02.10.2025

Eine Krähe

Oktober 2025

An einem Oktoberabend saß Elisa in der Bibliothek in Moabit und starrte aus dem Fenster, während sie an ihrer Masterarbeit schrieb. Sie war schon ziemlich müde – sie hatte an diesem Tag zwei Seminare und eine Stunde Zumba gehabt – als sie draußen eine Krähe auf dem Dach eines Autos sitzen sah. Die Krähe hatte etwas im Schnabel und nachdem sie genauer hingeschaut hatte, erkannte Elisa, dass es eine Nuss war, die die Krähe wahrscheinlich unter den Walnussbäumen beim Fussgängerstreifen aufgelesen hatte.

Elisa hatte schon lange nicht mehr auf die Krähen in der Stadt geachtet. Überrascht stellte sie fest, dass sie sie während ihres Austauschjahrs vergessen hatte, genau wie das Laub und kalte Abende wie diesen. Seit September war sie zurück in Berlin. Und während sie versuchte, die Notizen, die sie in Rio de Janeiro gemacht hatte, in die Struktur einer akademischen Arbeit zu bringen, versuchte sie auch, an der Begeisterung für ihr Thema festzuhalten, die sie am dortigen Anthropologischen Institut gewonnen hatte. Diese Begeisterung, fürchtete sie, könnte ihr während des langen deutschen Winters aus den Fingern rutschen.

Die Krähe schlug mit den Flügeln und flatterte senkrecht in die Luft, bis sie eine gewisse Höhe erreicht hatte, von der aus sie die Nuss fallen ließ. Die Nuss fiel auf die meergrün glitzernde Motorhaube des Autos; ein alter BMW, der mit zwei Rädern auf dem Trottoir geparkt war. Als die Schale nicht zerbrach, wiederholte die Krähe das Manöver. Das Ganze war angenehm zu beobachten und Elisa bemerkte, dass die meisten Menschen um sie herum ebenfalls zusahen.

Sie konzentrierte sich immer noch auf die Krähe, deren Nuss zwischen Scheibe und Motorhaube stecken geblieben war, als sie das Genuschel einer älteren Frau bemerkte, die in ihrer Nähe saß. Die Frau hielt den Kopf gebeugt über ein Buch mit bibeldünnen Seiten und einem dicken Einband und schien abschätzige Bemerkungen über das Gelesene zu machen. Das Buch gehörte zu zwei aufgetürmten Stapeln und einem Haufen loser Blätter und Hefte, die um die Lampe herum verteilt waren. Laptop hatte sie keinen. Vielleicht war das Genuschel auch gar kein Kommentar, dachte Elisa, nachdem sie eine Weile gelauscht hatte, sondern der Versuch, ein Gespräch anzufangen; vielleicht warf die Frau Wörter wie Köder aus, in der Hoffnung, jemand möge anbeißen und sie könne diesen Jemand mit einer flinken Bewegung des Handgelenks zu sich holen. In Brasilien hätte sie sie, ohne groß darüber nachzudenken, angesprochen. Aber dort, dachte Elisa, hätte es auch weniger bedeutet.

Die Krähe hatte damit angefangen, das Auto mit ihrem Schnabel zu attackieren, unfähig, die Walnuss unter den Scheibenwischern hervorzuholen. Als sie einen Ast von hoch oben auf das Dach fallen ließ, ging die Alarmanlage los und das Piepsen des BMWs vermischte sich mit dem Kreischen der Krähe. Inzwischen schauten ihr so gut wie alle am Südfenster zu, lächelten oder lachten – bis auf die Frau mit den Büchertürmen. Sie verpasste die Gelegenheit, mit ihren Tischnachbarn ins Gespräch zu kommen, die untereinander Blicke austauschen, während sie weiter das Gitter der schwarzen Buchstaben fixierte. Elisa schaute zu der Frau, dann schaute sie zu den blinkenden Frontlichtern des BMWs. Schließlich klappte sie ihren Laptop zu.

Während sie ihre Sachen packte, dachte Elisa über die Krähe und die Nuss nach, darüber, was man verlor und was man fand. Dann wickelte sie ihren Schal um den Hals, schloss den Reißverschluss ihrer Jacke und verließ den Saal.

Danke an Hanna für den Ort.

Ein Auto mit durchsichtigem Plastikschutz steht am Straßenrand.
(c) Alexandra Zysset