25.08.2026

Der Stuhl

August 2026

Bei meinem ersten richtigen Besuch beim Gynäkologen, der über eine HPV-Impfung hinausging, bin ich 24. Ich sitze wartend zwischen jungen Frauen und frischgebackenen Müttern und starre auf gerahmte Babybauchbilder an der Raufasertapete.

„And your dearest fantasy is to grow a baby in me“, singt Adrienne Lenker auf der Hinfahrt im Autoradio. Sie streicht sich über den Bauch, nur kurz, um zu üben. Bald werden das alle machen. Alle im Büro, alle beim Stammtisch, wahrscheinlich sogar alle in ihrer Familie. Ob sie das gut findet, ist eine andere Sache, aber da muss sie durch. Wie auch durch die Morgenübelkeit, die Heißhungerattacken, die Rückenschmerzen. Sie muss da durch, durch ihren sich stetig veränderten Körper. Sie muss ihn durchschreiten, um da anzukommen, wo sie sich hinwünscht. Sie muss da durch, durch diese endlos langen Monate und die Sorgen und Zweifel, eine gute Mutter sein zu können. 

Mutter sein, da muss sie durch. Den Rollentausch vollziehen, sich diese komplexe Identität überstülpen, sich darin finden, sich darin nicht verlieren. Tochter und Mutter sein, hoffen, irgendwann Großmutter zu sein, da muss sie durch. Sie muss durch Tests und Untersuchungen und volle Kalender und Spritzen und Glibbergel auf und in ihrem Körper. Sie muss durch Finanzierungspläne, Renovierungsarbeiten und Shoppingtrips. 

Sie schnauft. 

Ihr Bauch, schon längst wieder losgelassen, liegt still unter ihrem Hemd. Sie wird so lange alles mit Knopfleiste tragen, wie es nur geht, da muss ihr Bauch durch. Noch kann sie ihre Schuhe im Sitzen betrachten und schaut auf ihre nackten Zehen in den bequemen Sandalen. Da muss dein Bein durch, da dein Kopf, wird sie ihrem Kind erklären. Sie muss durch Elternabende und Kuchenbasare, durch verlorene Kuscheltiere und kaputtes Spielzeug. Sie muss durchatmen. Sie muss verstehen, dass das nicht alles ist. Und vor allem: Sie muss da nicht alleine durch. Sie muss sich ablenken, sie muss raus aus diesen Gedanken. Ihre Frau setzt sich zu ihr, küsst ihre Schläfe und packt den Mutterpass ein. Sie lächeln sich müde an, verstehen die Last der jeweils anderen, ohne sich erklären zu müssen.

*

Ich werde mit neutraler Anrede aufgerufen. Er sieht charismatisch aus mit seinen strahlenden, naturweißen Zähnen, wie er da sitzt zwischen den Broschüren, die über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt aufklären. Die Dinge, die er erklärt, weiß ich schon, aber ich bin froh, dass er sich wenigstens auskennt. Sein Sprachgebrauch ist sensibel, F64.0 Cyborgs sind nichts Neues für ihn und doch zucke ich zusammen, als er “Scheide” sagt. Wer sagt denn noch Scheide, denke ich, und begebe mich ins eigentliche Behandlungszimmer. 

Irgendwie kommt es mir sinnlos vor, sich einmal obenrum und dann untenrum frei zu machen, vielleicht weil ich gar nicht mehr damit rechne, in diesen Räumen geschützt zu werden. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ ist wirklich keine Aussage, die jemals in Arztpraxen garantiert wird.

Nun liege ich also da, meine haarigen Beine gespreizt, und höre ihm zu, wie er scheinbar einfach Sachen in den Raum sagt, sichtbare und beabsichtigte Veränderungen für sich festhält, bis ich checke, dass er der Schwester Informationen mitteilt, welche sie ganz fleißig in das Computersystem eintippt. Er spricht mit mir, während sein Finger noch in mir steckt, drückt auf meinem Happy Trail herum und entlässt mich mit einem festen Händeschütteln und einer Creme. Ich verlasse die Praxis, laufe noch etwas benebelt durch den Mix Markt nebenan und starre dort auf Minion-Sahnetorten, kaufe mir zur Belohnung in der Drogerie ein NYX Lip Oil und mit Zartbitterschokolade überzogene Kichererbsenwaffeln und stapfe bis zum nächsten Regionalbahnhof durch den Schnee.

