01.07.2025

Cruelty & Devotion
/ Grausamkeit und Fürsorge (Teil 5)

Juni 2025

Es ist April, es ist Freitag, es ist Nachmittag. Du brauchst Geld. Du brauchst 3.300 Euro bis 18:00 Uhr Bankenschluss, bis dahin musst du das Geld am Schalter an ein anonymes Bankkonto in Russland überwiesen haben. Dein Bankkonto ist leer. Innerhalb von fünf Tagen, seit Montag, hast du bereits 8.000 Euro verschickt. Das Geld, das du dir mühselig über Jahre angespart hast, in einem Job, der deinen Körper müde macht bis auf die Knochen, der weniger als den Mindestlohn bringt, in einem Land, in das du nicht geboren wurdest, in das du gekommen bist, weil du dachtest, du würdest hier mehr Möglichkeiten haben, mehr Leichtigkeit finden; ist alles weg. Du brauchst also Geld. Du fragst deinen Bruder, obwohl du weißt, dass der nichts hat, weil du ihm gerade erst vor wenigen Monaten ein paar Hundert Euro geschickt hast, damit er sich in Kasachstan mit einem Lkw selbstständig machen kann. Du überlegst deinen Schmuck zu verkaufen. Aber vorher fragst du deine Tochter und dann kommt alles raus.

In ein russischsprachiges Forum schriebst du: Ich brauche Kontakt zur übernatürlichen Energie. Ich brauche Erlösung. Bitte kontaktieren Sie mich.

Eine Nutzerin schrieb dir ihre WhatsApp-Nummer zurück.

Du kontaktierst sie, nennst sie Heilerin. Sie nennt dir einen Preis: Für 30 Euro führt sie ein Ritual mit dir durch, zur Befreiung der Schatten in dir, danach wird dich die übernatürliche Energie finden. Bereit machen sollst du dich. Du füllst das Salz in den Ecken auf, baust einen Altar mit Kerzen. Das Ritual haltet ihr auf WhatsApp ab, aber es gibt ein Problem. Die Heilerin sagt: Da ist was in dir. Du brauchst ein weiteres Ritual. 100 Euro, damit sie nachschauen kann, dir helfen, aber es gibt ein weiteres Problem: Deine Schatten sind zügellos. Damit sie dich freisetzen kann... Damit dich das Übernatürliche erreichen kann... Immer verspricht sie: Es ist das letzte Mal. Dir kommen Zweifel. Du sagst ihr, dass du so viel Geld gar nicht hast. Und mit einem Mal kippt alles ins Bedrohliche: Wenn du nicht zahlen kannst, werden die Schatten auf deine Töchter, auf deinen Mann, deine Mutter, deinen Bruder. Wenn du nicht zahlen kannst, werden auch meine Schatten auf dich, dein Abgrund für immer, das Unvorstellbare wird dich–. Wenn du nicht zahlen kannst, bis 18 Uhr, es wird sofort passieren.

Du brauchst Geld.
Du hörst uns nicht zu, glaubst uns kein Wort, du brauchst Geld.
Du willst dein Handy, das wir dir entnommen haben, damit sie dir nicht weiter irgendwas erzählen kann.
Du willst dein Handy, sie um mehr Zeit bitten, sie anflehen, anbetteln, anbeten.
Du willst dein Handy, ich komme mir vor, als hielten wir dich auf kalten Drogenentzug.

Du hast Angst. Ich habe noch nie irgendjemanden eine solche Angst haben sehen. Mit jeder Minute Richtung Bankenschluss wird deine Angst größer, aber ich komme erst bei dir in Hamburg an, als die Frist bereits verstrichen ist, sage dann: Schau, es ist doch gar nichts passiert. Für dich ist das kein Beweis. Du glaubst, dass sie dir nur noch ein bisschen mehr Zeit verschaffen konnte, dich und uns beschützen, bis zum nächsten Tag vielleicht.

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Ich versuche Maß zu nehmen von dem Spalt zwischen uns, nach jedem meiner Sätze zu schauen, ob der Abstand zwischen deiner Welt und meiner Welt abnimmt, ob ich mit meinen Worten nach dir greifen kann, deine Fingerspitzen bloß oder auch nur eine Haarsträhne, aber mit allem, was du mir mit deiner Erzählung entgegnest, auch mit deinen Gesten, mit deinem bloßen Gesichtsausdruck, gräbst du den Spalt tiefer und weiter und ich muss richtig aufpassen, nicht hineinzufallen.

