinen Freund geschrieben hat.

Schließlich sind eben die menschlichen Beziehungen doch einfach das Wichtigste im Leben; daran kann auch der moderne „Leistungsmensch“ nichts ändern, aber auch nicht die Halbgötter oder die Irrsinnigen, die von menschlichen Beziehungen nichts wissen. […] Für viele Heutige ist der Mensch doch auch nur ein Teil der Welt der Dinge. Das liegt daran, daß ihnen das Erlebnis des Menschlichen einfach abgeht.[iv]

14. Ein Fenster in der Tramtür, in dem sich mehrere Gesichter spiegeln, darunter meines

Auf dem Rückweg habe ich die ganze Fahrt über Podcasts gehört, Reels gescrollt, nach Jobs gegoogelt. In der Tram packte ich zum ersten Mal seit fast sieben Stunden das Handy in die Tasche und streckte den Nacken durch. Mein Gesicht spiegelte sich, halbtransparent und verschwommen, zwischen anderen Gesichtern im Türfenster. Eine Weile starrte ich mich an, unterbrochen von den Türöffnungen an den Haltestellen, und versuchte zu erkennen, inwiefern mein Gesicht in den letzten Jahren gealtert war. Dann drückte ich selbst den Knopf und trat hinaus.

 

Danke an Franziska und Theresa L., die mir unabhängig voneinander zwei Kirchen im Prenzlauer Berg vorgeschlagen haben.

 

Zeichnung einer Kirche
(c) Alexandra Zysset