In meiner Wartezeit tippe ich Scheide in die Suchmaschine und bekomme den Eintrag „Die Vagina des Menschen” ausgespuckt. Vagina of the people sozusagen. Unter mehreren Seiten zu dem Thema wartet der Eintrag „Scheide (Behälter)“ auf mich. Ein Behälter wiederum „ist ein Gegenstand, der in seinem Inneren einen Hohlraum aufweist, der insbesondere dem Zweck dient, seinen Inhalt von seiner Umwelt zu trennen.“ 

Manchmal bin ich selbst überrascht, was alles in einen reinpasst, aber spätestens seit einem Satz aus der Dokumentation BloodSisters: Leather, Dykes and Sadomasochism von Michelle Handelman aus dem Jahr 1995 bin ich sehnsüchtig geworden: „She stuck her fist in my cunt and I knew that I was home.“ Die Scheide als Heimat und Dritter Ort in einem. Meine Finger frieren, als der Zug einfährt. Ich weiß ganz genau, wo ich jetzt lieber wäre.

*

Es ist mir peinlich, dass ich in den darauffolgenden Tagen noch an meinen Termin zurückdenken muss. Die Welt der erotischen Fantasie rund um den Besuch der Lesbe beim männlichen Gynäkologen ist mir bisher zum Glück recht fremd geblieben, denn das scheint besonders ein Ding aus vorherigen Generationen zu sein und doch ist das Internet immer noch voll mit diversen Ergüssen von anonymen Boomer-Lustmolchen. Ich weigere mich hinzunehmen, dass es bei dieser heterosexistischen, lesbenfeindlichen Fetischischisierung für uns wirklich was zu holen gibt, doch erinnere mich an ein Internettagebuch, auf das ich vor einigen Jahren gestoßen bin. 

Eine Frau schreibt in kurzen bis mittellangen Beiträgen über ihren Alltag in den späten 1990er und frühen 2000er Jahren. Sie lebt irgendwo im Ruhrgebiet und in den anfänglichen Posts auch noch mit ihrer Mutter zusammen. So wie sie ihre wechselnden Jobs, ihre zwischenmenschlichen Kontakte und ihr Zuhause beschreibt, scheint nur wenig Gutes in ihrem Leben zu passieren. Ich erinnere mich an Berichte von der Arbeit am Fließband, von ihren gehässigen Kolleginnen, ihrer nörgelnden Mutter und doch gibt sie wenig über ihr Innenleben preis. Je tiefer ich in dieses Tagebuch eindringe, desto mehr tauchen Informationen über ihre Sexualität auf. In den festgehaltenen Jahren führt sie mehrere, ausschließlich lesbische Beziehungen zu Frauen in ihrem Umfeld. Sie trifft sie auf Arbeit, in Kneipen oder durch Ex-Freundinnen. Sie zoffen sich, lieben sich und trennen sich. 

Eifersucht scheint ein großes Thema zu sein und am Ende des Tages schreibt sie all das ins damals noch junge Internet, ein Ort, den es heute so gar nicht mehr gibt. Genau deswegen lässt sich dieser Blog auch nicht mehr finden, meine Anhaltspunkte sind nicht aussagekräftig genug und die Befürchtung ist groß, dass die Seite auch gar nicht mehr existiert. 

Nach ihrem Auszug bei ihrer Mutter zieht sie in derselben Stadt mit einer Frau zusammen, die kurze Haare hat und sie immer nach der Arbeit mit ihrem Motorrad abholt, bei einem inaktiven Zierbrunnen in einem Gewerbegebiet. Die Beiträge aus der langjährigen Beziehung kreieren ein Mosaik aus verschiedenen Grautönen: Immer wieder trennen sie sich, bezichtigen einander des Fremdgehens und verbringen der Arbeit geschuldet immer weniger Zeit miteinander. 

Auch eine weitere Sache ändert sich bei der Tagebuchschreiberin. In den früheren Jahren thematisiert sie deutlich ihr Desinteresse an Männern, beschreibt die Frauen an ihrer Seite als ihr Gegenstück und scheut auch nicht davor, zu schreiben, wenn sie sich “heute wieder geliebt” haben. Doch in den 2000er Jahren, kurz vor dem vermeintlichen Ende des Blogs, häufen sich Gedanken über eine explizite Fantasie. 