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Jeden Tag behandeln die Ärzte meinen Körper, sie machen unzählige Tests: Bluttests, EEG-Scans, MRT-Scans, sie stechen eine dünne Nadel in meine Wirbelsäule und ziehen eine weiße Flüssigkeit heraus, sehen, dass ich eine Entzündung in meinem Gehirn habe. Nur haben sie keine Ahnung, was die Ursache ist. Warum ich so plötzlich aus meinem Leben herausgerissen wurde. Sie wissen, dass es keine bakterielle Infektion ist, es könnte aber auch HIV, eine andere Virusinfektion oder eine Autoimmunerkrankung sein. Sie testen mich auf alles, ihnen gehen die Möglichkeiten aus. Manchmal, sagen die Ärzte, weiß man es einfach nicht. Ich hänge an Schläuchen.

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In einem Schreibseminar zum Thema Autofiktion, das Constance Debré im Rahmen einer Gastprofessur ein Semester lang an meiner Uni hält, sagt sie in einer Sitzung zu uns: Nothing can happen when we write, nothing will happen to our body, we cannot die. 

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Eigentlich lese ich „Aliens and Anorexia“, weil mich interessiert, wie und was Chris Kraus über Berlin schreibt, stoße aber gleich zu Beginn auf ihre Überlegungen zur Begegnung mit dem Übernatürlichen und muss dabei an meine Mutter denken. Kraus unterteilt Alien-Encounter in zwei Kategorien: in die, die auf einer Entführung basieren, die unfreiwilligen, und in die des gezielten Aufsuchens, die freiwilligen. Mehrmals lese ich mich durch die jeweiligen Passagen und frage mich, ob meine Mutter sich in der Kategorie derer, die von sich aus nach einem Alien-Encounter streben, wiederfinden kann. Kraus schreibt, dass diese Menschen einem Zustand oder besser gesagt einem Gefühl der Entfremdung entkommen wollen, sei es eine Entfremdung innerhalb der Gesellschaft, innerhalb politischer Strukturen oder vor sich selbst. Den Ausweg vermuten sie dabei nur noch außerhalb von sich: in der Kontaktaufnahme mit dem Alien, der höchsten Form verkörperlichter Entfremdung.

Aliens werden im weiteren Verlauf des Textes zum Sprachbild einer Person, die sich verändert hat. Ulrike Meinhof, inhaftiert in einer Hochsicherheitszelle im Gefängnis Stammheim, wird für Kraus in diesem Moment der absoluten Haft „exemplarisch“ für die Transformation der Aktivistin, die sie einst war, zur Terroristin, zu der sie geworden ist: [S]he became an Alien, i.e., someone who has changed. Wochen vor ihrer Ermordung schrieb Meinhof in ihr Tagebuch: Feeling your head exploding. Feeling your brain on the point of bursting to bits. Feeling your spine jammed up into your brain and feeling your brain like a dried fruit. Feeling continuously and unconsciously and like an electric wire. Feeling as if they’ve stolen the associations of your ideas. Feeling your cells move. You open your eyes. The cells move.

Aus zwei Gründen erscheint mir dieser Auszug eindrücklich: 1. Ich stelle mir vor, dass du dich so gefühlt haben könntest und du deshalb nach Hilfe im Internet gesucht hast. Allerdings war es nicht das erste Mal, dass du eine Maßnahme dieser Art ergriffen hast, nur das erste Mal in solch einem Ausmaß. Treffender wäre es, auch um in Kraus’ Bild zu bleiben, dass du hofftest, dass dich die Rituale mit der sogenannten Heilerin beziehungsweise der übernatürlichen Energie so fühlen lassen: Steht Meinhof in diesem Eintrag kurz vor ihrer Transformation oder ist es gar die Beschreibung eben jenes Moments?

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2. Ich schreibe einen Essay über meine Mutter. Ich schreibe ihn genau ein Jahr später nach dem Vorfall, über den ich schreibe, im selben Monat April, in einem Rausch innerhalb von fünf Tagen fertig, gebe ihm den Titel: „Zwischen uns ein Spalt, wir legen unsere Wörter hinein“ und den Untertitel: Dieser Text ist mein Maß nehmen. Mein Graben. Mein Zuschütten. Für Dich.

Kurz darauf lande ich im Krankenhaus. Was würde Constance Debré dazu sagen? Die Ärzte haben keine Ahnung. Was hat mich da getroffen? Der Fluch der Heilerin? Ausgelöst durch mein Schreiben? Es fühlt sich unheimlich an, den Essay wieder hervorzuholen, Teile aus ihm hier einzufügen, sie Euch lesen zu lassen. Was wird diesmal passieren? Kann überhaupt noch mehr passieren oder bin ich jetzt bald nach einem Monat Krankenhausaufenthalt fertig transformiert? Dabei glaube ich nicht einmal an diese Art von Heilerin, die ihre übernatürlichen Rituale auf WhatsApp durchführt. Ich glaube überhaupt nicht ans Übernatürliche. Im Gegensatz zu meiner Mutter glaube ich an das Lesen, das Schreiben: an die Literatur glaube ich.

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Dieser Text ist für Dich? Mit meinem Schreiben bin ich dir noch nie real nähergekommen. Ich komme mir näher, in meinem Kopf komme ich dir näher, ich komme damit aber mir näher und die Distanz legt sich weiter zwischen uns, weil wir die Worte anders nutzten, weil unsere Worte unterschiedliche Welten meinen, auch wenn ich mich dir in diesem Augenblick am nächsten fühle, wie seit langem.

Du liest meine Texte nicht. Du streust Salz in die Ecken, stellst Acrylglasplatten auf. Sagst dann: Bestseller können nur aufgrund von Geheimchips geschrieben werden, mithilfe der Geheiminformation der Aliens darauf. Genauso wie alle erfolgreichen Menschen nur erfolgreich werden konnten aufgrund der Geheiminformation auf den Geheimchips.

Lange glaubte ich, und deshalb nahm ich mir ursprünglich vor, niemals über dich zu schreiben, dass ich nur schreiben kann, so wie ich nur leben kann, wenn du nicht bei mir bist. Sei es körperlich, sei es gedanklich: Dass dieser Spalt zwischen uns liegen muss, mühsam habe ich ihn mir erkämpft. Aber dass mein Schreiben nur in deiner Abwesenheit begründet ist, das ist nicht korrekt, weil ich mir eingestehen muss, dass du einer der schwerwiegenden Gründe dafür bist, dass ich überhaupt schreibe. Dass mein Ausweg die Literatur ist, das Lesen und das Schreiben, das immer im Text denken, vom Text weg zum Text hin und immer wieder dieser Austausch, auch die damit verbundene Qual an der Sprache: Das habe ich von dir, besser gesagt: wegen dir. Für mich ist es das Gegenteil zu deiner Art, mit deinen Worten immerzu an der Bedeutung meiner Welt zu drehen.

Ich notiere:

Wir leben entlang einer Grenze, die zwei Fronten unterteilt. Leben im Zustand eines permanenten Ringens um die Berechenbarkeit der Worte, der Sätze, der Texte. Auf deiner Seite siegt die Unberechenbarkeit.

Notiere:

Auf beiden Seiten herrscht die Möglichkeit, durch die Erzählung an einem anderen anzuknüpfen. Aber auch voreinander zu fliehen, einander zu entkommen. Ein weiteres verbindendes Element liegt in der Tatsache der Grenze begründet: Das Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle.

Mit meinen Worten, die für einen Moment versuchen keinen Unterschied zu meinen, fülle ich den Spalt zwischen einer Tochter und ihrer Mutter auf.

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Es war Mord, lautet der letzte Satz in dem Roman „Malina“ von Ingeborg Bachmann, der auch den Prozess des Schreibens in sich aufnehmen kann, weil er nicht imstande ist einzulösen, was sich die Schriftstellerin durch ihn verspricht: die Lücke einer unerfüllten Liebe zu füllen, die Wunden der Gesellschaft zu heilen. Schreiben wird in diesem Ende zur schmerzlichsten aller Todesarten. Ich frage mich, ob das Verzweifeln am Schreiben, das Scheitern an der Sprache, das Gefühl des Ungenügens der einem zur Verfügung stehenden Worte für die Schriftstellerin nicht sogar schwerer wiegt, als es das Scheitern einer Liebesbeziehung jemals könnte?

In dem letzten Satz könnte aber auch etwas Positives stehen: dass hier ein Trauma gestorben ist, etwas Neues beginnt. Weil ein Leben nach dem Geheimnis des Traumas, das heißt: ein Leben, so wie es war, nicht mehr möglich ist.

Ich frage Ezekiel, wie die Welt außerhalb der Krankenhausmauern aussieht. Er zitiert T.S. Elliot: April is the cruelest month. Jeden Tag nach seinem Besuch, allein und verängstigt, dass ich nicht wieder zurückkomme, achtet er darauf, dass er auf einem Weg nach Hause geht, der die intensivste Explosion des Frühlings zeigt. Er will sich diesen kurzen Moment des Staunens nicht entgehen lassen, aber tatsächlich findet er etwas anderes. Wenn die bunten Farben der Natur in der Stadt auftauchen, geht es den Menschen nicht gut, sie niesen, husten, ihre Augen tränen, als ob sie gegen diese Schönheit allergisch wären.

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Eine Zeichnung von 6 Pollen.
(c) The Public Domain Review