Die Vorstellung macht sie an, komplett ausgeliefert auf dem Stuhl zu sein, während sie vom ärztlichen Personal untersucht wird, und von diesen medizinischen Routineuntersuchungen merkbar erregt ist, bis das Check-Up in ihrer sexuellen Lustbefriedigung endet. Zuerst bleibt das Geschlecht der ärztlichen Perspektive unwichtig, ein wenig später schreibt sie die Fantasie auf ihre aktuelle Freundin zu, spielt sogar mit der Überlegung, sich gebraucht einen Untersuchungsstuhl zuzulegen, um ihre Fantasie endlich Wirklichkeit werden zu lassen. Ihre Sprache im gesamten Onlinetagebuch ist recht simpel und wenig ausgeschmückt, es dauert nicht mehr als ein, zwei lange Nachmittage, um mir alles durchzulesen, doch bei ihrem Fetisch sprudelt es erst so richtig aus ihr heraus; das sich unendlich lang anfühlende Warten im Praxisflur, der Geruch des sterilen Behandlungszimmers, das peitschende Geräusch der Latexhandschuhe, die silbernen, kühlen Untersuchungsinstrumente auf und in ihrem Körper, die professionellen, unpersönlichen Berührungen der Behandelnden – alles beschreibt sie eindrücklich und immer wieder, mal ändern sich ein paar Details, aber sonst bleibt sie ihrer Fantasie treu. 

Bis da auf einmal der Arzt auftaucht und nie wieder geht. Der gierige und machtvolle Mann mit den langen, geschickten Fingern übernimmt nun die Vollzeitstelle ihres Fetisches, alle vorherigen Untersuchungsmethoden scheinen sie nicht mehr zu befriedigen, nur er weiß ihr noch zu helfen und langsam verschwindet auch die Motorradlesbe aus ihren Beiträgen, auf die kein Ersatz folgen sollte. 

Meine Befriedigung hingegen ging Richtung Null. Dass ich überhaupt auf diesen Blog gestoßen bin, war ein Zufall und dann noch zu entdecken, dass es sich um ein Tagebuch einer Arbeiterin handelte, die über ihre lesbische Sexualität berichtete, war ein echter Glücksfund. Die Geschichte einer Frau, die sich schlussendlich von anderen Frauen abwandte, um alleine zu leben, beschäftigte mich auf mehreren Ebenen. Fantasien sind Fantasien und nicht die Wirklichkeit, weswegen sie auch einen sicheren Raum bieten, um sich mit sexuellen Tabus zu beschäftigen, ohne sie in der Realität ausüben zu müssen oder überhaupt zu wollen. Trotzdem betrübte mich die Entwicklung dieses Blogs.
In welchem Paralleluniversum hätten unsere Rollen getauscht sein können? Wie groß sind die Auswirkungen unseres Generationsunterschieds? Hätte queere Gemeinschaft und Unterstützung außerhalb ihrer romantischen Beziehungen zu einem anderen „Ende” geführt? 

Ich denke an die Aussage einer jungen Lesbe in einem Seminar, dass es „bestimmt voll schlimm” gewesen sein muss, sich 2015 als queer geoutet zu haben. 2015 war ich in meine Physiklehrerin verliebt, schrieb im Unterricht mit meiner Mitschülerin mit den Rehaugen Fanfictions über fiktive Schwulenpärchen und las in Büchern wie Wie wir begehren zum ersten Mal mehr zu einer lesbischen Identität losgelöst vom vorgeschriebenen Frausein. 2015 war ich ein depressiver, autistischer Außenseiter und noch einige Jahre von lesbischer Liebe entfernt, aber zu sagen, es wäre “bestimmt voll schlimm” gewesen, zu dieser Zeit ein offenes, authentisches Leben zu führen, blendet Jahrhunderte bereits gelebter queerer Geschichte aus.  

*

Bei meinem zweiten Besuch beim Gynäkologen bin ich 25 und warte lange, aus einem Termin werden vier, weil mir niemand so richtig Blut abzapfen kann, dabei geht das doch anderweitig so einfach bei mir. 

Das hellrosa Blut an ihren Fingern, nachdem sie in mir war. Das dunkelrote Blut, das immer noch meine Unterhosen ruiniert, das Karminrot eines harmlosen Papierschnitts. Das verdünnte Blut in meinem Mund, weil sich meine Lippen so weich anfühlten, wie das Gummibärchen, das wir uns teilten. 

Mehrmals lasse ich diese Art der Penetration über mich ergehen, halte abwechselnd eine kleine My Melody Figur und ihre Hand fest, lasse mich mit schmerzender Nadel im Arm fragen, ob wir Bruder und Schwester seien, werde nicht der Frage wegen fast ohnmächtig und denke wirklich drüber nach, ob mit mir was nicht stimmt. Mit getrockneten Frusttränen und blauen Flecken bekomme ich erneut einen Termin, bis es dann endlich klappt und ich mich nicht einmal über das pinke Blut in den Röhrchen freuen kann.
Nun sitze ich wieder hier. Ich warte und beobachte, dass jemand das Behandlungszimmer verlässt und sich gut gelaunt von der Sprechstundenhilfe verabschiedet. Ich erhasche nur einen Blick auf ihre kniehohen Stiefel, bevor endgültig die Tür hinter ihr zufällt. 

Wieder zuhause verbringt sie die restlichen Stunden im Bett, das hat sie sich verdient. Sie klickt, scrollt, nickt, leckt sich die Krümel der gesalzenen Nüsse von den Fingern, scrollt weiter. Ihre Nachuntersuchung lief gut. 
Eigentlich nehme die Praxis ja keine neuen Patientinnen, außer sie wäre noch nie beim Gyn gewesen, aber das könne man ja bei ihrem Alter höchstwahrscheinlich ausschließen. Am Telefon konnte man ihr triumphierendes Lächeln nicht sehen, denn es war selten, dass ihr das deutsche Gesundheitssystem gerade deswegen entgegenkam. Nicht die Transsexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der sie lebt. 

Sie fährt auf dem Stuhl gen Decke und fühlt sich wie im Himmel. Sie weiß, dass sie da unten gut aussieht, aber als die Frauenärztin beachtlich lächelt, fühlt sie sich bestätigt. „My Angel getting her wings“, schrieb ihr eine Freundin damals, bevor sie in den OP gefahren wurde.
Dafür hat sie den ganzen Spaß überhaupt hinter sich gebracht. Die monatelangen Recherchen, Abgleichungen, Überlegungen, Vorbereitungen, Ängste und Hoffnungen haben ihr ein sehr schönes Ergebnis beschert, was sich sehen lassen darf. Sie weiß, dass ihr diese Räume nicht angst- und urteilsfrei offenstehen, aber sie weiß, dass sie und ihre Schwestern hier hingehören. 

Beim Bougieren schaut sie mehrere Serien. 
Girls, Gilmore Girls, New Girl, Golden Girls, Gossip Girl, Powerpuff Girls. 
Sie wäre manchmal gern ein Clean Girl, zum Fertigmachen hört sie Stupid Girls von P!nk und Bad Girls von M.I.A., ihre Curly Girl Produkte stehen immer noch im dreckigen Bad von ihrem Ex.
Ihre Letterboxd-Aktivität der letzten Wochen umfasst Funny Girl, Showgirls, The Girl with the Dragon Tattoo und Tank Girl.
Ein Typ von einer Dating App nennt sie Good Girl und denkt, er hätte ihr damit DIE Gender Euphoria ihres Lebens verpasst. Sie verlässt das Treffen frühzeitig und ruft ihre Girls an.  

„My first name Angel, prettiest mess you've ever seen“, steht in ihrer Bio, das Profil erstellt von ihrer Freundin, der sie ihren Namen zu verdanken hat. Angel, yes. Pretty, yes. Messy, not anymore.

Sie ist nicht aus luftleerem Raum eine Frau geworden, nur weil sie ihr offizielles Mädchensein überspringen musste. Frausein heißt vom Mädchensein nicht Abschied nehmen können. Frausein heißt zu kämpfen, kein Mädchen mehr zu sein und Girl bleiben zu dürfen. 

Sie löscht die Dating App und trägt sich ihren nächsten Termin in den Kalender. Sie ist ihre eigene Frau.

 

Ein Bücherstapel mit erotischer Literatur.
(c) Lex Bernsdorf